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"Tatort" Freiburg: Keine Lolita

11.03.2019 - Der Freiburger "Tatort: Für immer und dich" konzentriert sich ganz auf seine zwei Hauptfiguren. Eine Teenagerin und die komplexe Beziehung zum sie missbrauchenden, älteren Mann.

  • Die Abgründe in dieser Beziehung werden immer deutlicher. © SWR / Benoit

    Die Abgründe in dieser Beziehung werden immer deutlicher. © SWR / Benoit Linder

  • Emilys Verwundbarkeit wird von Meira Durand großartig gespielt. © SWR / Benoit

    Emilys Verwundbarkeit wird von Meira Durand großartig gespielt. © SWR / Benoit Linder

Die ersten Bilder dieses "Tatorts" bestimmen den Ton. Eine junge Frau im Auto, unterwegs mit einem deutlich älteren Mann. Es könnte ein heiteres Roadmovie sein; Vater und Tochter gemeinsam unterwegs. Doch schnell wird klar, die beiden sind ein Paar - der Altersunterschied zwischen ihnen gewaltig. Wie gewaltig offenbart sich, wenn Emily an der Raststätte eine Zigarette schnorrt und gefragt wird, ob sie denn schon rauchen dürfe. Was sie darf ist ihr aber herzlich egal. Der Mann, Martin Nussbaum (Andreas Lust), drängt angesichts der neugierigen Trucker zur Weiterfahrt.

Warum fragt sich der Zuschauer, ist dieses junge Mädchen, mit diesem über 40-jährigen Mann unterwegs? Er bedroht sie nicht, zwingt sie nicht, mit ihm zu kommen. Sie lacht mit ihm, sucht seine Zuneigung. Dies sind die verstörendsten Momente des Films. Denn dass so eine Beziehung immer auf Missbrauch beruht, ist klar.

Die verschwundene Tochter

Als sich Emilys verzweifelte Mutter bei Kommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) meldet, wird deutlich, dass Emily, das Mädchen, seit zwei Jahren vermisst wird. Bisher fehlte jede Spur von ihr. Kollege Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) geht davon aus, dass Emily nicht mehr lebt. Zu oft hat die Mutter behauptet, ihre Tochter gesehen zu haben.

Doch Tobler geht der Spur unbeirrt nach. Die Ermittlungen sind in diesem Film aber nur Nebensache. Im Zentrum stehen Emily und die Beziehung zu Nussbaum. Da Nussbaums Finanzen zu Neige gehen, versucht er seiner Mutter ihr gesamtes Erspartes abzuluchsen. Doch auf dem Weg zurück in die Heimat geht etwas schief. Nussbaum überfährt einen jungen Mann, der ihm zuvor die Tasche aus dem Auto geklaut hat. Dadurch kommt ihm und Emily die Polizei immer dichter auf die Fersen.

Nussbaum ist ein Mann, der im Leben nichts erreicht hat. Das einzige, was ihn antreibt, ist die Vorstellung, mit Emily ein neues Leben anzufangen. Doch Emily fühlt sich immer unwohler in der Beziehung. Die sexuellen Annäherungen weist sie ab. Wenn Nussbaum fragt, ob sie ihn nicht mehr möge, sagt sie lustlos: "Doch, doch."

Wahre Liebe oder Abhängigkeit?

Das Abhängigkeitsverhältnis wird deutlich, wenn Nussbaum sie für einige Stunden alleine lassen will und sie sich an ihn klammert. Er ist ihre einzige Bezugsperson. Außer ihrem Hund der einzige, von dem sie Zuneigung erfährt. Doch die Sehnsucht nach Freunden und einem normalen Leben; nach der Familie, wird immer größer. Die Dynamik zwischen beiden spitzt sich zu, wirklich gewalttätig wird Nussbaum dabei aber nie. Nur der Hund muss am Ende dran glauben und führt die Ermittler endgültig auf Nussbaums Spur. Emily hat sich da schon entschieden, ihn zu verlassen.

Es ist das großartige Spiel von Meira Durand als Emily, dem es zu verdanken ist, dass dieser Film funktioniert; dass man gar nicht anders kann, als sich auf diese kontroverse Geschichte einzulassen.

Die Frage, ob zwischen einem erwachsenen Mann und einer zu Beginn 13-Jährigen so etwas wie Liebe existieren kann, ist schnell mit einem Nein beantwortet. Am Ende erklingt der titelgebende Rio-Reiser-Song: "Für immer und dich." "Ich habe so oft für dich gelogen", heißt es darin.

Deutlich wird das auch, wenn Emily sich den sexuellen Annäherungen verschließt, ohne sich deutlich zu wehren. Es ist fraglich, ob es notwendig war, diese Szenen so explizit darzustellen. Natürlich ist Emilys Darstellerin in Wirklichkeit nicht 15, sondern 18. Sonst wären diese Szenen nicht drehbar gewesen. Aber auch so wurde der Schauspielerin hier einiges abverlangt. Der Zuschauer wird unfreiwillig zum Voyeur des Missbrauchs. Das ist unnötig, hier wäre es wirkungsvoller gewesen, es bei Andeutungen zu belassen.

Emily ist keine Lolita

Emily ist keine "Lolita", sie lässt nicht alles mit sich machen. Als Nussbaum ihr Unterhosen zum Geburtstag schenkt, schmeißt sie diese auf den Boden. Vielleicht brauche er ihre Erlaubnis nicht, droht Nussbaum, als sie sich ihm verweigert, nur um sich dann reumütig zu zeigen. Dass Missbrauch aber einmal stattgefunden hat, ist ebenfalls zu erahnen. Es sind diese ambivalenten Momente, die schwer auszuhalten sind und den Film sehenswert machen.

Emilys Verhalten und ihre Motive lassen viele Fragen offen. Der Fall erinnert stark an den der Maria H. Sie war als 13-Jährige aus eben jener Plattenbau-Siedlung verschwunden, in der der "Tatort" Emilys Wohnung ansiedelte. Ein viel älterer Mann hatte sie in einem Chat dazu überredet, mit ihm abzuhauen. Ende letzten Jahres kehrte Maria H. nach fünf Jahren zu ihrer Familie zurück, viele Fragen sind in diesem Fall noch unklar. Dem Zuschauer wird es in "Für immer und dich" nicht leicht gemacht - und das ist gut so.

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