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"Die Neue Zeit": Historienserie über den Mythos Bauhaus

05.09.2019 - Die sechsteilige Serie "Die Neue Zeit" zeigt ein dunkles Kapitel der legendären Kunstschule. GOLDENE KAMERA besuchte exklusiv den Dreh mit Anna Maria Mühe und August Diehl in Weimar.

Die große Aula ist bis zum letzten Platz gefüllt. Bauhaus-Chef Walter Gropius spricht zu den Schülern, darunter künftige Weltstars wie Designer Marcel Breuer. Gebannt lauschen alle Studenten den Worten ihres großen Meisters. Alle Studenten? Nicht ganz! Plötzlich erhebt sich eine Blondine im Hosenanzug und schreitet durch den Mittelgang Richtung Bühne. Sie erklimmt die Stufen zum Podest, stellt sich neben den Direktor und greift selbstbewusst zum Mikrofon. Statt des Direktors spricht nun sie – über die Unterdrückung der Studentinnen am Bauhaus. Und im Auditorium wird allen schlagartig klar, dass sie soeben Zeugen einer Revolution geworden sind.

 

"Cut! Die Szene ist im Kasten", ruft Regisseur Lars Kraume. Und am Set der Filmreihe "Die Neue Zeit" wird allen klar, dass die Aufnahme perfekt gelungen ist. Anna Maria Mühe (GOLDENE KAMERA 2006) hat die rebellische Bauhaus-Schülerin Dörte Helm so glaubhaft dargestellt, dass alle vor Begeisterung klatschen. Das ist nicht üblich. Der Enthusiasmus, den die Schauspielerin entfacht, steht auch nicht im Skript. Doch zum experimentellen Dreh der Filmreihe passt er durchaus.

 

Eine unbekannte Studentin

Es ist der 30. November 2018, Drehtag 59 der ambitionierten Produktion. In einer kleinen Pause erklärt Regisseur Lars Kraume, der sich schon mit den Filmen "Terror - Ihr Urteil" und "Der Staat gegen Fritz Bauer" einen Namen machte, wie es zu diesem Projekt kam: "Als sich herauskristallisierte, dass das ZDF im Jubiläumsjahr des  Bauhauses eine Serie drehen wollte, haben wir lange nach dem bestmöglichen Ansatz gesucht. Und sind schließlich auf die Figur der beinahe komplett in Vergessenheit geratenen und heute nahezu unbekannten Studentin Dörte Helm gestoßen."

Helm, die von einer erzkonservativen Schülerin zu einer der politischsten Studentinnen reifte, sei im doppelten Sinn ein Befreiungsschlag gelungen: "Einerseits als Frau, die innerhalb des Bauhaus-Systems gegen Männer aufbegehrte, und andererseits als 'Rebellin a priori', weil sie Bauhaus-Schülerin war."

 

Darum geht's in "Die Neue Zeit"

1963 blickt der 80-jährige Bauhaus-Gründer Walter Gropius (August Diehl) im Interview mit einer Reporterin des US-Magazins "Vanity Fair" auf sein bewegtes Leben zurück. Ganz unerwartet attackiert die Journalistin ihn, den multikulturellen Visionär, und bezichtigt ihn, Frauen diskriminiert zu haben.

Als der Name Dörte fällt, erinnert sich Gropius an seine erste Begegnung mit Helm, ihre Konflikte mit dem Bauhaus-Lehrer Johannes Itten, der Schüler sektenartig durch schmerzhafte "Reinigungsrituale" führte, ihren Widerstand dagegen, als Frau am Bauhaus in die Weberei verbannt zu werden, ihre Weigerung, als Künstlerin unpolitisch zu sein.

 

Die verschiedenen Zeitebenen trennt Regisseur Lars Kraume im Film auch durch eine sehr unterschiedliche Ästhetik. Die Interviewszenen mit dem gealterten Gropius sind ganz klassisch gedreht, seine Erinnerungen an die Bauhaus-Ära mit einer mobilen Handkamera und teils unscharf, verschwommen. Dörte Helms wichtigste Entwicklungssprünge visualisiert Kraume in Schwarz-Weiß und in Standbildern. Äußerst innovativ und überraschend.

 

Rebellische Frauen

Doch wurden Frauen an der modernen, weltoffenen Kunstschule Bauhaus tatsächlich unterdrückt? August Diehl: "Anfangs war Gropius ein kraftvoller Mensch mit unglaublichen Visionen. Doch dem Bürgertum der Weimarer Republik war er ein großer Dorn im Auge. Deshalb schloss er viele Kompromisse."

 

Anna Maria Mühe ergänzt: "Meine Darstellung von Dörte ist kein Abziehbild der realen Figur, weil es niemanden mehr gibt, der sie persönlich erlebt hat. Mit Sicherheit gab es sehr viele Frauen, die in jener Zeit rebellisch waren und anfingen, für ihre Rechte zu kämpfen. Heute gehen Frauen immer noch auf die Straße, um den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit zu bekommen wie Männer."

Weitere Realitätsbezüge sieht Kraume auch in der "Diskussion über den Kampf gegen die Zensur", die damals wie heute aktuell ist: "Wenn man sich derzeit in Europa umschaut, lassen sich jene Repressionen, denen etwa Theaterleute, Künstler, Schriftsteller, ja selbst österreichische Fernsehleute ausgesetzt sind, nicht länger übersehen."

Die Serie habe also viele aktuelle Bezüge, die laut Kraume auch nach sechs Folgen noch nicht auserzählt seien: "Ich würde die Serie wahnsinnig gern um eine zweite und eine dritte Staffel erweitern. Im Zentrum der zweiten Staffel könnte beispielsweise das Scheitern des auf Gropius folgenden kommunistischen Bauhaus-Direktors Hannes Meyer im Kampf gegen den Faschismus stehen."

Freiheit vor der Kamera

Das ZDF schweigt zu den Plänen, will vermutlich die Quoten abwarten. Doch falls es zur Umsetzung käme, würde Kraume seinen Schauspielern wohl wieder maximale Entfaltungsmöglichkeiten geben: "Ihre große Freiheit vor der Kamera bedeutete bei unserem Dreh, dass wir zwar exakt das Drehbuch verfilmten, aber zeitgleich alles mit der Handkamera drehten. Außerdem mussten die Schauspieler nicht zu Standpositionen laufen, sondern durften sich frei in 360-Grad-Sets bewegen."

 

Das, so der Regisseur stolz, sei ihm wichtig gewesen, "weil das Bauhaus in der ersten Staffel, die die Gründungsphase von 1919 bis 1925 umfasst, aus wilden, lebendigen, ungestümen, jungen Leuten bestand". Menschen wie der selbstbewussten Frau und Künstlerin Dörte Helm.

In der Mediathek und im TV

Die ersten drei Folgen stehen bis zum 3. Dezember 2019 in der arte-Mediathek zur Verfügung. Die ersten drei Folgen zeigt Arte am 5. September, die letzten drei am 12. September jeweils ab 20.15 Uhr. Das ZDF zeigt immer sonntags zwei Folgen, ab 15. September, jeweils ab 22.15 Uhr.

 

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