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Nager für die Wissenschaft: Tierversuche in Thüringen

15.04.2020 - Sie sind klein, haben Tasthaare an den Schnauzen und sind die Nummer Eins unter den Tieren, mit denen Forscher in Laboren arbeiten. Auch in Thüringen setzen Wissenschaftler vor allem auf Mäuse und Ratten. Nicht ohne Gründe.

  • Eine Laborantin hält eine Maus in der Hand. Foto: Friso Gentsch/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Eine Laborantin hält eine Maus in der Hand. Foto: Friso Gentsch/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Vor allem Nagetiere müssen in Thüringer Laboren für Versuche herhalten. 33 384 Mäuse und 1046 Ratten wurden dort 2018 für Experimente verwendet, wie das Gesundheitsministerium auf dpa-Anfrage mitteilte. Jüngere Zahlen gebe es nur für Genehmigungen zu Tierversuchen. Demnach wurden vergangenes Jahr für alle 59 Erstanträge grünes Licht gegeben. Die Zahl solcher Anträge sei in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, hieß es. Bei den Versuchen sei es 2018 häufig um Grundlagenforschung und um angewandte Forschung vor allem für Humanerkrankungen gegangen.

Auskunft über Institutionen, die Tierversuche in Thüringen durchführen, gibt das Ministerium mit Verweis auf Datenschutz zwar nicht. Bekannt ist aber etwa, dass am Universitätsklinikum Jena (UKJ) Experimente an Tieren durchgeführt werden.

Sabine Bischoff ist eine von drei Tierschutzbeauftragten des UKJ. Die promovierte Tierärztin bildet Studierende im tierschutzgerechten Umgang mit Labortieren aus und bringt sie auch dazu, sich kritisch mit dem Thema Tierversuche auseinanderzusetzen. «Es geht auch darum zu überlegen, welche Alternativmethoden möglich sind, um Tierversuche zu ersetzen», betont Bischoff.

«Man muss bei Allem überlegen: Ist der lebende tierische Organismus wirklich notwendig?» Wenn aber für ein Forschungsprojekt ein Gesamtorganismus über längeren Zeitraum mit intakten Funktionen benötigt werde, sei das aus heutiger Sicht noch nicht in Computersimulation nachzustellen, so Bischoff.

Auch bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft heißt es: «Der Körper von Mensch und Tier besteht aus mehr als 200 unterschiedlich ausdifferenzierten Zelltypen, deren Zusammenspiel in Organen und Gewebeverbänden koordiniert wird. Diese Komplexität zu untersuchen, ist eine der wesentlichen Herausforderungen der biomedizinischen Forschung und kann nur am intakten Organismus erfolgen.»

Der Verein Ärzte gegen Tierversuche betont dagegen, dass Tierversuche nicht geeignet seien, um die Wirkung und Gefährlichkeit von Stoffen für den Menschen zu beurteilen. Tier und Mensch seien zu unterschiedlich.

Am UKJ hilft Bischoff auch Wissenschaftlern, Anträge für die Genehmigung von Tierversuche zu stellen. «Man muss darin darstellen, dass ein Versuch unerlässlich und ethisch vertretbar ist», so Bischoff. Zudem kontrollieren sie und ihre Kollegen vor Ort, ob die Tiere im Versuch tierschutzgerecht behandelt werden.

«Am Klinikum wird vor allem mit Mäusen und Ratten experimentiert, aber auch Schafe und Schweine und an der Uni selbst auch mit Vögeln und Reptilien - aber diese Versuche sind verschwindend gering an der Zahl», so Bischoff, die seit 2016 Tierschutzbeauftragte ist.

Auch bundesweit führen Mäuse und Ratten zahlenmäßig bei den Versuchstieren. Nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft waren allein etwa 1,5 Millionen Mäuse und knapp 223 000 Ratten unter den bundesweit rund 2,8 Millionen Tieren, die 2018 für wissenschaftliche Zwecke genutzt und getöteten wurden. In Thüringen waren es etwa 40 700 Tiere. Der Freistaat gehört laut Ärzte gegen Tierversuche damit zu den Bundesländern mit wenigen solcher Experimenten.

Nager seien besonders für die Tierversuche geeignet, da Krankheitsmodelle des Menschen in ihnen gut simulierbar sind, begründet Bischoff. «Man kann sie auch vergleichsweise einfach über kommerzielle Züchter beziehen.» Diese könnten quasi standardisierte Tiere mit einheitlicher Größe und Gewicht anbieten. «Vergleichbarkeit ist für die Forschung wichtig.»

Anders sei das etwa bei Schafen. Da sei ein Standard nur schwierig zu erreichen. Diese seien aber vor allem nützlich, da ihr Herzkreislauf-System dem des Menschen sehr ähnlich sei. «Unsere Forscher haben an den Tieren Herzklappen ersetzt und dazu auch publiziert», berichtet Bischoff. Für alle Versuchstiere müssten strenge Anforderungen zur artgerechten Haltung erfüllt werden.

«In der Regel ist für ein Tier der Tod der Endpunkt eines Tierversuchs», sagt Bischoff. Auch beim Gesundheitsministerium heißt es: «Zumeist werden Versuchstiere nach oder während der Verwendung getötet, um an den Tierkörpern oder deren Gewebe weitere Untersuchungen durchzuführen.»

Manchmal genüge auch eine Blutprobe, fügt Bischoff an. Dann müsse bereits im Vorfeld bei der Beantragung des Tierversuchs geklärt sein, ob andere Forscher das Tier weiterverwenden können, oder ob es anderweitig vermittelt werden könne.

Dass auch bei Tierversuchen Fehler passieren, räumt Bischoff ein. Um diese zu verringern und transparent damit umzugehen, hat sie 2015 ein Projekt auf den Weg gebracht. In einem digitalen Melderegister können Forscher ihren missglückten Versuchsablauf und die Folgen schildern. «Jeder Forscher, der sich eines Versuchstieres bedient, hat auch die Pflicht, verantwortungsvoll damit umzugehen». Wenn etwas schief geht, müsse offen und transparent darüber gesprochen werden. Ziel der Plattform cirs-las.de sei es, dass weniger Tierversuche nötig seien, fasst Bischoff zusammen.

Anfangs sei dem Projekt mit Skepsis begegnet worden. Inzwischen gebe es immerhin 100 registrierte Nutzer und mehr als 50 Falleinträge. Vor allem aus dem Bereich Narkose gebe es Meldungen, so dass die Dosierung solcher Mittel bei Eingriffen verbessert werden könne. Es gehe darum, aus Fehlern anderer zu lernen und so unnötiges Tierleid zu vermeiden. «Mein Ziel wäre, dass die Recherche in solchen Datenbanken zur Verpflichtung für Forscher werde», sagt Bischoff.

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