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Sebastian Fitzek: "Filme mit Opfern im Mittelpunkt, gibt es noch lange nicht genug!"

08.03.2018 - Was passiert, wenn Computer Verbrechen voraussagen? Der TV-Thriller "Das Joshua-Profil" nach Sebastian Fitzek gibt die Antwort. Wir trafen den Bestseller-Autor zum Interview.

Seine Bücher verkaufen sich millionenfach, alle Romane seit seinem Erstling "Die Therapie" aus dem Jahr 2006 landen auf den Bestseller-Listen: Sebastian Fitzek ist Deutschlands erfolgreichster Thriller-Autor. Am 30. März zeigt RTL um 20.15 Uhr die Romanverfilmung "Das Joshua-Profil", in dem er sogar eine Rolle als Buchverkäufer übernommen hat. Wir sprachen mit ihm über künstliche Intelligenz, Datensammelwut und Gesichtserkennung.

 

Interview mit Sebastian Fitzek

In "Das Joshua-Profil" ist Predictive Policing Fluch und Segen. Ihre Meinung über künstliche Intelligenz?

Es gibt keine Entwicklung, die nicht zwei Seiten hat. Ob Gentechnik, Digitalisierung oder künstliche Intelligenz: Jede Neuerung hat das Potential, unser Leben zu verbessern, aber auch es zu verschlechtern, im schlimmsten Fall sogar zu zerstören. Das aber nur, wenn wir uns nicht mit den Risiken und Gefahren auseinandersetzen, und hier liegt das Problem bei künstlicher Intelligenz. Obwohl sie schon real ist und angewendet wird, erscheint sie uns immer noch wie Science Fiction.

Ist Predictive Policing realistisch? Gibt’s "Pre Crime" wirklich – also ein Programm, das alle möglichen Daten über uns sammelt, und mithilfe von Algorithmen vorhersagt, wie wir uns verhalten werden?

Ja, das gibt es und wird weltweit auch schon eingesetzt. Vorreiter war das Programm Blue Crush in den USA. Auch in Deutschland gab und gibt es Testversuche. Das LKA Bayern etwa verwendet eine Software namens "Precobs".

Basiert Predictive Policing auf der so genannten Deep Face-Technologie?

Gesichtserkennung (wenn das gemeint ist?) steht nicht im Zentrum solcher Programme. Die Verbrechensvorhersage basiert auf der Auswertung unzähliger Daten: von Verbrechensstatistiken aus der Vergangenheit, wo etwa häufiger eingebrochen oder randaliert wurde, über Social-Media-Daten einzelner Personen, bis zum Veranstaltungs- und Wetterbericht. So kann man Verbrechensschwerpunkte räumlich und zeitlich eingrenzen. Streifenwagen fahren nicht mehr per Zufallsprinzip durch die Gegend, sondern können gezielt zu möglichen Brennpunkten geschickt werden, wo die errechnete Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen Straftat höher ist als anderswo.

Sind Sie optimistisch was unsere Zukunft in der "digitalen Epoche" betrifft, die gerade begonnen hat? Oder ist es eher vorstellbar, dass wir eines Tages alle Schachfiguren potenzieller "digitaler Diktatoren" werden – fremdgesteuert, überwacht und im Zweifelsfall diskriminiert und eliminiert?

Ich sehe eine große Gefahr in der Datensammelwut weltumspannender Firmen, die oftmals keine großen Anstrengungen unternehmen müssen, um an unsere Geheimnisse zu gelangen. Wir liefern sie ihnen ja selbst frei Haus. Sei es durch aktives Posting in den Sozialen Netzwerken oder dadurch, dass wir freiwillig unser Wohnzimmer mit digitalen Sprachboxen verwanzen. Solange unsere Wirtschaftsordnung auf Gewinnmaximierung einzelner Konzerne angelegt ist, haben diese kein Interesse daran, mich auszuschalten. Sie wollen ja mein Geld. Etwas anderes ist es, wenn die politischen Verhältnisse sich ändern und hier müssen wir uns der Gefahr bewusst sein, dass Big Data wahlkampfendscheidend sein kann.

Was würde wohl geschehen, wenn Mark Zuckerberg Facebook an Personen vererbte, die Böses im Schilde führen? Sind große Tools wie Facebook potenzielle Machtmissbrauchs-Instrumente?

Information ist Macht und Facebook ist damit eine der mächtigsten Organisationen der Welt. Natürlich ist die Gefahr des Machtmissbrauchs gegeben, wie immer, wo sich unverschämt viel Macht in einer einzigen Hand bündelt.

Ist die digitale Totalüberwachung, der wir uns im Internet anvertrauen, eine "Stasi 2.0"?

Nein. Die Stasi wollte ein totalitäres, politisches System sichern und erhalten. Das war von Anfang ein unmoralischer und rechtsstaatswidriger Machtmissbrauch. Firmen wie Amazon, Google, Apple & Co hingegen sammeln unsere Daten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Sie benutzen die Daten also primär, um unsere Konsumbedürfnisse immer besser und erfolgreicher zu bedienen. Vielleicht bin ich naiv, aber ich denke, die Grundintention dieser Konzerne ist es nicht, unser Leben zum Negativen zu verändern und uns in eine Diktatur zu führen. Aber sie haben theoretisch die Macht dazu, und diese kann missbraucht werden, wenn wir nicht aufpassen.

Sie haben im "Joshua-Profil" einen Cameo-Aufritt. Wie viel Spaß macht Ihnen die Schauspielerei?

Ich hatte ordentlich Muffensausen, um ganz ehrlich zu sein. Immerhin führte mit Jochen Alexander Freydank ein Oscarpreisträger Regie, und ich musste neben gestandenen Schauspielstars wie Torben Liebrecht und Armin Rohde auftreten. Ich bin sehr glücklich, dass man mir am Set nicht den Kopf abgerissen hat und die Szene offenbar nicht rausgeschnitten wurde.

 

RTL zeigt bald auch "Passagier 23", außerdem wurde "Abgeschnitten" für das Kino verfilmt. Für welche Ihrer Bücher interessieren sich Filmemacher aktuell noch? Welche Deals werden gerade eingetütet?

Derzeit laufen die Verhandlungen über eine Verfilmung von Amokspiel, aber eigentlich sind fast alle meine Stoffe bei Produzenten im Gespräch.

Ihre Meinung über TV-Krimis? Sind Sie "Tatort"-Fan? Gibt’s zu viele Krimis im deutschen TV?

In meiner Brust schlägt eher ein Thriller- als ein Krimi-Herz. Ich fiebere weniger gern mit professionellen Ermittlern mit, als vielmehr mit dem Otto-Normalverbraucher, der sich von jetzt auf plötzlich in einer ausweglosen Situation befindet. Und von diesen Filmen, gerade solchen, in denen das Opfer im Mittelpunkt steht, finde ich, gibt es noch lange nicht genug im Fernsehen.

Was verpassen Sie nie im klassischen Fernsehen?

"Oliver Kalkofes Mattscheibe" und die "heute show".

Ihre Schreibrituale? Wie viele Seiten verfassen Sie pro Tag? Wie lange arbeiten Sie im Schnitt an einem Buch?

Ich brauche im Schnitt ein Jahr pro Buch, selten geht es schneller. In meinen Intensivphasen arbeite ich täglich und sitze spätestens ab neun Uhr am Schreibtisch. Dabei gibt es aber keine Minimum-Seitenzahl pro Tag.

Ihr nächstes Projekt?

Wieder ein Buch. Wieder ein Psychothriller.

 

Lust aufs Schreiben von TV-Drehbüchern?

Ich habe es einmal versucht und gemerkt, wie schwierig das ist. Eine eigene Kunstform, die man nicht beherrscht, nur weil man Romane schreibt. Ich habe großen Respekt vor Drehbuchautoren und finde es ziemlich blöd, dass ihre Leistungen in der Filmbranche so selten angemessen gewürdigt werden.

Was gibt den Anstoß für Ihre Buchideen? Ein Zeitungsartikel, ein Gesprächsfetzen, eine feinsinnige Beobachtung?

Meistens sind das Alltagssituationen. Etwa, wenn der Postbote mir ein Paket für einen Nachbarn anvertraut, dessen Namen ich nicht kenne, obwohl ich doch schon seit Jahren in der kleinen Straße wohne. Das war die Geburtsstunde für meinen Thriller "Das Paket."

Lesen Sie Ihre Amazon-Bewertungen? Was halten Sie vom Amazon-Bewertungssystem der Sterne-Vergabe?

Internet-Bewertungen richten sich an die Käuferinnen und Käufer eines Buches, nicht an den Autor. Aber auch als Leser sind sie für mich nicht immer besonders hilfreich und führen mich schlimmstenfalls sogar in die Irre. Ich zum Beispiel liebe Cola Light und würde den Geschmack mit 5 Sternen bewerten. Aber nur weil mir die Brühe schmeckt, heißt das ja nicht, dass andere das genau so empfinden. Selbst wenn 99 Prozent aller Nutzer dem Getränk 5 Sterne geben, müsste man sich am Ende selbst ein Bild machen und wenigstens einen Schluck probieren. Am Ende entscheidet immer der eigene Geschmack.