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Halle gedenkt mit Blumen, Schweigen und Mahnungen der Opfer

09.10.2020 - In der früheren Tür der Synagoge von Halle sind die Einschusslöcher deutlich zu sehen. Sie erinnert nun als Denkmal an den Terroranschlag vor einem Jahr. Der Bundespräsident nimmt zum Jahrestag jeden Einzelnen in die Pflicht.

  • Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden, gedenkt den Opfern des Anschlags. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden, gedenkt den Opfern des Anschlags. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Am ersten Jahrestag des rechtsterroristischen Anschlags von Halle hat die Stadt mit emotionalen Gesten der Opfer gedacht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief am Freitag bei einer zentralen Gedenkveranstaltung dazu auf, Haltung gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit zu zeigen. Auf dem Innenhof der angegriffenen Synagoge wurde die zum Denkmal umgestaltete Tür enthüllt, die am 9. Oktober 2019 den Schüssen des Attentäters standgehalten hatte. In den Mittagsstunden versammelten sich Hunderte Menschen auf dem Marktplatz der Stadt und hielten mehrere Minuten lang zu Glockengeläut schweigend inne, um an die zwei Toten, die Verletzten und Traumatisierten zu erinnern.

Steinmeier sagte vor rund 125 Gästen in der Ulrichskirche in Halle, er empfinde Scham und Zorn darüber, dass es nötig sei, jüdische Gotteshäuser in Deutschland zu schützen und dass die antisemitischen Gewalttaten wieder zunähmen. Er verwies zudem auf andere rechtsextreme Gewalttaten der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Das Grundgesetz sei eine Verpflichtung für jeden Einzelnen, sich einzumischen. «Jeder und jede muss aufstehen, wenn die Menschenwürde anderer missachtet wird.»

Am 9. Oktober 2019 hatte ein schwer bewaffneter Täter Sprengsätze über die Mauer des Synagogengeländes geworfen und versucht, in das Gotteshaus einzudringen. Dort feierten mehr als 50 Gläubige den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Als das Eindringen misslang, erschoss er eine 40 Jahre alte Passantin, tötete beim Angriff auf einen nahe gelegenen Dönerimbiss einen 20-Jährigen und verletzte und traumatisierte zahlreiche weitere Menschen, ehe er nach rund eineinhalb Stunden gefasst wurde. Der 28 Jahre alte Deutsche Stephan Balliet hat die Tat eingeräumt, vor dem Oberlandesgericht Naumburg läuft gerade der Prozess gegen ihn.

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) rief die Zivilgesellschaft zu Achtsamkeit auf. So ein krimineller Terrorakt entstehe nicht im luftleeren Raum, sondern in einem gesellschaftlichen Umfeld, sagte der CDU-Politiker. Der Oberbürgermeister von Halle, Bernd Wiegand (parteilos), sagte: «Viele Menschen im Umfeld des Attentäters sahen offenbar weg, als er sich radikalisierte.» Die Folge daraus könne nur sein: «Wir alle müssen stärker auf unser Umfeld achten.»

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Halle, Max Privorozki, erneuerte bei der Veranstaltung seiner Kritik an einer Äußerung von Innenminister Holger Stahlknecht (CDU). Der hatte vor einer Woche laut einem Zeitungsbericht gesagt, dass die Polizisten, die nun jüdische Einrichtungen bewachen, an anderer Stelle fehlen würden. «Das hat mich wirklich erschrocken», sagte Privorozki. Kritiker hatten dem Minister vorgeworfen, er habe damit den Schutz der jüdischen Einrichtungen als ein Privileg zu Lasten anderer dargestellt. Haseloff betonte in seiner Rede, dass es beim Schutz jüdischen Lebens keine Ressourcen-Diskussion geben dürfe.

Steinmeier, Haseloff und weitere Vertreter der Bundes- und Landespolitik sowie der israelischen und US-amerikanischen Botschaften hatten zuvor die Tatorte des Anschlags von Halle besucht. An der Synagoge wurden mehrere große Kränze niedergelegt und eine Gedenkplakette enthüllt.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sagte, er sei mit gemischten Gefühlen nach Halle gereist. Die Erinnerung an den Tattag löse immer noch Schmerz aus, gleichzeitig freue es ihn, wie sehr die Gemeinde zusammenstehe und wie viele Solidaritätsbekundungen es gegeben habe. «Deutschland ist unser Zuhause», sagte Schuster bei der Enthüllung des Denkmals im Innenhof der Synagoge. Halle sei das Zuhause der hiesigen Gemeinde und der Familien und Freunde der beiden Getöteten. «Und dieses Zuhause lassen wir uns nicht nehmen!»

Die Künstlerin Lidia Edel hatte aus der Tür, die vor einem Jahr den Schüssen des Attentäters standhielt, ein Denkmal gefertigt. Die Tür mit den sichtbaren Einschusslöchern wird von einer Eiche gehalten, deren Äste eine Hand darstellen. 52 silberne Blätter hinter der Tür symbolisieren die Überlebenden des Anschlags - jeweils zwei Blätter vor der Tür erinnern an die Toten und Verletzten.

Seit den Morgenstunden wurde in Halle mit zahlreichen Veranstaltungen und Blumen der Opfer des Anschlags gedacht. Bei den Schweigeminuten auf dem Marktplatz hielten viele Teilnehmer sich an den Händen oder hatten Tränen in den Augen. Zeitgleich läuteten die Kirchenglocken in der Stadt. Einige Teilnehmer hielten Transparente mit Aufschriften wie «Nein zu Rassismus und Antisemitismus».

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble forderte mit Blick auf den Jahrestag einen wirksameren Schutz jüdischer Menschen in Deutschland. Schäuble wies auch auf den brutalen Angriff auf einen Studenten vor einer Synagoge in Hamburg am vergangenen Sonntag hin. Diese Tat zeige, «dass wir in unserem konsequenten Einsatz gegen gewaltbereiten Antisemitismus und beim Schutz von Bürgern jüdischen Glaubens in unserem Land schnell und deutlich noch besser werden müssen», sagte Schäuble im Bundestag.

Sachsen-Anhalts Landtagspräsidentin Gabriele Brakebusch sagte, der Anschlag sei wahrlich nicht aus heiterem Himmel gekommen. «Ich empfinde Scham, dass wir dieses Attentat auf das Versöhnungsfest nicht verhindern konnten.» Der Anschlag in Halle habe «faktisch alles verändert», sagte Ministerpräsident Haseloff dem Sender MDR Aktuell. Es würden Maßnahmen ergriffen, damit eine solche Tat «nie wieder» vorkomme.

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