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Erfolgsformel Krimi

28.03.2019 - Kein Tag ohne Mord: Warum Krimis das Programm dominieren, was die Zukunft bringt – GOLDENE KAMERA hat mit TV-Machern gesprochen.

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		Der "Tatort" aus Münster mit Kommissar Thiel (Axel Prahl, r) und Prof. Boerne (Jan Josef Liefers, l), Georg "Wilsberg" (Leonard Lansink) und "Sherlock" mit Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch, li.)...

    Der "Tatort" aus Münster mit Kommissar Thiel (Axel Prahl, r) und Prof. Boerne (Jan Josef Liefers, l), Georg "Wilsberg" (Leonard Lansink) und "Sherlock" mit Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch, li.) und Dr. John Watson (Martin Freeman). © WDR/Martin Menke, ZDF / Thomas Kost, ARD Degeto/BBC/Hartswood Films/Colin Hutton

Die Einschaltquoten sprechen eine mehr als deutliche Spra­che: Fernsehkrimis sind die unangefochtenen Favoriten des Publikums. Ob der viel­seitige Sonntagsklassiker "Tatort"' der humorvolle "Wilsberg", skandinavische Krimis wie "Die Brücke" oder Zweiteiler wie "Die verschwundene Familie" – sie alle haben riesige Fangemeinden. Zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr sind verlässlich zwischen sieben und zehn Millionen Zu­schauer dabei, wenn ein Mord aufgeklärt werden muss. Oft sogar mehr. Wie eine ak­tuelle Forsa­-Umfrage für GOLDENE KAMERA zeigt­, schaut sich weit mehr als die Hälfte der Fernsehzuschauer mehrmals im Monat TV­-Krimis an. Doch woher kommt diese Lust auf Kriminalfilme überhaupt?

 

ZDF­-Programm­direktor Norbert Himmler

"Die Menschen waren schon immer vom Bösen fasziniert", sagt ZDF­-Programm­direktor Norbert Himmler. "Erst recht, wenn sich dabei Abgründe menschlichen Zusammenseins aufgetan haben. Beim Fernsehkrimi weiß der Zuschauer, dass in der Regel das Gute über das Böse siegt. Es ist also ein kalkulierbarer Nervenkitzel, der unser Bedürfnis nach Sicherheit befriedigt. Darüber hinaus kann der Krimi wie kaum ein anderes Genre in seinem Rah­men relevante gesellschaftliche und sozi­ale Themen vertiefen."

Degeto-Chefin Christine Strobl

Diese Chance hebt auch Christine Strobl, Geschäftsführerin der Filmeinkaufs­- und Produktionsfirma der ARD, Degeto, hervor: "Die verlässliche Grundstruktur des Krimis – vor allem der Sieg der Gerechtigkeit am Ende – ermutigt den Zuschauer, sich auf unterschiedliche Themen und Erzählweisen einzulassen", sagt sie. "Die Krimistruktur muss durch spannende und gesellschaftlich relevante Inhalte mit Leben gefüllt werden, die Geschichte überraschende Wendungen bieten – dann sind die Grundvoraus­setzungen für einen guten Krimi erfüllt."

 

Einer, der das Handwerk seit mehr als 20 Jahren erfolgreich betreibt, ist der Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt. Für seine Kriminalfilme erhielt er zahlrei­che Preise. So schrieb er unter anderem das Drehbuch zum Sportwetten­Thriller "Auf kurze Distanz", der 2017 mit der GOLDENEN KAMERA als Bester deut­scher Fernsehfilm ausgezeichnet wurde. "Im Krimi geht es um Fallhöhen, mit denen ich die Figuren aktiviere", sagt Schmidt. "Größere Fallhöhe generiert mehr Dramatik. Wenn man den Tennis­ball meiner Hauptfigur entführt und Löse­geld fordert, ergibt sich eine überschaubare Spannung. Wenn wir den Ball durch die zehnjährige Tochter ersetzen, resultiert daraus plötzlich eine schwer zu überbie­tende Fallhöhe. Als Autor nutze ich das, damit der Zuschauer Fundamentales über diesen Charakter erfährt. Denn der muss sich nun seinen Ängsten stellen und über sich hinauswachsen – oder scheitern."

 

 

Die neue Psychologie der Ermittler

Das Genre ist permanent in Bewegung. Inhalte, Figuren, Bildsprache verändern sich manchmal innerhalb weniger Jahre. Wer wissen will, wie moderne Krimis aussehen, kommt an der Filmpro­duktionsfirma Wiedemann & Berg nicht vorbei. Die Produzenten Max Wiedemann und Quirin Berg setzen Maßstäbe. Zu ih­ren herausragenden Krimis gehörten in jüngster Zeit der mit einem Grimme­-Preis prämierte Berliner "Tatort: Meta" sowie die düstere Sky­-Serie "Der Pass" (nominiert als Beste Serie für die GOLDENE KAMERA 2019) mit Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek.

 

Produzent Quirin Berg

"Eine der spannendsten Entwick­lungen im Krimigenre betrifft die Psychologie der Hauptcharaktere", sagt Quirin Berg. "Früher hatten die Ermittler oft ein klares Profil und haben dieses auch nicht mehr wesentlich verän­dert. Heute sind sie in vielen guten Krimis von Beginn an komplexer angelegt und entwickeln sich im Verlauf einer Se­rie. Dieser Trend hängt letztlich mit der Digi­talisierung und der Ver­änderung unseres Seh­verhaltens zusammen. Denn wir können in­zwischen zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt unser Wunschprogramm abrufen. Wenn man mehr Folgen einer Serie am Stück sehen möch­te, dann spricht das für horizontale Geschichten, was wiederum mehr Raum für unsere Lieb­lingsfiguren lässt."

 

 Für Krimimacher ist der Umgang mit den Ermittlerfiguren immer auch ein Draht­seilakt. Denn ein nicht geringer Teil des Publikums interessiert sich für deren persönliche Geschichten nicht. So ist laut der Umfrage fast ein Viertel der TV­Zuschauer der Meinung, dass das Pri­vatleben der Ermittler in TV­-Krimis eine zu große Rolle spielt. Auch dieser Klien­tel muss ein Angebot ge­macht werden: Krimis, in denen es vor allem um die Aufklärung des Ver­brechens ohne viele Ne­benschauplätze geht. Degeto­-Chefin Christine Strobl beschäftigt sich in­tensiv mit den Vorlieben der Krimifans, schließ­lich steuert sie pro Jahr etwa 40 neue Krimipro­duktionen zum Haupt­programm des Ersten bei, etwa "Der Zürich­Krimi" und "Nord bei Nordwest".

Strobl: "Die Erwartungs­haltung der Zuschauer ist deutlich gestiegen. Sie haben heute ein starkes Gespür für die hand­werkliche Qualität eines Krimis. Durch die Viel­zahl der Angebote ha­ben sie Vergleichsmög­lichkeiten und akzep­tieren nur das Beste. Das spornt uns an."

 Eine Herausforderung stellen die Jüngeren dar: 43 Prozent der 14­ bis 29­Jährigen schauen laut unserer Umfrage nie TV­Krimis. Es wird für die gesamte Branche eine Herkulesaufgabe sein, diese Gruppe wieder zurückzugewinnen.

Frische Ideen für die Krimizukunft

ARD und ZDF haben zurzeit mehr als 100 Krimiserien und ­-reihen im Angebot. Gefühlt wird ständig irgendwo ein Täter gesucht. Wird es vielleicht irgendwann zu viel? Das Thema polarisiert die Zuschauer: 45 Prozent sind der Meinung, dass zu viele Krimis gezeigt werden, 40 Prozent finden den Umfang genau richtig. "Die Zuschauer stimmen über die Einschaltquoten prak­tisch selbst über ihr Programm ab, weil für die Sender primär immer die Quote zählt", sagt Drehbuchautor Schmidt. "Wenn die Zuschauer also die Vielfalt meiden und immer dem Krimi den Vorzug geben, bereiten sie der Monokultur, wie wir sie gerade erleben, selbst den Boden."

 

ZDF­-Programmchef Himmler hält da­gegen: "Wir achten sehr auf unsere Pro­gramm­-Mischung und hinterfragen diese immer wieder. Man muss bei der Beur­teilung beachten, dass Krimi nicht gleich Krimi ist. Es gibt innerhalb des Genres eine große Bandbreite. Unser Anspruch ist es, variantenreich, tiefgehend und thematisch vielfältig zu erzählen." Sein Blick in die Zukunft: "Der Krimi in der klassischen 'Wer hat's getan'-Erzählform wird an Be­deutung verlieren, dafür erwarte ich zahl­reiche Mischformen über Genregrenzen hinweg. Daneben zeigt der Erfolg von 'Aktenzeichen XY ungelöst' und diverser Zeitschriften, wie nachgefragt das Genre True Crime gerade ist. Reale Verbrechen werden zunehmend auch den Stoff für fiktionale Serien und Filme liefern."

Das klingt spannend – wie ein Krimi. Und es scheint, als wäre das Genre auch in den kommenden Jahren noch für einige Überraschungen gut.

 

 

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