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Der weiße Riese

29.06.2020 - Der große Bruder des Camping-Bestsellers VW California ist endlich am Start. Gut ein Vierteljahrhundert nach dem Florida auf LT-Basis baut die Nutzfahrzeug-Sparte von Volkswagen wieder ein eigenes vollwertiges Reisemobil mit Nasszelle und Toilette: Die Erfahrungen nach einer umfänglichen Testtour mit dem Grand California 600 auf Crafter-Basis sind gemischt.

  • Der große VW California basiert auf dem Crafter ©

    Der große VW California basiert auf dem Crafter © VW

  • Der Grand California 600 fällt auf jedem Stellplatz sofort auf, denn der drei Meter hohe Reisemobil-Riese ist anders als eine Vielzahl seiner gleich dimensionierten Wettbewerber im Kastenwagen-Segment ©

    Der Grand California 600 fällt auf jedem Stellplatz sofort auf, denn der drei Meter hohe Reisemobil-Riese ist anders als eine Vielzahl seiner gleich dimensionierten Wettbewerber im Kastenwagen-Segment © VW

  • Der serienmäßige Seitenwindassistent hat bestenfalls bei starken Böen etwas Mühe ©

    Der serienmäßige Seitenwindassistent hat bestenfalls bei starken Böen etwas Mühe © VW

  • Lob verdient sich der VW Crafter als Basisfahrzeug. Er wird ausschließlich als 2,0-Liter-Diesel mit 130 kW/177 PS und einer feinen 8-Gang-Wandlerautomatik angeboten ©

    Lob verdient sich der VW Crafter als Basisfahrzeug. Er wird ausschließlich als 2,0-Liter-Diesel mit 130 kW/177 PS und einer feinen 8-Gang-Wandlerautomatik angeboten © VW

  • Die Raumaufteilung folgt weitgehend dem klassischen Muster ©

    Die Raumaufteilung folgt weitgehend dem klassischen Muster © VW

  • An Familien mit Kleinkindern wurde nicht nur bei den Isofix-Halterungen in der Sitzbank gedacht, sondern auch mit einem optionalen Kinderbett im vorderen Hochdachteil ©

    An Familien mit Kleinkindern wurde nicht nur bei den Isofix-Halterungen in der Sitzbank gedacht, sondern auch mit einem optionalen Kinderbett im vorderen Hochdachteil © VW

  • Der Küchenblock befindet sich auf der Beifahrerseite vor der großen Schiebetür ©

    Der Küchenblock befindet sich auf der Beifahrerseite vor der großen Schiebetür © VW

  • Konzeptionell fanden wir die Oberschränke, umlaufend an drei Seiten über dem Doppelbett montiert, sehr überzeugend ©

    Konzeptionell fanden wir die Oberschränke, umlaufend an drei Seiten über dem Doppelbett montiert, sehr überzeugend © VW

SP-X/Pellworm. So unbeirrt der Campingbus VW California in der jüngeren Vergangenheit auch auf Rekordkurs steuerte, den Wunsch nach einem vollwertigen, autarken Reisemobil aus VW-Produktion kann gut 25 Jahre nach dem Aus für den LT-Ausbau Florida erst jetzt der Grand California wieder erfüllen. Für eine ausgiebige Erprobungstour auf die Nordseeinsel Pellworm stand uns mit dem 600er die kompaktere und preisgünstigere (ab 57.775 Euro) von zwei Ausbauvarianten auf Basis des VW Crafter zur Verfügung. Im Gegensatz zum Typ 680 muss sie mit einem Doppel-Querbett auskommen, ist als Sechs-Meter-Camper aber auch 80 Zentimeter kürzer und handlicher. 

Der Grand California 600 fällt auf jedem Stellplatz sofort auf, denn der drei Meter hohe Reisemobil-Riese ist anders als eine Vielzahl seiner gleich dimensionierten Wettbewerber im Kastenwagen-Segment. Anders im Außendesign mit seinem markanten Hochdach, das bis über die Frontscheibe ragt, sowie einer hellen Wagenlackierung, die optional auch mit einer zweiten Farbe kombiniert werden kann. Anders vor allem aber auch im Innenraum, der ganz in Weiß möbliert ist. Alterativlos. 

Das scheint den Zeitgeschmack zu treffen, denn den meisten Neugierigen, die auf den Stellplätzen einen Blick ins Innere werfen durften, gefiel das taghelle, frische Ambiente mit der durchgängig üppigen Stehhöhe über zwei Meter ebenso gut wie uns bei einer ersten Begehung.

Lob verdient sich der VW Crafter als Basisfahrzeug. Er wird ausschließlich als 2,0-Liter-Diesel mit 130 kW/177 PS und einer feinen 8-Gang-Wandlerautomatik angeboten. Eine Kombination, die völlig entspanntes Reisen ermöglicht. Das Triebwerk ist durchzugsstark und so leise, wie man es hinter dem Steuer eines vollwertigen Wohnmobils sonst nicht gewohnt ist. 

Der serienmäßige Seitenwindassistent hat bestenfalls bei starken Böen etwas Mühe. Ansonsten hält der Grand California trotz seiner Höhe unbeirrt seine Spur und erweist sich mit einem Testverbrauch von 10,2 l/100 km (NEFZ-Norm 8,3 l/100 km, WLTP 11,3 l/100 km) auch bei voller Beladung bis zu 3,5 Tonnen als äußerst genügsam. Das die Euro-6d-Temp-Norm erfüllende Reisemobil reinigt die Abgase mit SCR-Technik und Adblue-Einspritzung.

Die Raumaufteilung folgt weitgehend dem klassischen Muster. Die Sitzgruppe besteht aus den beiden drehbaren Frontsesseln, einer Zweier-Sitzbank und einem großen Tisch, der seitlich in einer Schiene eingehängt wird, während der Fahrt aber hinten festgezurrt auf dem Bett ruht. Die Vordersitze lassen sich nur bei geöffneten Fronttüren leicht drehen, scheuern andernfalls an der Tür-/Innenverkleidung.

An Familien mit Kleinkindern wurde nicht nur bei den Isofix-Halterungen in der Sitzbank gedacht, sondern auch mit einem optionalen Kinderbett im vorderen Hochdachteil, das sich bis zu einer Länge von 1,70 Metern über die Sitzgruppe ausziehen lässt und inklusive Aufstiegsleiter und Panoramadach satte 3.000 Euro extra kostet. Nachteil: Es sind keine Dachstauschränke über der Dinette möglich, sondern lediglich zwei Mini-Ablagefächer und immerhin eine Schale zum induktiven Laden von Smartphones. Steckdosen, egal ob für USB, 12oder 230Volt, sind in ausreichender Anzahl überall vorhanden.

Der Küchenblock befindet sich auf der Beifahrerseite vor der großen Schiebetür. Ein kluge Detaillösung ist sicher der 70-Liter-Kühlschrank, der seitlich am Küchenblock über einen Auszug geöffnet wird und so gut von innen und von außen zugänglich ist. Dafür sind die Schubladen für Küchenutensilien extrem klein. Große Teller, Pfannen und Töpfe müssen woanders Platz finden. Die Küchenzeile mit Zwei-Flammen-Kocher und Spüle kann an beiden Seiten mit ausklappbaren Brettern verlängert werden, was eine üppige Arbeitsfläche zur Verfügung stellt. Beim Schnippeln auf dem rechten Verlängerungsteil sollte man allerdings Sorgfalt walten lassen, denn es liegt auf dem Kopfende des Doppelbetts auf.

Die Spüle bereitete uns allerdings eine unangenehme Überraschung. Nach dem ersten Geschirrspülen landete das ablaufende Spülwasser nämlich nicht im Abwassertank, sondern ergoss sich in den Innenraum, breitete sich über den schönen, Gott sei Dank pflegeleichten Schiffsdielenboden aus. Nach intensiver Fehlersuche stellte sich heraus, dass das Abflussrohr der Spüle nicht im Eckgelenk zur Abwassertank-Leitung steckte, sondern irgendwo im Nirgendwo hinterm Küchenblock endete. Eine Montagefehler, der bei einem mit viel Handarbeit erstellten Produkt immer mal vorkommen kann und mit etwas handwerklichem Geschick letztlich schnell behoben war. Hoffentlich ein Einzelfall,denn in puncto Verarbeitungsqualität ist man von Volkswagen anderes gewohnt. 

Auf dem hinten quer eingebauten Doppelbett mit bequemer Matratze auf Tellerfedern können zwei Personen selig schlummern, wenn sie denn erst mal die gut ein Meter hohe Schlafstätte erklommen haben. Unbequem kann es lediglich für Zeitgenossen mit Basketballer-Gardemaß werden. Da der Crafter mit 2,04 Metern Breite verhältnismäßig schmal gebaut ist, waren rechts und links Karosserieverbreitungen in Betthöhe notwendig, um wenigstens ein Kojenmaß von 1,95x1,40 Meter zu ermöglichen. 

Konzeptionell fanden wir die Oberschränke, umlaufend an drei Seiten über dem Doppelbett montiert, sehr überzeugend. Sie sind zweiteilig und lassen sich, ähnlich wie in Flugzeugen nach oben und unten öffnen. Allerdings sind sie viel zu schmal und werden in ihrer Aufnahmefähigkeit noch von einem im Innern umlaufenden Schacht beeinträchtigt. Außerdem machte sich eine Unterschrankklappe während der Fahrt immer selbstständig, während eine andere mehrfach klemmte. Auch nur Einzelfälle?

Größere Gepäckstücke finden ohnehin nur unter dem Doppelbett Platz. Während die beiden Unterschränke auf der Beifahrerseite mit den Tanks (Frischwasser 110 Liter, Abwasser 90 Liter) und den beiden 11-kg-Gasflaschen belegt sind, können diegroßen Staufächer auf der Fahrerseite für sperrigere Utensilien genutzt werden. Fahrräder oder Surfbretter lassen im Mittelgang unterbringen, sofern das Doppelbett seitlich hochgeklappt wird. Die Gemütlichkeit ist dann freilich weitgehend dahin. Ansatzweise vom kleineren California-Bruder übernommen ist die platzsparende Idee, zwei Campingstühle samt Außentisch in den beiden Hecktüren unterzubringen. Der Aufpreis von gut 500 Euro dafür ist allerdings sehr happig.

Wesentliches Differenzierungsmerkmal zum T6-California ist das vollwertige Bad – natürlich ganz in Weiß – mit klug durchdachtem Konzept. Regale, ein Unterschrank und ein Oberschrank mit schwenkbarem Spiegel nehmen alle notwendigen Bad- und Toiletten-Artikel auf. Der Clou ist das klappbare Waschbecken, das genügend Platz zum Duschen schafft. Und zwei Abflüsse sorgen dafür, dass das Wasser auch bei leicht schrägem Stand immer abläuft. Einen Duschvorhang sucht man allerdings ebenso vergebens wie einen Lichtschalter. 

Praktische Details wie eine Außenbeleuchtung über der Schiebetür, eine Außendusche (mit einstellbarer Wassertemperatur) im Heckbereich, eine elektrisch ausfahrbare Trittstufe an der Schiebetür, Moskitonetze in der Schiebetür und an den ausstellbaren Camper-Fenstern lernt man zu schätzen. Das Verdunklungs-Origami für nachts mit den Magnetgardinen und Stäben ist dagegen ein aufwändiges Szenario.

Etliche Assistenzsysteme, Markise, Dachklimaanlage, Solaranlage, SAT-Schüssel, WLAN-Hotspot und, und, und - das alles sind Positionen einer langen Aufpreisliste, die den zunächst noch recht günstig klingenden Basispreis von 57.775 Euro in die Höhe treiben. Mit unserem Testwagen war bei knapp unter 80.000 Euro noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Denn weitere Extras bedeuten auch mehr Gewicht. Bei uns betrug die Zuladekapazität gerade noch rund 400 Kilogramm. Bei noch mehr Sonderausstattung kommt man um eine Auflastung auf 3,88 Tonnen kaum herum - und welche Nachteile damit verbunden sind, wissen nicht nur Pkw-Führerscheininhaber, die ihre Fahrerlaubnis nach 1999 gemacht haben.

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