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Explosives Erbe: Kampfmittelbeseitigung mit neuem Fokus

17.08.2019 - Unter sächsischer Erde liegen zahlreiche Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg. Immer wieder sorgen Bombenfunde öffentlich für Aufsehen - dabei machen sie nur einen Bruchteil der gefährlichen Arbeit aus.

  • «Kampfmittelbeseitigung» steht auf einem Fahrzeug vom Kampfmittelbeseitigungsdienst. Foto: Philipp Schulze/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    «Kampfmittelbeseitigung» steht auf einem Fahrzeug vom Kampfmittelbeseitigungsdienst. Foto: Philipp Schulze/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Dresden (dpa/sn) - Auch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind Bombenentschärfer und Munitionsexperten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KMBD) in Sachsen noch gefordert. «Aber der Schwerpunkt hat sich verlagert», sagt der Sprecher des dafür zuständigen Polizeiverwaltungsamtes, Jürgen Scherf, der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. Nachdem seit 1990 bislang vor allem Flächen für Gewerbegebiete und Siedlungen von Munition befreit wurden, rückten nun bisher nicht bearbeitete verseuchte Flächen in unbewohnten Regionen in den Blick.

Für diese systematische Gefahrenabwehr fehlte bisher die Zeit. Dazu gehört etwa das Polygon in Belgern, ein ehemaliger Luftabwurfplatz der Sowjetstreitkräfte 1945. «Dort wurde sieben Tage die Woche 24 Stunden und 365 Tage im Jahr Bombenabwurf trainiert», beschreibt Scherf die Dimension. Seit 1992 konnten erst zwei Drittel der Fläche von Munition gesäubert werden.

Innenminister Roland Wöller (CDU) dankte den 27 Mitarbeitern des KMBD am Samstag bei der Feier zu dessen 70-jährigem Bestehen im Landtag in Dresden für die «professionelle, hochpräzise, anspruchsvolle und verantwortungsvolle Arbeit», mit der sie «einen wesentlichen Beitrag für unsere Sicherheit» leisteten. Der Freistaat gibt nach Ministeriumsangaben dafür jährlich rund sechs Millionen Euro aus.

Laut Wöller stehen 70 Jahre KMBD für «Präzision unter schwierigsten Bedingungen, Mut in Anbetracht unkalkulierbarer Risiken und Tatkraft unter nicht selten widrigen Umständen beim Aufspüren von Blindgängern, beim Beseitigen von Sprengladungen und bei der fachgerechten Bergung von Munitionsteilen». Eingerichtet wurde er im Juli 1949 als zentrale Abteilung Vernichtung von Kriegsgerät bei der Landespolizei und übernahm damit die bis dahin lokale Planung und Organisation der Kampfmittelräumung für Sachsen.

Aber auch schon vorher, nach den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg, waren Blindgänger und Luftminen entschärft worden. Hatte in den 1950er Jahren die Munitionsräumung in den stark zerstörten Städten Vorrang, um Flächen für Wohnungsbau und Infrastruktur zu sichern, waren es später Areale für Braunkohletagebaue und -aufbereitungsanlagen sowie Chemiewerke. Ab 1962 ging es dann immer mehr um Baumaßnahmen.

«Parallel dazu gab es Einsätze, wenn bei der Feldarbeit oder von Spaziergängern Munition entdeckt wurde», berichtet Scherf. «Das begleitet uns bis heute.» Aktuell sind acht Teams mit je einem Sprengmeister sowie Munitionsräumarbeitern im Einsatz. «Man braucht starke Nerven, eine gefestigte Persönlichkeit, hohes technisches Wissen, umfangreiche Kenntnisse in Chemie und Metallurgie, eine ruhige Hand und ein gutes Auge», sagte Scherf. «Der Rest ist Erfahrung.»

Schwerpunkt der Tätigkeit sei nicht die spektakuläre Bombenentschärfung, sondern die Beseitigung der Unmengen an Artillerie- und Handwaffenmunition, betont Scherf. Wie viel noch im Boden liegt, ist unklar. «Wir wissen ja nicht, was genau verschossen und vergraben, was produziert wurde.» Aber allein in den letzten fünf Jahren wurden laut Statistik mehr als eine Million Kilogramm Munition, Sprengstoff und Waffen geborgen. Darunter waren auch Bomben, Patronen für Handwaffen und Geschütze oder verrostete Karabiner, Maschinengewehre, Flakgeschütz- oder Panzerteile.

Im vergangenen Jahr stehen 792 Einsätze an 349 Fundstellen zu Buche. Die Spezialisten bleiben so lange aktiv, «bis wir nichts mehr finden», sagte Scherf. «Mit jeder Granate und jeder Patrone, die wir finden, kommen wir dem Ende ein Stück näher.» Der Bauboom habe die Entwicklung beschleunigt.

Die fortschreitende Liegezeit der Bomben, Granaten und Patronen fordert jedoch die Sprengmeister neu heraus. «70 Jahre wirken in zwei Richtungen: die Munition explodiert schneller oder durch Korrosion passiert gar nichts mehr.» Der Job werde unberechenbarer und anspruchsvoller. «Wichtig ist, Erfahrungen zu sammeln, was die Veränderung des Sprengstoffs, die lange Liegezeit im Boden, die Korrosion bedeuten.»

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