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Die Abgründe des Pflegealltags im "Tatort: Im toten Winkel"

08.03.2018 - Dieser Bremer "Tatort" geht unter die Haut: Bewegend wird das Leid von Demenzkranken, Intensivpflegebedürftigen und deren Angehörige gezeigt, dazu die skrupellosen Machenschaften der Pflegedienste.

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		Oliver Lessmann (Jan Krauter) macht den Gutachter Carsten Kühne (Peter Heinrich Brix) für die Einlieferung seiner Frau ins Krankenhaus verantwortlich (im Hintergrund Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel)). ©...

    Oliver Lessmann (Jan Krauter) macht den Gutachter Carsten Kühne (Peter Heinrich Brix) für die Einlieferung seiner Frau ins Krankenhaus verantwortlich (im Hintergrund Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel)). © Radio Bremen/Christine Schröder

Keine leichte Kost!  Der Bremer "Tatort: Im toten Winkel" (11. März, 20.15 Uhr, Das Erste) setzt sich mit dem brisanten Thema des Pflegenotstandes und den dazugehörigen Kosten auseinander. Intensiv und ruhig aufbereitet wird der Alltag von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen dargestellt.

 

Darum geht's im "Tatort: Im toten Winkel"

Aus Verzweiflung tötet Rentner Horst Claasen seine demenzkranke Frau und nimmt danach selbst einen tödlichen Cocktail zu sich. Dann ruft er die Polizei an und bittet diese höflich, die leblosen Körper abzuholen: "Wir wollen die Nachbarn nicht belästigen, Tote riechen doch, oder?"

  Gutachter Kühne (Peter H. Brix) führt die Ermittler Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) in den Alltag von Pflegenden ein, die sich aufopferungsvoll um ihre Angehörigen kümmern. Die Kommissare geraten in einen toten Winkel des deutschen Pflegesystems, ihnen stockt angesichts der Ungerechtigkeit und der persönlichen Schicksale der Atem.

 

 

Wer ist dabei?

Hiltrud Hauschke (75) überzeugt wie bereits im TV-Film "Matthiesens Töchter", in "Ein Fall für Zwei" und in der ZDF-Serie "Tempel" als pflegebedürftige Seniorin. Besonders die Szenen mit ihrer Filmtochter, der Schauspielerin Dörte Lyssewski (Ensemblemitglied des Wiener Burgtheater), berühren und lassen einem den Atem stocken – der Zuschauer ist ständig zwischem den Mitgefühl für die Dementkranke und für die Tochter hin- und hergerissen.

 

Auch eine besondere Rolle übernimmt Peter H. Brix, bekannt aus Serien wie "Großstadtrevier" und "Pfarrer Braun": Er spielt die brisante Rolle des Gutachter Kühne, der sich zwischen Elend, Bürokratie und Bestechung bewegt. Vor 17 Jahren spielte Brix bereits schon mal an der Seite von Sabine Postel im Bremer Tatort "Kalte Wut" mit.

 

Hintergrund

Wie Drehbuchautorin Katrin Bühlig erklärt, werden rund 2,8 Millionen Menschen, das sind drei Viertel aller Pflegefälle in Deutschland, zuhause von ihren Angehörigen versorgt. Eine Infratest-Untersuchung ergab, dass sich 42 Prozent der privat Pflegenden von ihrer Situation "schwer belastet" fühlen, 41 Prozent sogar "extrem belastet". Mehr als 80 Prozent also leiden unter permanenter Überforderung. Und das über Jahre hinweg, denn die durchschnittliche Pflegezeit beträgt heute rund zehn Jahre.

 

 

Dazu kommen die finanziellen Nöte, wie Bühlig sie aufzählt: "Seit Anfang des Jahres existieren fünf Pflegegrade. Die Leistungen für Pflegebedürftige zu Hause reichen von 125 Euro bis maximal 901 Euro monatlich. Bei stationärer Pflege beginnt die Unterstützung auch bei 125 Euro, steigert sich aber bis 2005 Euro. Die Pflegekasse zahlt also für stationäre Pflege viel mehr als für häusliche Pflege, teilweise mehr als das Doppelte. Und da drei Viertel aller Pflegebedürftigen zu Hause gepflegt werden, bereichert sich unser Staat auf Kosten der pflegenden Angehörigen. Denn die müssen, um die Pflege überhaupt leisten zu können, ihre Arbeitszeit zumindest reduzieren, wenn nicht den Job ganz aufgeben. Die Folgen davon sind ein Leben auf Hartz IV-Niveau. Denn das Pflegegeld ersetzt nun mal keine Berufstätigkeit."

 

Schauspielerin Sabine Postel sagt zu den finanziellen Missständen: "Nur, wenn die Berufe im Pflegebereich sozial und finanziell deutlich aufgewertet und ausreichende Stellen für diese verantwortungsvolle Arbeit geschaffen werden, hat unsere Gesellschaft die Chance, in Würde und Respekt zu altern."

 

 

GOKA-Wertung

Angehörige, die am Ende ihrer Kräfte stehen und denen auch mal die Hand ausrutscht und als letztes Mittel zur Fixierung ihres Pflegefalls greifen. Das macht betroffen, schockiert und bewegt. Ein gesellschaftliches Tabuthema wird ruhig und einfühlsam über das Schicksal mehrerer Personen dargestellt. Dieser "Tatort" hat viele stille Momente, die eine ungerechte Welt zeigen. Dass nur die letzte Hälfte des "Tatorts" dem klassischem Krimischema folgt, ist bei einem so gelungenem Film nebensächlich. Die erschreckend realistischen Pflegefälle sind genauso furchteinflößend wie ein Verbrechen.

 

 

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