Diese Seite benötigt Javascript! Bitte aktivieren Sie Javascript für eine korrekte Darstellung.

Schlimme Freunde

14.09.2018 - Möchten wir wissen, was unsere Bekannten und Verwandten treiben, in dunklen, einsamen Stunden vor dem Computer, wenn niemand sie zurechtrüttelt?

  • Foto: Dominic Lipinski © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Foto: Dominic Lipinski © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Vor einigen Jahren habe ich meinen Facebook-Account stillgelegt. Ich habe selber zu leben - da kann ich nicht ständig auf das Facebookleben anderer Leute gucken und wohlmöglich denken: ohjeh! Die sehen aber glücklich aus, auf ihren Fincas und mit ihren Familien und beim Marmeladeeinkochen und dem klasse Kram, den alle so erleben.

Neuerdings schickt Facebook mir mails, in denen ich auf aktuelle Posts meiner alten Kontakte hingewiesen werde. Facebook fragt jedes Mal, ob ich diese mails empfangen möchte, dann klicke ich auf ‚nein danke‘ und die mails kommen weiter.
Irgendwann war ich weichgekocht und hab mal kurz geguckt, was meine Kontakte so treiben. Ich erfahre: eine Bekannte hat kürzlich den Mann ihrer Träume gefunden. („Halt mich bis in die Unendlichkeit!“) Er ist Gruftie. Grufties mögen Schwarz und okkultes Geschwurbel. Ende der 90’er schlief die Gothic-Szene verdientermaßen ein, aber es gibt Überlebende.

Der Gruftie-Mann selbst zeigt sich auf seinem Profil mit wirrer Endzeitfrisur, postet Totenköpfe und hat die praktische Beziehungsstaus-Funktion genutzt. Ein Klick und die Sache ist verlautbart: 17. August: „KENNENLERNEN.“ 21. August: „BEZIEHUNG.“ So sind sie, die Grufties, sie haben keine Zeit zu verlieren, der Tod steht bereits vor der Tür.

Eine Cousine postet Bilder ausgesetzter Kätzchen ( „Wie können Menschen nur so grausam sein?!!!“) und Herzensweisheiten. Montag: „Es gibt Menschen, die man kennenlernt und nie wieder verlieren möchte.“
Mittwoch: „Eines Tages wird Dich jemand so kraftvoll umarmen, dass sich all das Zerbrochene in Dir wieder zusammenfügt.“
Dann schweigt die Cousine, still ruht der See, einen Monat lang kein Herzens-Post. Aber dann! „Schade, dass man erst am Ende merkt, wie hinterhältig manche Menschen sind.“
Die Cousine hat jede Menge Freunde, die ebenfalls mit hinterhältigen Menschen zu tun haben und das erst am Ende merken. Der Schade-Post wird gelikt bis zum Mond und zurück.

Ich lerne: es gibt viele sehr bedürftige Menschen dort draußen. Würde ein „HabDichliebhabdichliebhabdichlieb!!!“ den armen Seelen weiterhelfen? Ich will nicht knickrig sein: Herzchenherzchen, Lächel-Emoji, Herzchen, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen.