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Überlebende berichten im Halle-Prozess

22.09.2020 - Was passierte am Terror-Tag in Halle? Das arbeitet seit einigen Monaten das Oberlandesgericht Sachsen-Anhalt auf. Am Dienstag berichteten Opfer und Augenzeugen von der Attacke auf den Dönerladen und ihre Begegnungen mit dem flüchtigen Attentäter.

  • Das Landgericht in Magdeburg. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Das Landgericht in Magdeburg. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Im Prozess um den rechtsextremen Terroranschlag auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle haben erneut mehrere Überlebende und Augenzeugen ausgesagt. Ein 29 Jahre alter Zeuge schilderte am 14. Verhandlungstag am Dienstag in Magdeburg, wie er sich am 9. Oktober 2019 vor dem Attentäter in der Toilette des Dönerladens versteckte. Er habe die Tür von innen zugehalten, eine Panikattacke bekämpft und eine Abschiedsnachricht an seine Familie geschrieben, sagte der gelernte Qualitätsmanager. «Ich bin davon ausgegangen, dass ich in der Toilette sterbe.»

Erst als nach einiger Zeit der Stille Polizisten nach ihm riefen, die Tür öffneten und er die Polizeiabzeichen auf ihren Jacken gesehen habe, sei ihm durch den Kopf geschossen: «Ich sterb heute nicht mehr.» Er sei sporadisch in psychologischer Behandlung, aber auch direkt nach dem Attentat wieder arbeiten gegangen, sagte der 29-Jährige. Er habe Angst in geschlossenen Räumen und größeren Menschenmengen, wollte aber trotzdem aussagen. «Ich wollte hier sein, obwohl ich Angst habe», sagte der Mann.

Ein anderer Überlebender des Angriffs auf den Döner-Laden schaffte das nicht. Der Trockenbauer Mitte Vierzig ist bis heute arbeitsunfähig, kann vor Angst nicht allein seine Wohnung verlassen und ist laut zahlreicher ärztlicher Gutachten schwer traumatisiert. Er war ein Arbeitskollege des 20-Jährigen, der im Imbiss vom Angreifer erschossen wurde, und lässt sich im Prozess von einer Anwältin als Nebenkläger vertreten.

Ihren Mandanten plagten bis heute Schuldgefühle, hieß es in einer Erklärung, die die Anwältin verlas. Er habe am 9. Oktober 2019 sein Mittagessen zu Hause vergessen und sich mit seinem 20 Jahre Arbeitskollegen in Halle einen Döner geholt.

Später liest die Vorsitzende Richterin vor, was der Trockenbauer wenige Tage nach dem Attentat den Polizisten erzählte, die ihn befragten. Der Mann habe sich hinter einen Kühlschrank geflüchtet. Als der schwer bewaffnete Täter auf ihn zugekommen sei, habe er um sein Leben gefleht und den Kühlschrank zwischen sich und dem Angreifer hin- und hergedreht. Schließlich habe er den Kühlschrank umgestoßen. Er habe sich nicht mehr um seinen jungen Arbeitskollegen gekümmert, sondern sei «einfach nur in Panik geflüchtet».

Ein schwer bewaffneter Täter hatte am 9. Oktober vergeblich versucht, eine mit 52 Gläubigen besetzte Synagoge am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur zu stürmen und dabei auch Granaten geworfen. Kurz darauf tötete der Mann eine 40 Jahre alte Passantin und griff einen Dönerladen in der Nähe an. Auf seiner Flucht lieferte er sich einen Schusswechsel mit der Polizei, fuhr einen jungen Mann an und verletzte auf der Suche nach einem neuen Fluchtwagen mehrere weitere Menschen, ehe er von der Polizei gefasst wurde.

Seit Juli arbeitet der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts den Terroranschlag auf. Aus Platzgründen wird in einem Saal des Magdeburger Landgerichts verhandelt. Angeklagt ist ein 28 Jahre alter Deutscher. Die Bundesanwaltschaft wirft Stephan Balliet vor, «aus einer antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Gesinnung heraus einen Mordanschlag auf Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens» geplant zu haben. Der Angeklagte hat die Tat gestanden.

Am Dienstag ging es auch um mehrere Verkehrsunfälle, die der Attentäter bei seiner Flucht verursachte. Dabei fuhr er laut Zeugenaussagen viel zu schnell über die Schienen der Straßenbahn und fuhr einen 24 Jahre alten Fußgänger an, ehe er beim Wechsel auf die Straße einen Krankentransport touchierte. Am Mittwoch sollen beim Prozess Menschen zu Wort kommen, die vom Attentäter auf seiner Flucht im Saalekreis bedroht und verletzt wurden, als er versuchte, erst ein Auto und dann ein Taxi zu rauben. Derzeit sind noch Verhandlungstage bis Mitte November angesetzt, um das Geschehen aufzuarbeiten.

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