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Kommentar: Mission Titelverteidigung

11.06.2018 - Dass mündige Profi-Fußballer mit klaren eigenen Aussagen oder gar politischen Statements nicht ganz so gut in die heile Welt des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) passen, ist ja irgendwie nicht neu. Am Beispiel der Gündogan/Özil-Geschichte, die ich ja neulich auch an dieser Stelle mit meiner Meinung versehen habe, wird aber deutlich, dass die Kommunikationsverantwortlichen beim DFB im „Ernstfall“ schnell überfordert wirken. Oder anders: je brisanter das Thema, desto größer der Fettnapf, in den da hineingestapft wird.

  • Eine seiner besseren Aktionen der letzten Wochen: Der in Gelsenkirchen geborene Ilkay Gündogan wurde im letzten Test von den eigenen Fans ausgepfiffen. Trotz seines Talents ist es nun unwahrscheinlich, dass er bei der WM zum Einsatz...

    Eine seiner besseren Aktionen der letzten Wochen: Der in Gelsenkirchen geborene Ilkay Gündogan wurde im letzten Test von den eigenen Fans ausgepfiffen. Trotz seines Talents ist es nun unwahrscheinlich, dass er bei der WM zum Einsatz kommt - Foto: Federico Gambarini © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Ihr Krisenmanagement ist gefragt: Joachim Löw und Oliver Bierhoff brauchen nun unbedingt sportlich ansprechende Ergebnisse, um die leidige Özil/Gündogan-Geschichte aus der Welt zu schaffen  – Foto: Thomas Eisenhuth ©...

    Ihr Krisenmanagement ist gefragt: Joachim Löw und Oliver Bierhoff brauchen nun unbedingt sportlich ansprechende Ergebnisse, um die leidige Özil/Gündogan-Geschichte aus der Welt zu schaffen – Foto: Thomas Eisenhuth © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Selbst gegen einen Gegner wie Saudi-Arabien hatte Marc-Andre ter Stegen genügend Möglichkeiten, zu zeigen, dass er über die Saison gesehen der beste deutsche Torwart ist. Bei der WM kommt es nun darauf an, wie er mit seiner...

    Selbst gegen einen Gegner wie Saudi-Arabien hatte Marc-Andre ter Stegen genügend Möglichkeiten, zu zeigen, dass er über die Saison gesehen der beste deutsche Torwart ist. Bei der WM kommt es nun darauf an, wie er mit seiner Rolle zurecht kommt - Foto: Federico Gambarini © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Wenigstens auf ihn ist Verlass: Marco Reus zeigte gegen Saudi-Arabien, dass er (beschwerdefrei) ein wichtiger Faktor im deutschen Spiel sein kann – Foto: ULMER/Markus Ulmer © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH	 / dpa – Deutsche...

    Wenigstens auf ihn ist Verlass: Marco Reus zeigte gegen Saudi-Arabien, dass er (beschwerdefrei) ein wichtiger Faktor im deutschen Spiel sein kann – Foto: ULMER/Markus Ulmer © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

Mehr Frust als Lust

Vorweg: Auch ich neigte nach den unsäglichen Propaganda-Fotos der beiden mit türkischen Wurzeln behafteten WM-Hoffnungsträger Mesut Özil und Ilkay Gündogan dazu, die Foto-Session als unüberlegtes Handeln abzutun. Mittlerweile muss ich eine Kurskorrektur einlegen, denn die Art und Weise, wie beide Akteure sich „entschuldigt“ haben, beziehungsweise sich zu den deutschen Werten bekannt haben (Gündogan), war und ist nicht wirklich überzeugend. Und Mesut Özil erschien zum Medientag der Nationalelf als einziger der 23 Profis gar nicht. Das empfinden offensichtlich auch die deutschen Fußball-Fans so, denn das Pfeifkonzert beim letzten Test in Leverkusen gegen Saudi-Arabien (2:1) dürfte den beiden Profis heute noch in den Ohren klingen. Veralbern lassen sich die Anhänger der Nationalelf nicht. So setzten die Zuschauer genau das Zeichen, das sie von DFB-Offiziellen erwartet hätten. Da macht sich aktuell auf beiden Seiten mehr Frust als Lust breit. Die Pfiffe bedeuteten übersetzt nämlich nichts anderes als: „Lasst die beiden zu Hause, die stehen in ihrer Wertewelt nicht zur deutschen Nationalmannschaft!“

Hoffnung stirbt zuletzt

Ob diese Meinung nun richtig oder falsch ist (sie ist ja auch lediglich das Produkt einer Kampagne einer bekannten Zeitung - dies allerdings hätte man vor dem Foto wissen können...), sei dahingestellt. Fakt ist, dass es für das Zu-Hause-Lassen jetzt zu spät ist. Die Verantwortlichen um Teammanager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Jogi Löw setzen da mehr auf die Entfernung und hoffen, dass sich die Gemütslage der Supporter vor Ort in Russland dann anders darstellt. „Das hat mich schon geschmerzt. Ich kann’s schwer nachvollziehen. Ilkay hat sich mehrfach gestellt und gesprochen. Wenn das ein Spieler tut, dann ist auch irgendwann mal Schluss“, waren Löws unmütige Worte nach Abpfiff. Und Bierhoff legte sich sogar lautstark mit ARD-Moderator Alexander Bommes an - gefragt, gejagt... Wenig clever, für eine Situation Unverständnis zu zeigen, die offensichtlich tausende Andere aus auch für mich mittlerweile nachvollziehbaren Gründen anders sehen. Wer sich für die Nominierung der beiden Deutsch-Türken entschieden hat, muss auch diese Pfiffe aushalten und verstehen, warum sie so nachhaltig in den Ohren klingen. Die Hoffnung, dass der Nachhall in Russland verklungen sein wird, stirbt im Zweifel dann zuletzt.

Mit Liebe und Harmonie

Dass Joachim Löw sich fast schon theatralisch schützend vor seine Spieler stellt und sich mehr als liebevoller „Übervater“ präsentiert, ist natürlich verständlich, denn er hat am Ende des Tages nur ein Ziel vor Augen: die Titelverteidigung. Dem muss sich alles, wirklich alles, unterordnen. So steigt sein Harmoniebedarf aktuell bis in den Fußballhimmel und wie von (Nächsten-)Liebe getragen, versucht er seine Elf, die sportlich am Freitag erneut erhebliche Defizite aufwies ("Deutschland ist eine Turniermannschaft, Deutschland ist eine Turniermannschaft, Deutschland ist..."), zur unverwüstlichen Einheit zu formen. Dass die von Özil und Gündogan gestreuten „Störfeuer“ da keinen Platz haben, ist klar – hätte er aber vorher klären können, denn jetzt könnte ihm das Thema sogar die komplette WM verhageln. Ein unzufriedener Marc-Andre ter Stegen, den einige Kollegen zu Wochenbeginn kopfschüttelnd über den Trainingsplatz traben sahen, oder ein kritischer Jerome Boateng haben allemal das Potenzial, den Teamgeist zu sprengen.

Eine Frage des Glaubens

So könnte es am Ende dann doch eine Frage des Glaubens sein, wie erfolgreich der Weltmeister das Turnier in Russland bestreiten wird. In der evangelischen Elisabeth-Kirche in Hamburg Eidelstedt wird, wie schon beim letzten großen Fußball-Event, auf den göttlichen Beistand gesetzt. Unter dem Motto „Jogis Buben in Gottes Stuben“ ist dort vor allen Begegnungen der deutschen Mannschaft ein sogenannter „Denkanstoß“ geplant. Das meint einen echten Gottesdienst, den der dortige Pastor im Talar aber eben auch mit Fußballschuhen durchführen wird. Wenn die Titelverteidigung so nicht zur Mission Gottes wird - vom Glauben getragen und Erfolg gekrönt – dann weiß ich es auch nicht. Fußball kann so einfach sein...!

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