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Expertin: Corona-Pause für schulvermeidende Kinder riskant

27.06.2020 - Die Corona-Pandemie hat den Schulalltag völlig umgekrempelt. Für schulvermeidende Kinder kann die Rückkehr in die Schule schwer sein. Schulpsychologen rechnen in den kommenden Wochen mit mehr Arbeit.

  • Zwei Schülerinnen einer Grundschule rennen mit einem Schulranzen. Foto: Boris Roessler/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Zwei Schülerinnen einer Grundschule rennen mit einem Schulranzen. Foto: Boris Roessler/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Der Schulausfall während der Corona-Zeit kann aus Sicht von Fachleuten für Kinder mit Angststörungen auch im Nachhinein problematisch sein. «Für die meisten Schüler und Schülerinnen mit Schulangst oder Schulphobie war die Situation nicht günstig», sagte die Referatsleiterin der schulpsychologischen Beratung beim Landesschulamt, Carola Wilhayn, in Halle. Die Schulpsychologen und Schulpsychologinnen im Land rechnen für die kommenden Wochen mit mehr Beratungsanfragen - und loben zugleich die Arbeit an vielen Schulen.

Die beiden Angststörungen, die im Zusammenhang mit einem Schulbesuch am bekanntesten seien, seien Schulangst und Schulphobie, erklärte Wilhayn. Schulangst könne sich entweder als Angst vor einer negativen Bewertung, etwa der Furcht vor schlechten Noten, oder als eine soziale Angst, etwa der Angst vor Spott durch andere, äußern. Kinder mit einer Schulphobie spürten hingegen eher Angst, sich für einen längeren Zeitraum von ihren engsten Bezugspersonen zu trennen. In beiden Fällen mieden die Kinder in der Folge die Schule.

Die Corona-Krise sei eine völlig unerwartete Ausnahmesituation gewesen. «Die Schulen mussten sich innerhalb kurzer Zeit komplett umstellen und neue Wege finden, um trotzdem mit den Schülerinnen und Schülern Kontakt zu halten», sagte die Schulpsychologin. Anfangs seien die schulpsychologischen Angebote daher zweitrangig gewesen. «Es gab nur vereinzelt Anfragen von Eltern, die mit der Doppelrolle, auch noch Lehrer zu sein, überfordert waren», so Wilhayn. Auch einige Telefonate im Kontext häuslicher Gewalt führten die Experten und Expertinnen der schulpsychologischen Beratungen anfänglich.

Für die Schüler und Schülerinnen mit den Angststörungen könne die Wiedereröffnung der Schulen zu Schwierigkeiten führen. «Wir rechnen damit, dass in den kommenden Wochen mehr Beratungsanfragen auf uns zukommen», sagte Wilhayn. Der Grund: Die betroffenen Kinder würden womöglich wieder häufiger mit ihren Ängsten konfrontiert werden und könnten dadurch ein verstärktes Vermeidungsverhalten zeigen. «Bei Kindern mit Schulphobie sehe ich ein stärkeres Risiko der Schulvermeidung», so die Expertin. Denn sie waren während der Schulpause ihren Ängsten vor der Trennung von Zuhause nicht ausgesetzt und würden nun wieder umso mehr mit dieser konfrontiert.

Auch für Kinder mit sozialen Ängsten könne der Neustart schwierig sein. «Sie konnten sich während der Corona-Zeit sozial zurückziehen und im heimischen Schutzraum trotzdem oder vielleicht sogar besser ihre Leistungen zeigen», sagte Wilhayn. Nun würden die Ängste, etwa vor Hänseleien oder mündlichen Vorträgen vor der Klasse, wieder aufkommen. Für Kinder mit Angst vor einer Leistungsbewertung sei eine Prognose schwieriger. «Die meisten Lehrkräfte sind vorsichtig an das Thema Leistungsbewertung herangegangen», lobte die Expertin. Die Angst vor schlechten Noten sei daher womöglich noch nicht so präsent.

Nach Angaben des Sozialministeriums im Land sind die Aufgaben der Schulpsychologen und Schulpsychologinnen vielseitig. Sie unterstützten nicht nur die Kinder, sondern auch deren Eltern und Lehrkräfte bei schulbezogenen Fragen - oft in Zusammenarbeit mit Sozialarbeiter, Vertrauenslehrkräften oder dem Jugendamt. Das kann Themen wie Lern- und Verhaltensschwierigkeiten, aber auch Krisensituationen betreffen. Darüber hinaus bieten die Fachleute Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen an.

In der Regel zeige die Schule einen Beratungsbedarf beim Landesschulamt an, hieß es. Auch Eltern könnten im Einzelfall direkt oder über die Schule ihres Kindes den Kontakt zu den Beratenden herstellen. Insgesamt gebe es 25 Schulpsychologinnen und Schulpsychologen in Sachsen-Anhalt, erklärte Wilhayn. Die Prävalenz - sprich die Häufigkeit aller Fälle - liegt bei den Angststörungen von Kindern bei etwa zehn Prozent.

Für Kinder mit sozialen Ängsten oder jenen, die Sorge hätten, den Leistungsanforderungen nicht gewachsen zu sein, könne der Neustart nach Corona aber auch eine Chance sein, betonte Wilhayn. Mitunter hätten die Schülerinnen und Schüler während der Phase der Schulschließung gemerkt, dass ihnen die Schule doch gefehlt habe. Wichtig sei, stets den individuellen Fall zu betrachten und die Ursachen für das schulvermeidende Verhalten zu finden.

Mit Blick auf die Sommerferien rät die Schulpsychologin, die Zeit zu nutzen. «Jeder hat sich die Sommerzeit verdient», sagte Wilhayn. Eltern von Kindern mit Ängsten könnten die Situation aber dafür verwenden, sich beraten zu lassen und zu informieren. Die Beratungen der Schulpsychologen und Schulpsychologinnen sind nach Angaben des Sozialministeriums kostenlos.

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