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Kranke Männer

28.09.2018 - Es ist gut, wenn Männer Hobbys haben. Auch, wenn es scheinbar komplett sinnlose sind.

  • Ein Zug der Deutschen Bahn (DB) fährt über den Hindenburgdamm zwischen Sylt und Niebüll. Foto: Carsten Rehder/Archiv © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Ein Zug der Deutschen Bahn (DB) fährt über den Hindenburgdamm zwischen Sylt und Niebüll. Foto: Carsten Rehder/Archiv © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Ich erwähnte es bereits gelegentlich: der Mann in meinem Bett mag Modeleisenbahnen. Am liebsten baut er deren Gleise auf und ab. Das ist OK, seine Bahn steht bei ihm zuhause, ich muss ihm nicht beim Spielen zusehen.
Jetzt hat der Mann eine kaputte Schulter und ist krankgeschrieben. Er hat viel freie Zeit, aber Gleise arrangieren geht schlecht, mit nur einem Arm. Deshalb geht er raus und lungert auf Bahnhöfen rum.

Mein letzter Mann ist immer in den Baumarkt gefahren, wenn er krank war. Von dort brachte er hochpreisige Edelstahlschaufeln und Motorsägen mit. Ich lernte: Irgendein vernünftiges Loch gibt es immer zu schaufeln. Und auch wenn urplötzlich mal ein Baum zu fällen ist, sollte man das entsprechende Werkzeug schnell zur Hand haben. So etwas ist ein nützliches Hobby.

Der jetzige Mann in meinem Bett zählt auf dem Bahnhof die Waggons der Züge. Am schönsten ist es für ihn, wenn irgendwas im Betriebsablauf nicht nach Plan läuft. Stimmt die Wagenreihung? Ist der Speisewagen dort, wo er hingehört? Wird die Umstellung angesagt oder angezeigt?

Wer sich jetzt schon langweilt, überspringt den folgenden Absatz bitte. Für alle anderen: Toll sind auch die Sylt-Züge. Die Bahn hat zu wenig Waggons für die Fahrten auf die Insel. Also holt sie Wagen, die sonst auf Abstellgleisen stehen und reiht die buntgemischt aneinander. Oder: einmal hat ein Graffiti-Sprayer den roten Streifen auf einem ICE weiß übergemalt und als Schlangenlinie neu gesprüht. Das hat mein Eisenbahnmann fotografiert. Das Bild ist eines seiner Schätze. Er hat nur niemanden, dem er es zeigen möchte.

Der Mann sagt, er fühlt sich auf dem Bahnhof wie ein Ornithologe auf einer einsamen Insel. Er beobachtet Vögel und wartet darauf, dass sie sich irgendwie schräg verhalten. Was der Mann niemals tut: mit anderen Eisenbahnfreaks sprechen. Eisenbahnfreaks sind Besserwisser, sagt er. Er will sich alleine freuen, über seine Beobachtungen. Ein Ornithologe quatscht ja auch nicht, während er nach einer Zwergseeschwalbe späht.

Was so ein sonderbares, einsames Hobby nützt? Es macht seinen Betreiber ausgeglichen und glücklich. Und sehr viel mehr braucht es ja eigentlich nicht, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

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