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Historischer Händedruck: 30 Jahre Kohl-Rede

17.12.2019 - Am 19. Dezember 1989 hielt Bundeskanzler Helmut Kohl seine berühmte Rede vor den Ruinen der Frauenkirche. Damals traf die Sächsin Gerlinde Keil den «Einheitskanzler» - das Bild ging um die Welt.

  • Helmut Kohl während seiner Rede vor der Dresdner Frauenkirche. Foto: Wolfgang Kumm/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Helmut Kohl während seiner Rede vor der Dresdner Frauenkirche. Foto: Wolfgang Kumm/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Bautzen/Dresden (dpa/sn) - Das Foto zeigt ein Stück deutsch-deutsche Geschichte. Unzählige Dresdner drängen sich am 19. Dezember 1989 um den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (1930-2017), der vor den Trümmern der Frauenkirche eine unvergessliche Rede hält. Bei seinem Antrittsbesuch an der Elbe verspricht er den knapp hunderttausend Zuhörern: «Mein Ziel bleibt - wenn die geschichtliche Stunde es zulässt - die Einheit unserer Nation». Immer wieder wird seine spontane Rede von lauten «Deutschland» -Rufen unterbrochen.

Auch einen Tag später ist die Euphorie groß, wieder strömen Tausende in die Stadt, um sich vom Bundeskanzler zu verabschieden. Unter ihnen ist Gerlinde Keil. In einer hellen Jacke schwenkt sie euphorisch die Deutschlandfahne, streckt ihre Hände über ein Auto hinweg nach Kohl aus - und holt sich seinen Händedruck ab. Das Bild geht um die Welt. Dass ausgerechnet dieses Foto später sogar die Langspielplatte mit der gut 15-minütigen Rede Kohls bebildert, hätte sich das Ehepaar Keil damals nicht träumen lassen.

Heute, 30 Jahre später, betrachtet Ulrich Keil andächtig das historische Dokument. Der 80-Jährige aus Bautzen erinnert sich noch gut an die ereignisreichen Tage im Herbst und Winter 1989. Damals ist der Theologe Pfarrer in Bannewitz bei Dresden. Seine Frau, die im Juli dieses Jahres gestorben ist, kümmert sich als Kinderdiakonin um die Gemeindearbeit. Das Ehepaar befindet sich vor 30 Jahren mitten im Herzen des implodierenden Landes. Sie spüren das Ende der DDR schon viele Monate herannahen: durch eine immer größer werdende Junge Gemeinde, durch immer mehr Gespräche mit Ausreisewilligen. «Wir aber wollten nie weg, wir wollten etwas ändern», sagt Keil.

Zeitgleich drängen Menschen, die in einer offenen und freien DDR leben wollen, in die Kirche zum Reden. «Wir haben Gemeindeabende, zum Beispiel zur letzten Volkskammerwahl gemacht. Draußen standen die Stasi-Leute und schrieben die Kfz-Kennzeichen auf», sagt Keil. Voller Hoffnung verfolgen sie das Paneuropäische Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze nahe der Stadt Sopron am 19. August 1989 - und die Flucht zahlreicher DDR-Bürger in die Prager Botschaft. Als die ersten Züge mit den Geflüchteten bei Nacht Anfang Oktober durch Dresden rollen, fahren Keil und seine Frau mit dem Trabant hinunter in die Stadt.

Was das Ehepaar dort erlebt, bleibt für den Pfarrer unvergesslich. «Wir haben miterlebt, wie Steine flogen und die Polizisten auf ihre Schilder klopften. Wir sahen die Wasserwerfer, und wie festgenommene Jugendliche auf dem Boden saßen. Da haben wir uns nur noch gefragt: Was läuft hier ab in diesem Land», sagt er. Mitglieder seiner Jungen Gemeinde werden verhaftet und nach Bautzen ins Gefängnis gebracht, wie das Ehepaar erst viel später erfährt. Keil greift zu Papier und Stift, schildert in einem aufwühlenden Brief das Gesehene und schickt ihn an den damaligen Dresdener Oberbürgermeister, Wolfgang Berghofer, an den Bischof, die Volkskammer und den Polizeipräsidenten. Von ihm bekommt er Antwort: Sowas könne sich ein Land nicht bieten lassen.

Fortan sind die Keils so häufig wie möglich bei den Montagsdemonstrationen dabei. Den Fall der Mauer erlebt der Theologe unverhofft in Westdeutschland. Er hat für den November schon länger den Geburtstagsbesuch seines Vaters in Erlangen geplant und fährt ein paar Tage eher. Er will in Hannover bei der Partnergemeinde vorbeischauen. Auf der Autobahn vom Norden in Süden wundert er sich am 10. November, dass ihm so viele Trabis begegnen. Bei der Feier wird dann nicht nur auf den Geburtstag angestoßen. Zurück in Dresden überschlagen sich die Ereignisse. Die Menschen haben auf einmal noch mehr Redebedarf, die DDR reformiert sich, doch auf den Straßen verändert sich die Losung des Herbstes: Aus «Wir sind das Volk» wird «Wir sind ein Volk».

Seinen Besuch kurz vor Weihnachten in Dresden bezeichnet Helmut Kohl später als «sein Schlüsselerlebnis auf dem Weg zur Einheit» und den «schwierigsten Balanceakt seines Lebens.» Bis dahin sei er überzeugt gewesen, die deutsche Einheit komme erst in drei oder vier Jahren. Für Gerlinde Keil aber steht fest, dass sie dem Kanzler ein paar Worte auf den Weg mitgeben muss. Sie ist gerade zurück vom Besuch ihrer Mutter aus Westdeutschland, hat eine neue Deutschland-Fahne im Gepäck. Noch vor der Probe für das Krippenspiel fährt sie in die Stadt.

Ihr Mann Ulrich zitiert aus ihrem Tagebuch: «Als er zum Auto kam und wir klatschten und winkten, steckte ich die Hand übers Auto. (...) bewegt gab er mir seine übermächtig große Hand. Bevor der Fahrer einstieg (...), sagte ich: "Vielen Dank! Und vergessen Sie uns nicht. ,Nein‘, sagte er, "Ich vergesse Sie nicht‘». Den Augenblick hält dpa-Fotograf Wolfgang Kumm fest. Später landet er auf der Schallplatte mit Kohls Dresdener Rede vom 19. Dezember 1989. Ohne die historische Rede, hätte es vermutlich die Deutsche Einheit nicht gegeben, hatte 2014 Sachsens damaliger Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) bei einem Besuch Kohls erklärt.

Für Ulrich Keil verbindet sich mit der Erinnerung an die Tage im Herbst und Winter 1989 eine große Dankbarkeit. «Für mich grenzt es an ein Wunder, dass kein Schuss fiel und kein Blut floss», sagt der Theologe - und trotzdem berühre es ihn, dass der Dank vieler an diese friedliche Revolution nicht so weit oben stehen würde, wie er stehen müsste.

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