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Der König der Komödianten: Ludger Pistor im großen Exklusiv-Interview

05.07.2019 - In der TV-Komödie "Eine Hochzeit platzt selten allein" beweist Ludger Pistor wieder einmal, dass man auch mit kleinen Rollen großes Aufsehen erregen kann. Wir sprachen mit Deutschlands Top-Nebendarsteller über die Schauspielerei am Rande des Rampenlichts, sein Selbstverständnis als Komödiant und die gesellschaftliche Bedeutung seiner "Schnitzel"-Saga.

Wenn in der TV-Komödie "Ein Hochzeit platzt selten allein" (bis zum 5. Oktober in der ARD-Mediathek) der Kleinkrieg zweier Brautpaar-Väter in der schwäbischen Provinz eine weltweite Bankenkrise auslöst, beweist Ludger Pistor sinnbildlich, dass man auch mit kleinen Rollen große Aufmerksamkeit erregen kann.

 

Dass der Part des sturköpfigen Kleinstadt-Fililalleiters Gerhard Schwegler dem gebürtigen Ruhrpottler auf den Leib geschrieben zu sein scheint, hat seinen Grund. Mit komödiantischen Nebenrollen wie dieser hat sich Lugder Pistor nämlich in den letzten 30 Jahren einen sehr guten Namen in der deutschen Schauspielszene erspielt, zu dem auch Hollywood-Regisseur nicht Nein sagen konnten.

Vom König der Nebendarsteller zum "Schnitzel"-König

Nach seiner klassischen Ausbildung am Max-Reinhard-Seminar in Wien und am Herbert-Berghof-Studio in New York stand Ludger Pistor zunächst in München auf der Theaterbühne. Ende der 1980er Jahre wechselte der am 16. März 1959 in Recklinghausen geborene Westfale vor die Kamera, wo er beginnend mit dem "Tatort: Moltke" (1988) in drei Schimanski-Krimis als Kommissar-Assi Schäfer ersten bleibenden Eindruck hinterließ.

 

Der Durchbruch gelang Ludger Pistor als Co-Star der RTL-Krimiserie "Balko", für die er 1996 im Team den Grimme-Preis und 1999 persönlich den Deutschen Fernsehpreis erhielt. Mit seinem schauspielerischen Vermögen, austauschbare Neben- in einprägsame Charakterrollen zu verwandeln, etablierte sich Pistor im deutschen Fernsehen und durfte seine Showstealer-Qualitäten immer wieder auch auf der ganz großen Leinwand wie im 21. Bond-Spektakel "Casino Royale" unter Beweis stellen.

 

Einen größeren Part in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" ließ Ludger Pistor 2009 aber für die liebenswert-kernige TV-Komödie "Ein Schnitzel für drei" sausen. Seine Traumrolle als arbeitsloser Herrenausstatter Wolfgang Krettek, der sich zusammen mit seinem besten Kumpel Günther (Armin Rohde) nicht unterkriegen lässt, avancierte nicht nur beim WDR-Publikum zum Kult und ging nach den Folgefilmen "Ein Schnitzel für alle" (2013), "Schnitzel geht immer" (2017) und "Schnitzel de Luxe" (2019) mit "Ohne Schnitzel geht es nicht" im April 2019 sogar in Miniserie.

"Streng genommen gibt es keine Nebenrollen" - Ludger Pistor im Interview

GOLDENE KAMERA: Mit Filialleiter Schwegler in "Eine Hochzeit platzt selten allein" lassen Sie wiedermal eine Nebenrolle herausstechen. In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass Sie als Nebendarsteller zwar "im Schatten der Titelfiguren aber trotzdem im Rampenlicht" stehen. Wie schafft man es, in diesem begrenzten Raum zu glänzen?

LUDGER PISTOR: Wie man sich Raum erkämpfen kann, wenn man eine kleinere Rolle spielt, ist ganz einfach: Man muss sehr gut sein. Wenn man seine Arbeit herausragend macht, dann fällt die Rolle auf. Streng genommen gibt es keine Nebenrollen. Jede Rolle ist wichtig. Im englischsprachigen Raum wird das mit supporting actor schön ausgedrückt. In der deutschen Sprache sind wir hingegen in Hierarchien verhaftet: Hauptdarsteller – Nebendarsteller – Laiendarsteller – Komparse. Wenn ich supporting actor sage, hat das etwas Positives. Sage ich Nebendarsteller klingt das eher negativ, weil nicht so wichtig. Dabei hilft der Nebendarsteller mit, die Sache besser darzustellen.

Ist das eine Beobachtung, die Sie bei Ihren zahlreichen Auftritten in Hollywood-Blockbustern wie "Schnindlers Liste", "X-Men: Erste Entscheidung", "Inglourious Basterds" und natürlich "Casino Royale" gemacht haben? Dass dort Nebendarstellern eine andere Wertschätzung entgegengebracht wird als bei uns?

Man wird dort wirklich sehr geschätzt. In internationalen Produktionen ist der Respekt voreinander immens. Bei den meisten Filmen, bei denen ich mitgewirkt habe, hat man bei den Superstars im Umgang mit mir und anderen kleineren Darstellern keinerlei Hierarchien gespürt. Sobald man im englischen oder amerikanischen Kulturraum an den Drehort kommt, verflachen die Hierarchien komplett.

Sie brauchen jetzt keine Negativ-Beispiele zu nennen, aber bei deutschen Produktionen ist das demnach nicht immer der Fall?

Wir sind ein Land, in dem Hierarchien in allen Bereichen viel mehr im Vordergrund stehen. Diese deutsche Eigenart, die sich über Jahrhunderte erhalten hat, hat auch ihre Vorteile, aber letztendlich geht sie auf Kosten der Kreativität. Denn wenn Sie am Set Hierarchien nicht leben, fordern Sie jeden einzelnen zur Kreativität heraus. Wenn ein kleinerer Darsteller den Eindruck hat, seine Rolle wäre unbedeutend, dann traut er sich vielleicht nicht so viel. Wenn er aber merkt: "Mensch, hier kann man ja alles machen! Wir sind ein Team und meine Stimme ist gleichwertig" – dadurch fördert man Kreativität.

 

Sie haben einmal den "Otto Normalverbraucher" als Ihre "Kernkompetenz" beschrieben und sich selber "Mr. Germany" genannt, weil Sie 90% der Bevölkerung repräsentieren. Wie balancieren Sie den Spagat zwischen der Verpflichtung gegenüber der jeweiligen Rolle und der Erwartungshaltung der Zuschauer, sich bei Ihnen wiederzuerkennen?

Ich bemühe mich, dass sich die Menschen wiedererkennen. Das ist mir ein Anliegen, denn die meisten Leute in Deutschland sind kleine Leute. Der Begriff des kleinen Mannes wird heutzutage aber nicht mehr gerne gehört.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Wenn sich jemand beispielsweise einen kleinen Opel kauft, der wenig Geld kostet, dann hat er sich laut Werbung für den Wagen entschieden. Er hat ihn nicht gekauft, weil er keine Knete für einen Bentley hat, sondern weil er sich gezielt den Opel ausgesucht hat. Dadurch ist er kein kleiner Mann mehr, sondern ein ebenso autonomer Wähler wie der Bentley-Käufer. Dass er den Bentley aber gar nicht hätte wählen können, das wird nicht mehr thematisiert.

Das Bewusstsein des kleinen Mannes soll auch deswegen verschwinden, weil so das Potential zu einer rebellischen Haltung verschwindet. Wenn ich gar nicht auf die Idee komme, dass ich in einer anderen Position ganz andere Dinge wählen könnte, wenn ich also meine Position verkenne, dann ist das für die gesamte Gesellschaft viel besser. Denn sind alle zufrieden, gibt es keinen Knatsch. Darum habe ich mich selbst einmal provokant "Mr. Germany" genannt, weil ich oft Menschen verkörpere, die nicht so wichtig sind, ohne es selbst zu begreifen. Deshalb bin ich Mr. Germany. (lacht)

 

Wäre es dann angemessen, Sie als modernen Volksschauspieler zu bezeichnen?

Volksschauspieler wäre eine Bezeichnung, die ich nicht abschlagen würde. Das ist mein Anliegen, denn ich möchte die Menschen unterhalten und ihnen etwas geben. Ich spiele ja oft komische Rollen und wenn das Publikum über diese komische Rolle und damit vielleicht auch ein wenig über sich selbst lachen kann, dann ist sehr viel gewonnen. Ich sage immer: "Die Deutschen sind das komischste Volk der Welt – sie wissen es nur nicht." Wir sind irrsinnig komisch und das versuche ich, durch meine Rollen ein bisschen herauszustellen. Das haben früher auch schon andere Schauspieler getan, aber heutzutage scheint es nicht mehr opportun zu sein. Ich sehe mich nicht als Comedian, sondern als kleinen, geheimen Verfechter der Gruppe "komödiantische Schauspieler".

Was lässt sich als Schauspieler denn komödiantisch besser bzw. besonders gut transportieren?

Komödiantisch zu arbeiten, ist schwerer als alles andere. Komisch zu sein ist eine besondere Gabe, die man mitbekommen hat. Sie in Erfolg umzuwandeln, ist aber nicht einfach. Ich sage jetzt mal provokant: Leute wie Theo Lingen oder Heinz Rühmann würden heute keine Karriere mehr machen, denn für solch begnadete Darsteller des kleinen Mannes hätte man heute keine Verwendung mehr. Beide haben ja nach dem Krieg noch lange weitergespielt, aber während Lingen ins burleske Fach gegangen ist, hat Rühmann die Zeichen der Zeit erkannt und ist zum dramatischen Darsteller geworden. Der hat die Kurve noch gekriegt. (lacht)

 

Andererseits haben Sie mit der "Schnitzel"-Saga aber neben Armin Rohde bewiesen, dass Ihre Paraderolle des tragikomischen Jedermanns auch noch heutzutage Leading-Man-Qualitäten im deutschen Fernsehen besitzt. Haben Sie das Potential dieser Rolle damals schon gesehen?

Ich habe das Potential sofort gesehen, weil es ein einzigartiges Format über eine einzigartige Geschichte ist, die es so in der deutschen Fernsehlandschaft nicht gibt und deshalb vom Publikum gierig aufgesogen wird. Die Verantwortlichen tun sich nur immer sehr schwer damit, solche Stoffe zu entwickeln, sie angemessen zu platzieren und richtig zu fassen, was sie da eigentlich haben. Ich hoffe nicht, dass sie über all die Gedanken, was das Projekt sein könnte, vergessen, das Projekt weiter zu führen.

Gibt es konkrete Pläne, wie und wann es mit der "Schnitzel"-Saga weitergeht?

Nein, leider nicht. Und das ist schade, denn hier geht es um die kleinen Leute. Mit den "Schnitzel"-Filmen ist man am Puls der Zeit. Sonst wird so etwas ja nur bei RTL und Konsorten als Reality-TV dargestellt und die Menschen dann wie in einer Freakshow vorgeführt – furchtbar! Bei uns werden ihre Lebensrealitäten in Spielform auf hohem Niveau dramaturgisch verarbeitet. Das ist eine ganz andere Hausnummer, die den Menschen gegenüber sehr viel fairer ist und die man unbedingt pflegen sollte.

 

Sie haben im ersten Jahrzehnt Ihrer Filmkarriere mit den Granden des deutschen Humors gedreht: Wie hat Sie als Schauspieler die Arbeit mit Dieter Hallervorden ("Didi – Der Experte"), Loriot ("Pappa ante portas"), Helge Schneider ("Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem") und Hape Kerkeling ("Willi und die Windzors") geprägt?

Geprägt würde ich nicht sagen – dafür waren die Rollen zu klein. Wirklich geprägt hat mich die Fernsehserie "Balko". Da hat RTL eine richtig mutige Serie gedreht, weil sich die Redaktion weitgehend rausgehalten hat. Um die Kreativität der Autoren und Darsteller zu fördern, hat man fast alles durchgehen lassen und das Projekt im Grunde gar nicht betreut. Diesen Mut rechne ich den Redakteuren der ersten Stunde noch heute ganz hoch an, denn indem sie der Kreativität freien Lauf ließen, konnte ich mich damals ausprobieren.

Geprägt hat mich davor auch mein Schauspiellehrer Herbert Berghof in New York, der mich zur Selbstständigkeit erzogen hat. Das konnte ich bei "Balko" wunderbar ausleben. Peter Sellers, Laurel und Hardy oder Blake Edwards auf Regieseite waren damals Vorbilder, die ich im Kopf hatte und in "Balko" umzusetzen versuchte, was mir teilweise auch gelungen ist.

 

Und wie sieht es mit deutschen Humor-Vorbildern aus?

Bei Loriot habe ich gesehen, wie wahnsinnig exakt er gearbeitet hat. Seine Filme sehen fast improvisiert aus, er hat aber jede einzelne Bewegung akribisch genau festgelegt und war nie mit dem Ergebnis zufrieden. Seine Akribie und permanente Unzufriedenheit waren das genaue Gegenteil zu dem, was ich bei Helge Schneider gesehen habe. Helge Schneider lässt die Dinge passieren und macht alles jedes Mal anders. Damit hat er Regisseur Ralf Huettner zur Verzweiflung getrieben, weil er sich einfach an keine Regeln gehalten hat. Das beides waren aber keine prägenden Erfahrungen, sondern eher Beobachtungen. Ich sage mal: Loriot und Helge Schneider sind die beiden Antipole, zwischen denen ich mich bewege.

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