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Herkunft von kolonialen Sammlungsstücken wird erforscht

20.04.2020 - Menschliche Schädel, Kunst- und Kulturschätze: In Thüringer Archiven liegen nach Einschätzung der Landesregierung noch viele Sammlungsstücke, die während der Kolonialzeit in den Freistaat gelangten. Über den Umgang damit hat nun eine Debatte begonnen.

  • Ein Neues Testament und eine Peitsche liegen in einem Museum. Foto: Marijan Murat/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Ein Neues Testament und eine Peitsche liegen in einem Museum. Foto: Marijan Murat/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Mehrere Forschungsprojekte haben in den vergangenen Jahren in Thüringen versucht, die Herkunft von vermutlich während der Kolonialzeit ins Land gelangten Sammlungsstücken zu klären. Vor allem an der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) in Jena seien eine Vielzahl von entsprechenden Projekten der sogenannten Provenienzforschung gelaufen, heißt es in der Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grüne-Landtagsabgeordneten Madeleine Henfling.

Trotzdem sei auch bei den Beständen der Hochschule noch nicht in jedem Fall klar, woher bestimmte Sammlungsteile stammten. So sei beispielsweise noch nicht die Herkunft von rund 250 menschlichen Schädeln geklärt, die in der anatomischen Sammlung der FSU liegen. Solche Schädel waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert für die damals sogenannte Rassenforschung genutzt worden.

Auch in vielen oft kleinen, regionalen Museen könnten nach Einschätzung der Landesregierung noch Sammlungsstück liegen, die während der Kolonialzeit nach Thüringen gekommen sind. So habe der Thüringer Museumsverband zwar 2018 bei mehr als 240 Museen im Freistaat angefragt, heißt es in der Antwort. Nur 15 der Einrichtungen hätten aber Angaben zu Beständen mit kolonialem Kontext gemacht. «Es ist nicht ausgeschlossen, dass bei der Bestandserschließung der Museen weitere Objekte mit kolonialem Kontext bekannt werden.»

Henfling hatte vor einigen Wochen einen neuen Umgang mit dem kolonialen Erbe des Landes gefordert - und damit ein großes Echo hervorgerufen. In diesem Zusammenhang müsse auch geprüft werden, welche der vorhandenen musealen Ausstellungsstücke aus der Kolonialzeit an zum Beispiel afrikanische Länder zurückgegeben werden könnten, hatte sie gesagt. «Immerhin hat man das mit im Nationalsozialismus geraubter Kunst auch gemacht.»

Der Landeshistoriker Steffen Raßloff hatte in diesem Zusammenhang davor gewarnt, die kolonialhistorische Debatte unter politischen Vorzeichen zu führen. «Prinzipiell ist es der richtige Ansatz, sich die Museumsbestände anzuschauen», sagte er. Er fürchte allerdings, dass bei den Grünen die Ergebnisse der Aufarbeitung schon feststünden, ehe diese überhaupt stattgefunden habe.

Neben den 250 menschlichen Schädeln der anatomischen Sammlung der FSU liegen dort nach Angaben der Landesregierung auch noch acht übermodellierte Schädel, zu denen derzeit ein Forschungsprojekt laufe. Sie stammten möglicherweise aus dem heutigen Papua-Neuguinea und waren wohl Anfang des 20. Jahrhunderts in den Besitz der Universität gelangt.

Solche Schädel seien von den indigenen Völkern Papua-Neuguineas teilweise selbst angefertigt und auch verkauft worden. «Es bleibt zu klären, ob diese Schädel aus einem Unrechtskontext stammen und ob eine Rückführung möglich beziehungsweise gewünscht ist», heißt es in der Antwort der Landesregierung.

Zudem soll auch in andere Bestände der Hochschule, aber auch in denen der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha, weiter nach der Herkunft von Sammlungsstücken mit mutmaßlich kolonialem Hintergrund geforscht werden. Bei der Stiftung laufe beispielsweise seit 2019 das Projekt eines Ethnologen zu einer dortigen Schädelsammlung. Nicht nur Sammlungsstücke mit einem kolonialen Hintergrund liegen aber noch immer teilweise unerforscht in Archiven, sondern auch solche, die mutmaßlich während der Verbrechen der Nationalsozialisten dorthin gelangten. Ebenfalls in der anatomischen Sammlung der FSU befinde sich beispielsweise eine tätowierte Haut. Da solche Tätowierungen Gegenstand der medizinischen Dissertation eines Lagerarztes von Buchenwald - Erich Wagner - gewesen seien, sei nicht auszuschließen, dass die Haut von einem für die Dissertation ermordeten KZ-Häftling stamme.

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