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Mario Adorf: "In jedem Künstler schlägt das Herz links – für den Fortschritt!"

19.04.2018 - Mario Adorf ist Karl Marx. Warum der kritische Denker eine große Wunschrolle war, verrät er exklusiv im Interview.

Er hat schon so viele spannende Charaktere verkörpert. Doch wenn Mario Adorf (87) gefragt wurde, welche Rolle er gern noch spielen würde, gab er immer dieselbe Antwort: den Philosophen und Gesellschaftstheoretiker Karl Marx. Jetzt wurde ihm dieser Wunsch erfüllt: in dem ZDF-Film "Karl Marx" zum 200. Geburtstag des kritischen Denkers (am Samstag, dem 28. April, zeigt Arte das Dokudrama um 20.15 Uhr; das ZDF am Mittwoch, dem 2. Mai, um 20.15 Uhr).

GOLDENE KAMERA-Reporter Mike Powelz traf Mario Adorf zum Exklusiv-Interview über die große Altersrolle.

 

Interview mit Mario Adorf

Was hat Sie gereizt, Karl Marx zu spielen?

Marx ist eine interessante Figur der Geschichte und obendrein eine sehr vielschichtige, facettenreiche Persönlichkeit. Für einen Schauspieler ist es ein Vergnügen, eine derart umstrittene, mehrdeutige Figur zu spielen. Persönlich finde ich weder den Politiker noch den Philosophen Marx reizvoll – sondern vielmehr seine Person und seine Persönlichkeit. 

 

Vor einigen Jahren haben Sie gesagt, dass Sie sich vorstellen können, dass der Superkapitalismus seinem Ende entgegensteuert. Glauben Sie das immer noch?

Nein, inzwischen bin ich nicht mehr so optimistisch.

 

Sehen Sie sich selbst als Kapitalismus-Kritiker?

Ja, vor dem Hintergrund der auseinanderklaffenden Schere von Arm und Reich und von Macht und Ohnmacht würde ich mich Kapitalismus-Kritiker bezeichnen.

Haben Sie schon mal links gewählt?

In jedem Künstler schlägt das Herz links! Churchill fand, dass das durchaus verständlich und schön wäre – solange man jung sei. Doch er fand auch, dass es ab einem gewissen Alter dumm sei, links zu wählen. Meine persönlichen Sympathien lagen von Anbeginn an links. Für mich heißt "konservativ", die herrschenden Verhältnisse zu erhalten, und deshalb war ich nie ein Konservativer, denn ich habe keine Veranlassung, etwas zu erhalten oder zu behalten. Das linke Herz schlägt für den Fortschritt – genau wie die Kunst. 

 

Sie sind gebürtiger Schweizer. Was halten Sie von Steueroasen?

Gar nichts. Als ich Italien nach 40 Jahren verließ, fragten mich viele Leute, warum ich nicht in die Schweiz zöge, um Steuern zu sparen. Doch das war nie ein Denken, das mich interessiert hat. Ich habe meine Steuern immer bezahlt. Für mich ist das ganz selbstverständlich.

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Ist Marx Ihr letzter großer Film? 

Das weiß ich nicht. Es war schön, den alten Marx während seiner Reise nach Algier zu spielen – aber schauspielerisch ist es keine große Herausforderung gewesen. Mit Ausnahme der aufwändigen Maske! Ich würde nicht sagen, dass das mit Bestimmtheit meine Wunschrolle am Lebensende ist. 

 

Warum sind Sie eigentlich nie "Tatort"-Kommissar geworden? Und warum haben Sie noch nie in einem "Tatort" mitgespielt?

Gute Frage, das weiß ich auch nicht! Denn im "Tatort" gibt es schließlich sehr interessante Nebenrollen, die irgendwann von fast allen deutschen Schauspielern gespielt wurden. Wahrscheinlich bin ich der Einzige, der noch nie mitgespielt hat, und es wurde mir auch nie angeboten. Das Einzige, was man mir in Bezug auf den "Tatort" angeboten hat, war nach dem ersten Ausscheiden von Götz George die Rolle eines "Tatort"-Kommissars. Aber die habe ich abgesagt.

 

Warum?

Weil ich keine Lust auf eine Serienrolle hatte. Ich konnte mehrmals beobachten, dass hervorragende Kollegen zu Serienfiguren verkamen – mit der Betonung auf "verkamen". Mir tat es immer leid, sie plötzlich auf eine einzige, lebenslange Rolle festgenagelt zu sehen. Für mich wäre es nie in Frage gekommen, mich mit einer einzigen Rolle zufrieden zu geben und damit immer weiter zu machen. Deshalb bin ich grundsätzlich gegen Serienrollen – mit Ausnahme von Miniserien. Das längste, was ich gespielt habe, war eine 13-teilige Serie namens "Die kleine Welt des Don Camillo". Aber eine Dauerrolle im "Tatort" oder einen Kommissar wie "Derrick" oder "Der Alte" zu spielen kam für mich nie in Frage.

 

Und 2018? Ist das "Projekt Serie" für Sie immer noch ausgeschlossen?

Ja, alleine schon wegen meines Alters. Wahrscheinlich wäre auch keine Versicherung mehr einverstanden, eine Langzeitserie mit mir einzugehen. 

 

In welche Ihrer unzähligen, wunderschönen Filmpartnerinnen waren Sie eigentlich heimlich verliebt?

Eigentlich in keine, mit einer einzigen Ausnahme. Den Namen werde ich nicht nennen,  aber in sehr früher Zeit hatte ich eine private Beziehung mit einer Kollegin – aus Zufall.

 

Dabei haben Sie doch mit den schönsten Frauen der Welt gedreht!

Frauen, die große Stars waren – wie Sophia Loren, Gina Lollobrigida oder Claudia Cardinale – waren meist sehr ehrgeizig, und sie hatten mit einer privaten Affäre ganz selten etwas am Hut. Sie mussten abends früh ins Bett, und morgens gut vor der Kamera aussehen. Nur bei einer einzigen Kollegin war das eben nicht so wichtig. Und da hat es mal gefunkt. Sonst war ich sehr skeptisch und habe mich immer sehr zurückgehalten. Filmpartnerinnen waren nie Sexobjekte für mich, sondern meistens sehr selbstbestimmte und sehr ehrgeizige Damen. Und das war mir sehr lieb! Im schlimmsten Fall war es so, dass die großen Schauspielerinnen, mit denen ich gedreht habe, einen Partner brauchten, der ihnen half und sie nicht ausnützte.

 

Inwiefern?

Zum Beispiel beim Spielen von Liebesszenen. Das ist nämlich eine sehr delikate Angelegenheit. Viele Menschen stellen sich den Dreh von Liebesszenen toll war, aber in Wirklichkeit sind diese Szenen meistens sehr, sehr heikel – vor allen Dingen für die Frau, die sich im Studio ausziehen muss. Meiner Meinung nach müssen Frauen beim Dreh von Liebesszenen viel größere Hemmschwellen überwinden als Männer. 

 

Stichwort Filmgage: Angeblich verdienen Sie 12.000 Euro pro Drehtag. Stimmt das?  

Nein, und ich war immer die Festlegung auf eine bestimmte Gage. Vor fast 60 Jahren, im Jahr 1959, gab es mal eine interessante Bewegung unter den Produzenten – sozusagen eine Art Absprache. Damals wurde ein so genannter "Gagen-Stop" eingeführt. Plötzlich durfte kein Schauspieler mehr Geld verdienen als 100.000 Mark pro Film – mit einigen Ausnahmen für ganz große Stars wie O. W. Fischer, Heinz Rühmann, Maria Schell und Ruth Leuwerik. Aber alle anderen Schauspieler, und damit das Gros, wurde quasi herabgestuft. Nach meinem Wissen war ich damals der Einzige, der aufgestockt wurde. Vorher hatte ich für einen Film 30.000 Mark bekommen, und wurde dann auf dieser Liste mit 40.000 Mark ausgewiesen.

 

War der Weg zu höheren Gagen mühsam?

Ja, insgesamt sehr. Für meine erste große Rolle in "Nachts, wenn der Teufel kam" habe ich 7.500 Mark bekommen. Später, als ich mehr verdiente, habe ich meine Teilnahme bei einem Film nie von der Gage abhängig gemacht. Denn ich bin keine Ware. Mich hat immer der Film und die Rolle interessiert. In "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" beispielsweise wollte ich unbedingt gerne mitspielen. Dabei hatte Volker Schlöndorff die Befürchtung gehabt, dass ich zu teuer sein würde.  Und das war immer meine Einstellung! Ich habe nie die Fahne der festen Gage hoch gehalten oder mich dafür eingesetzt. Ich finde das auch falsch für einen Schauspieler. Zwar bin ich durchaus dafür, dass man als Schauspieler gut bezahlt wird, weil man schließlich ein Produkt herstellt, das auch Geld einspielt – aber man soll sich nicht darauf festlegen, dass man soviel oder soviel kostet. Denn dann könnte es sein, dass man nicht engagiert wird, weil man zu teuer ist.

 

Sind Sie gläubig?

Nein. Ich glaube nicht an die Art von Gott, wie ihn die Religion beschreiben – also weder an den Menschensohn noch an den katholischen Gottvater mit dem Bart noch an irgendeinen anderen Gott. Stattdessen glaube ich an eine Kraft, die das Universum erschaffen hat – eine Kraft, die bis in die kleinsten Ideen hinein geht. Diese Kraft, die alles in Gang setzt, entspricht meinem Gottesbegriff.

 

Sind Sie noch topfit?

Topfit nicht. Langsam gibt es Defizite , die sich in der Ausdauer bemerkbar machen, und auch in der Kraft. Früher konnte ich 40 oder 50 Liegestützen machen. Heute hat sich das sehr reduziert. Ich habe auch keinen großen Ehrgeiz, ein Fitnessprogramm durchzuhalten und mich zu quälen – wie manche ältere Leute, die auf der Landstraße das sogenannte Joggen betreiben und bei denen man denkt, dass sie im nächsten Moment umfallen. Das ist nicht mein Ding. Aber ich bewege mich gerne, und ich schwimme gerne, wenn ich dazu die Gelegenheit habe. Und ich lebe etwas vernünftiger, als man es früher zu tun pflegte. Ich ernähre mich vernünftig. 

 

Rainer Werner Fassbinder, Günter Grass, Joachim Fuchsberger, Helmut Dietl – viele alte Weggefährten sind tot. Wie möchten Sie mal abtreten? Käme Sterbehilfe für Sie in Frage?

Darüber habe ich nicht nachgedacht. Ich bin optimistisch, dass mir ein leidvolles, schmerzvolles Sterben erspart bleibt. Das ist meine Hoffnung und mein Wunsch. Sorgen mache ich mir nicht darüber. Meine Grundhaltung lautet: wenn man schwer erkrankt, sollte man nicht "warum ausgerechnet ich?" fragen. Viel lieber sollte man sagen: "Warum eigentlich nicht ich?" – solange man noch gesund ist! Wenn mir Dieses oder Jenes wiederfahren sollte, dann würde ich sagen: Es ist nun mal so. Und dann würde ich versuchen, damit so gut zu leben oder zu sterben, wie es geht.

Was war wohl der wichtigste Spruch aus all Ihren Filmen? "Ich scheiß disch zu mit meinem Jeld?"

Wahrscheinlich. Der bekannteste Spruch ist es auf jeden Fall! Es gibt jedenfalls keinen anderen, der genauso populär geworden ist.

 

Ihr Lebensmotto?

Ich habe nie ein Motto für mich in Anspruch genommen. Bertolt Brecht hat einmal gesagt: Qualität setzt sich durch. Das hatte für mich immer etwas Trostvolles. Natürlich ist es eine Illusion, dass sich Qualität immer durchsetzt, aber es ist für mich als ein Grundmotto eher bestehen geblieben.

 

Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie für ein Familienfoto alle Figuren aufstellen, die Sie bereits gespielt haben. Welche Rolle dürfte dann im Zentrum stehen und warum?

Das wäre wirklich sehr, sehr schwer. Der Haffenloher aus "Kir Royal" wäre es nicht, und auch nicht der bestimmende Bellheim. Höchstwahrscheinlich wäre es eine andere Figur, die mir jetzt aber nicht einfällt. Deshalb würde ich jetzt vorübergehend – weil die Ausstrahlung meines Dokudramas "Karl Marx – Der letzte Prophet" bevorsteht – Marx in die Mitte stellen. Und ich wäre geschmeichelt, wenn ich selbst mit auf dem Bild wäre.

 

Interview: Mike Powelz

 

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