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"Roma": Das persönliche Meisterwerk von Alfonso Cuarón

13.12.2018 - In seinem Schwarz-Weiß-Drama "Roma" erweckt Regisseur Alfonso Cuarón ("Gravity") die Erinnerungen an seine Kindheit im Mexiko der 1970er Jahre zu cineastischem Leben. Wir sprachen mit dem Oscar-Preisträger über seinen bislang persönlichsten Film.

Das Schwarz-Weiß-Drama "Roma", das nach vereinzelter Kinoauswertung ab dem 14. Dezember bei Netflix zu sehen ist, feierte bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Weltpremiere und wurde prompt mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Und dabei wollte Oscar-Preisträger Alfonso Cuarón ("Gravity") gar kein Meisterwerk, sondern nur einen ganz persönlichen Film drehen... 

 

Darum geht's in "Roma"

Mexiko-Stadt, 1970: Cleo (Yalitza Aparicio) arbeitet im wohlhabenden Stadtteil Roma als Haushälterin von Sofá (Marina de Tavira) und ihres Mannes Dr. Antonio (Fernando Gradiaga). Dabei kümmert sich die junge Mixtekin auch liebevoll um die vier Kinder der Familie. Die heile Welt gerät aus den Fugen, als der Vater unter fadenscheinigen Gründen die Familie verlässt und auch die von ihrem in den Slums wohnenden Freund Fermín (Jorge Antonio Guerrero) schwangere Cleo sitzen gelassen wird. Während Sofía und ihre treue Seele versuchen, die Kinder bei Laune zu halten, brechen in der Stadt Studentenunruhen aus, deren Gewalteskalation für Cleo tragische Konsequenzen hat...

GOKA-Wertung

Alfonso Cuaróns Filmhommage an seine eigene Kinderfrau ist nicht nur ein bravouröses Filmkunstwerk, in dem sich dank virtuoser Kamerafahrten und ausgeklügelter Plansequenzen Alltag in Kinomagie verwandelt. Mit "Roma" gelingt es dem mexikanischen Autorenfilmer auch, gesellschaftspolitisches Weltgeschehen in individuellen Schicksalen zu spiegeln und so seiner Geschichte ein persönliche Poesie zu verleihen, der man sich nicht entziehen kann.

Getragen wird Cuaróns Arthouse-Perle von der indigenen Laiendarstellerin Yalitza Aparicio, die im Zentrum des gesellschaftlichen Chaos' und familiärer Tragik ihrem personifizierten Fels in der Brandung Würde und zutiefst menschliche Empathie verleiht. Oder anders formuliert: Dass "Roma" für drei Golden Globes nominiert wurde und von der Weltpresse bereits als heißester Kandidat für den Oscar 2019 gehandelt wird, geht mehr als in Ordnung!

 

"Roma": Regisseur Alfonso Cuarón im Interview

GOLDENE KAMERA: "Roma" basiert auf Ihrer Kindheit. Was ist die schönste Erinnerung und was war besonders schmerzhaft?

ALFONSO CUARÓN: Es ist unmöglich, die glücklichen Momente der Kindheit auf eine Erinnerung festzulegen. Aber meine Glücksgefühle in meinem Leben haben meistens etwas mit der Küche zu tun. Als Junge habe ich mich da immer rumgetrieben, weil ich mich dort mich immer geborgen gefühlt. Die schmerzhafteste Periode meines Lebens ist im Film wiedergespiegelt.

Was genau ist dieser Schmerz?

Meine Rolle in unserer perversen Gesellschaft. Denn einerseits sind Hausangestellte oder Nannys unsere Rettung, denn sie waschen und kochen für uns. Sie räumen auf und erledigen unsere Besorgungen. Aber andererseits nutzen wir sie aus und schieben ihnen die Schuld zu, wenn etwas im Haushalt oder in der Familie schief läuft. Cleo in "Roma" ist die Inkarnation meiner eigenen Nanny Liboria Rodríguez, die wir Libo oder Momma nannten, denn e war wie eine Mutter für mich und meine Geschwister. Als ich älter war, wollte ich sie sogar heiraten. (lacht) Aber als Kind haben wir in ihr nur unsere Nanny gesehen – als ein Mensch, der nur für uns da sein sollen. Wir denken nicht darüber nach, dass es Menschen sind, die auch Gefühle und Wünsche und Hoffnungen haben. Und das ist mir während der Dreharbeiten klar geworden.

 

Heute wie damals während ihrer Kindheit sind Hausangestellte meist Immigranten. Es hat sich also nicht sehr viel verändert. Was ist Ihre Hoffnung?

Dass die Gesellschaft fairer wird, denn wenn wir eine Nanny für unsere Kinder anheuern, kann sie sich nicht um ihre eigenen Kinder kümmern. Wir brauchen also mehr staatliche Förderung und Unterstützung von Familien und alleinerziehenden Eltern. Und die Gesellschaft sollte nicht auf diese Hausangestellten herabsehen, sondern sie mit Respekt behandeln.

Wie viel Zeit verbringen Sie jetzt als Erwachsener in der Küche?

Die Küche ist immer noch das Zentrum in meinem Leben. Ich habe nie ein Büro gehabt, sondern immer in der Küche gearbeitet. Sogar meine Kinder machen ihre Hausaufgaben in der Küche. Und selbst wenn Gäste zu Besuch kommen, starten wir zwar im Wohnzimmer, aber wir enden immer in der Küche. (lacht)

 

Sie geben jeder Szene und jeder Emotion sehr viel Zeit sich zu entfalten. Was ist der Grund dafür?

Die menschliche Existenz basiert auf Einsamkeit. Im Grunde sind wir alle allein, doch was uns Bedeutung im Leben verleiht, ist die Liebe und Zuneigung zu anderen. Diese besondere Verbindung zwischen Menschen wollte ich ehren. Es ist aber nicht nur das Tempo, das "Roma" von meinen bisherigen Filmen unterscheidet. Es ist auch das erste Mal, dass ich ein Drehbuch ohne präzise Struktur geschrieben habe. Ich habe einfach meinen Gedanken und Erinnerungen freien Lauf gelassen, ohne sie zu hinterfragen. Und dann habe ich diese niedergeschriebenen Rückblicke Reflektionen gedreht. Dass das Endresultat kürzer als vier Stunden war, hat mich wirklich überrascht. (lacht)

 

Interview: Anke Hofmann

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