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Nina Kunzendorf und Anke Engelke über ihren Kampf gegen die Baumafia

13.02.2020 - Exklusiv: Anke Engelke und Nina Kunzendorf über ihren neuen Thriller, die Krise des Journalismus, Populismus und Menschenhandel.

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		Karin (Anke Engelke, li.) und Rommy (Nina Kunzendorf) machen als investigative Journalistinnen weiter. © ARD Degeto/Christiane

    Karin (Anke Engelke, li.) und Rommy (Nina Kunzendorf) machen als investigative Journalistinnen weiter. © ARD Degeto/Christiane Pausch

Ein toter Bauarbeiter, ein verschwundener junger Mann, ein skrupelloser Populist, ein Filz aus Mafia und Politik: Die dritte Folge "Das Versprechen" der Thrillerreihe „Tödliche Geheimnisse“ (Samstag, 22. Februar, 20.15 Uhr, Das Erste) führt die investigativen Journalistinnen Rommy und Karin ins Baumilieu. Und in einen Kampf um Wahrheit und Menschenwürde.

Im Interview erklären die Protagonistinnen Nina Kunzendorf und Anke Engelke, was Zweckpessimismus und Pizza damit zu tun haben.

Nina Kunzendorf und Anke Engelke im Interview

Ein Filz von Mafia und Politik, ein verschwundener junger Mann, ein toter Bauarbeiter und ein skrupelloser Populist – das sind die Kernthemen in Ihrem neuen Film „Tödliche Geheimnisse – das Versprechen“. Was ist das Spannende an dieser Geschichte, in der Sie als Journalistinnen im mafiösen Baumilieu ermitteln?  

Anke Engelke: Spannend finde ich zum Beispiel den psychologischen Aspekt, wenn bei der journalistischen Recherche das sogenannte Bauchgefühl eine Rolle spielt und die Privatperson hinter der Journalistin sichtbar wird. Ich finde es wirklich toll, dass unsere Figuren Journalistinnen sind - und nicht zwei Kommissarinnen. Romy und Karin beschäftigen sich natürlich auch mit Fakten und Zahlen, aber sie hören auch auf ihr Gespür, wenn sie mit Menschen sprechen, und da geht es dann nur am Rande um die Aufklärung eines Falles.

 

Wie viel Mitspracherecht haben Sie bei der Entwicklung von Romy und Karin?

Nina Kunzendorf: Wir haben durchaus Mitspracherecht. Beispielsweise waren wir uns im Vorfeld ziemlich schnell einig, dass die Liebesbeziehung von Romy und Karin nicht im Vordergrund stehen sollte. Schon gar nicht die Tatsache, dass es zwei Frauen sind, das sollte 2020 genauso selbstverständlich sein, wie alle anderen Konstellationen auch. Im Zentrum stehen zwei Journalistinnen, die gute Arbeit machen.

Anke Engelke: Wir sind keine Autorinnen, die Themen werden aber im Vorfeld besprochen, klar. Man ist ja grundsätzlich am Set gefragt, wach zu sein, aufmerksam, und darauf zu achten, wenn etwas nicht passt.

 

Was mögen Sie an Romy, Frau Kunzendorf?

Nina Kunzendorf: Ich mag, dass Romy ein Instinktmensch ist. Unabhängig von ihrer Profession nimmt sie eine Situation immer auch als Mensch wahr. Wenn Romy beispielsweise im aktuellen Film auf den Kollegen eines tödlich verunglückten Bauarbeiters trifft, sieht sie in ihm nicht nur einen Informanten, sondern auch einen Menschen, dem es schlecht geht. Außerdem ist sie zupackend und direkt.

Was sind die Stärken von Karin, Frau Engelke?

Anke Engelke: Karin ist forsch, mutig, sehr strukturiert und organisationsbegabt. Im dritten Film weicht sie ein bisschen auf, und man merkt, dass es ihr zusetzt, keinen festen Job zu haben. Wir mögen das sehr, Romys und Karins Biografien mitzuspielen. Für uns gehört zu Romys Werdegang, dass sie viel gereist ist, sehr viele und gute Reisereportagen geschrieben hat und dafür auch oft ausgezeichnet wurde, während meine Figur in unserer Phantasie ein journalistisches Standardwerk verfasst hat, einen großen Namen hat. Und obwohl Karin beispielsweise findet, dass man den bereits erwähnten Kollegen des verunglückten Bauarbeiters nicht zuhause bei sich unterbringen sollte, lässt sie es zu, weil sie mehr Mensch ist als Maschine – obwohl ihre hochhackigen Schuhe andererseits auch ein Statement sind und sie immer eine komische Tasche mit sich trägt, mit Reisepass und Unterlagen für spontane Reisen. Ja, Karin ist wirklich sehr tüchtig, glaube ich.

 

Inwiefern ist das Thema Bau-Boom in Berlin gesellschaftsrelevant, vielleicht auch vor dem Hintergrund des Flughafen-Desasters? Ist da im Besonderen ein gesundes Maß an Pessimismus angebracht?

Nina Kunzendorf: Vielleicht eher ein gesundes Maß an Aufmerksamkeit. In Berlin wird an jeder Ecke gebaut. Seit dem Dreh unseres Films betrachte ich Baustellen mit anderen Augen. Jetzt sehe ich die Bauarbeiter und denke: „Wo kommen die her? Was haben die für eine Geschichte? Was ist deren Hintergrund?“

 

Doch hätten Sie vor dem Dreh gedacht, dass auf Großbaustellen derartiger Menschenhandel betrieben wird? Und dass ein Drittel aller Bauaufträge Schwarzarbeiten sind - vom x-ten Shoppingcenter bis zum Eigenheim?

Nina Kunzendorf: Konkrete Zahlen kannte ich nicht. Aber das Thema ist ja nicht neu oder unbekannt. Aber leicht zu verdrängen, wenn man sich nur die hübschen neuen Gebäude anschaut und nicht in Betracht zieht, dass da eventuell Menschen für einen Hungerlohn hierher verfrachtet wurden und unter unmenschlichen Bedingungen schuften, damit es andere schick haben oder sich eine goldene Nase verdienen.

Wie ist es Ihrer Meinung nach im Jahr 2020 um den Beruf Ihrer Figuren – den Journalismus – bestellt? Und wie um das Vertrauen der Bürger in Publizisten?

Anke Engelke: Zwölf Jahre beim Südwestfunk haben mich sehr geprägt, nicht erst seit der Zeit halte ich den Beruf der Journalisten für einen Ehrenberuf. Bei den Öffentlich-Rechtlichen habe ich vor allem gelernt, dass man korrekt recherchiert, präzise, und dass man in Interviews fair ist. Rumfummeln an aufgezeichneten O-Tönen war tabu, man schnitt höchstens Längen oder mal ein Räuspern raus. Es gilt eine Art Codex, vergleichbar mit dem Ärztecodex: man hält sich an ein moralisches Regelwerk. Aber um Ihre Frage zu beantworten: das weiß man ja, dass das Vertrauen in Journalisten gerade in der Kritik steht, „Lügenpresse“ war das „Unwort des Jahres“ 2014. Dabei ist die Möglichkeit, Dinge zu beleuchten und zu hinterfragen das Schönste, was einem in einer Demokratie passieren kann – und Reporter haben die Chance, den Mächtigen auf die Finger zu schauen und – wie in unserem Film - zum Beispiel Korruption offen zu legen. Wir machen uns doch gerade alle Sorgen um das Ansehen von Journalisten, oder?

 

"Einerseits wird es immer Journalisten geben und auf der anderen Seite die paar, die ihnen beim Scheitern und Sterben zusehen“ – so lautet eine deprimierende Aussage in „Tödliche Geheimnisse“. Sehen Sie das auch so fatalistisch?

Anke Engelke: Nein, ich bin ein positiver Mensch und weigere mich, das Glas halb leer zu sehen. Glücklicherweise gibt es viele gute Journalisten, die Gehör finden und kluge neugierige Leser, die an sie glauben.

Nina Kunzendorf: Dem stimme ich zu. Ich bin ein Zweckpessimist, aber im Kern ein Optimist.

Anke Engelke: Außerdem gehört es sich nicht, zu sagen, dass alles umsonst sei. Denn wir Menschen sind gefordert, beim Denken flexibel und wach zu sein und das Privileg zu nutzen, dass wir uns überall informieren können. Wer sich für ein Thema interessiert und mehr wissen möchte, kann mehrere Zeitungen lesen, und sollte - um sich ein umfassendes Bild machen zu können - am besten mindestens drei unterschiedliche Quellen nutzen. Mache ich auch gern, ich habe gedruckte Zeitungen abonniert, auch weil ich gern Sachen ausschneide. Sehr letztes Jahrhundert, oder?

 

Leider gibt’s neben ehrenwerten Journalisten auch gewissenlose Schmierfinken, die bedenkliche Schlagzeilen produzieren – etwa in der Klatschpresse. Wer hat Schuld daran, dass das Yellow-Press-System funktioniert - die Macher oder die Käufer?

Anke Engelke: Schuld? Das ist so ein großes Wort, das wäre jetzt nicht meine Wahl. Yellow Press hat es wahrscheinlich in irgendeiner Form schon immer gegeben. Menschen haben nun mal am Lagerfeuer gesessen und sich irgendeinen Unsinn erzählt. Auch das gehört zu einer Gesellschaft dazu, dass man sich manchmal von Trivialem berieseln lassen möchte. Kennt vermutlich jeder, ist menschlich. Ich wünschte, man könnte abwinken und sagen „halb so wild“, aber dafür ist der Missbrauch von Pressefreiheit leider zu gefährlich. Was war zuerst da?

Nina Kunzendorf: Das bedingt sich leider gegenseitig. Solange es Menschen gibt, die das lesen wollen, wird es solche Zeitungen geben.

Momentan wird viel um den Begriff „Wahrheit“ gerungen. Gibt es überhaupt „die eine Wahrheit“ – oder sind das nicht immer verschiedene Blickwinkel auf ein- und denselben Sachverhalt?

Anke Engelke: Letzteres. Es gibt so viele Perspektiven und Meinungen, wie es Menschen auf der Erde gibt.

Nina Kunzendorf: Aber es gibt Zahlen und Fakten auf deren Basis man sich eine Meinung bilden kann.

 

Stichwort Whistleblower: Im Film wird hinterfragt, ob Whistleblower „dumm“ seien, weil sie für Verrat ihre Existenz riskierten – und ob es überhaupt welche gäbe, für die sich das Auspacken gelohnt habe. Ihre Meinung?

Anke Engelke: Edward Snowden und Chelsea Manning, die prominentesten Whistleblower, haben ihr Leben riskiert, weil sie Informationen öffentlich gemacht haben, von denen die Menschen Kenntnis haben sollten. Snowdens Biografie beginnt mit dem Satz „I used to work for the governments, now I work fort he public“. Ich bin keine Spezialistin, aber es erschließt sich mir nicht, wieso man bestraft wird für Aufklärung.

Nina Kunzendorf: Und das darf nicht sein.

Anke Engelke: Und da man sich informieren muss damit man Dinge begreift, empfehle ich zum Beispiel den Dokumentarfilm „Citizenfour“ über Edward Snowden.

 

In „Tödliche Geheimnisse“ geht’s nicht nur um Lügen und Macht, sondern auch um Millionen. Ein altes Sprichwort lautet: „Geld verdirbt den Charakter“. Stimmt das?

Nina Kunzendorf: „Geld regiert die Welt“, das auf jeden Fall – aber, dass es den Charakter verdirbt, daran möchte ich nicht glauben. Zumindest nicht so grundsätzlich. Geld eröffnet ja auch Möglichkeiten. Mit einem gut gefüllten Konto lässt es sich z.B. leichter klimabewusst leben. Der teurere Zug ist dann eine Alternative zum Billigflug und vieles mehr. Klar gibt es Gegenbeispiele, aber da war der Charakter vielleicht auch schon vorher versaut.

 

Wie wichtig finden Sie es, mit Ihren Filmen auf politische oder gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen? Und glauben Sie, dass Unterhaltungsfilme wichtige Denkanstöße vermitteln und etwas bewegen können?

Anke Engelke: Ja, klar, man isst ja auch nicht jeden Tag Pizza! Dann und wann frische Pizza, herrlich, das ist wie seichte Blubber-Unterhaltung. Wer das nicht schätzt dann und wann, ist eventuell zu streng mit sich. Aber man erinnert sich an wenige Pizzen, oder? Ein gutes Essen vergisst man nicht. Und bei Filmen gibt es auch unvergessliche, und die, die uns kurz rütteln wegen des Themas oder der Darsteller.

Nina Kunzendorf: Wenn es uns mit dieser Art Unterhaltungsfilmen nicht gelingt, auch ein Stück weit anzustoßen, dann haben wir etwas falsch gemacht.

Anke Engelke: Für mich ein Film dann gelungen, wenn ich danach das große Bedürfnis habe, etwas zu verarbeiten und zu überdenken, dann mit jemandem darüber zu reden oder etwas dazu aufzuschreiben. Unterhaltung kann durchaus nachhaltig sein. Meine Sketch-Reihe „Ladykracher“ sollte ursprünglich „Nee, ne?“ heißen – weil wir die Vorstellung mochten, dass man erst lacht und dann stutzt: „Warte mal, hat die das eben wirklich gesagt?! Nee, ne!?“

Ist es denkbar, dass Sie nochmal für „Ladykracher“ vor der Kamera stehen?

Anke Engelke: Ob das „Ladykracher“ heißt oder anders: Menschen zum Lachen zu bringen mag ich sehr! Und ich denke, „lustig“ sollte immer auch Platz haben in einem Drama. Denn alles andere wäre nicht die Abbildung des Lebens, sondern eher eine Behauptung. Bei allem Unglück lachen wir zwischendurch ja doch über uns und das Leben.

 

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus? Nach Stoffen, Regisseuren, Kollegen, dem Gesamtpaket?

Nina Kunzendorf: Voilà, da haben wir es!

Anke Engelke: Möglichst viele Nacktszenen.

Nina Kunzendorf: Richtig. Und einfach wahnsinnig viel Geld. Nein, im Ernst: Im besten Fall stimmen möglichst viele Parameter – die Schauspielkollegen, die Regie, das Buch und die Rolle. Natürlich nimmt man den einen oder anderen Kompromiss in Kauf, wenn dafür ein anderer Parameter stimmt. Ich mag Rollen, die dreidimensional sind. Ich langweile mich zu Tode, wenn ich nach fünf Minuten weiß, wohin der Hase läuft. Am Tollsten ist es, wenn plötzlich Fenster aufgehen, von denen man gar nicht wusste, dass sie überhaupt da sind, oder wenn man aus heiterem Himmel denkt: „Wieso ist denn diese Figur auf einmal so gemein? Die fand ich doch bis eben noch nett!“ Ich mag das Unvorhersehbare, Überraschende und Irritierende.

Anke Engelke: Und manchmal sind gar nicht die Hauptrollen das Schönste: manchmal möchte man viel lieber eine kleinere Nebenrolle in demselben Film spielen, weil da eine Figur beispielsweise großen Einfluss auf die Entwicklung der Hauptfigur hat und sie überhaupt erst zu dem macht, was sie ist.

 

In „Tödliche Geheimnisse“ werden die fiesen Abzocker am Ende selbst abgezockt. Glauben Sie an Karma-Payback?

Nina Kunzendorf: Ja, ich glaube, dass alles zu einem zurückkommt. Es fliegt einem alles um die Ohren.

Anke Engelke: Genau. Vielleicht an anderen Stellen, im Guten wie im Schlechten – ja klar, es kommt alles zu einem zurück. Man ist ja verantwortlich für Taten und Worte, man ist der Einzige, der weiß, was man getan und gedacht hat. Wenn man sich falsch verhalten hat, zieht einen das wie ein Gewicht hinunter. Dann wird man nicht getragen. Und umgekehrt ist es ebenso.

Nina Kunzendorf: Oft ist man doch verführt, sich daneben zu benehmen, weil es andere ebenfalls tun – beispielsweise beim Parken in zweiter Reihe. „Der macht das doch auch!“ Ich bemüh mich, es besser zu machen. Es ist relativ leicht, ein Arschloch zu sein.

In Ihrem Film spielt Mark Waschke einen Populisten: Ihre Meinung über den aktuellen Riss in der Gesellschaft? Ist der noch zu kitten?

Anke Engelke: Na klar, auf mich wirkt das Glas halbvoll. Was sollen wir sonst noch hier? Wir wollen doch alle, dass es weitergeht, und zwar über das eigene Leben hinaus. An die nächsten Generationen zu denken, das funktioniert nicht mit Pessimismus.

Nina Kunzendorf: Sehe ich genauso. Wir dürfen optimistisch sein. Und handeln.

Anke Engelke: Denn jeder kann das Schlechte sein lassen. Von Wilhelm Busch stammt der Satz: „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt.“

 

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