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Futurist und Lichtmagier: Heinz Mack wird 90

08.03.2021 - Am Anfang hieß es, er habe nicht alle Tassen im Schrank. Der ZERO-Künstler Heinz Mack war in jungen Jahren nicht nur experimentierfreudig, sondern auch sehr abenteuerlustig.

  • Ohne Kunst geht es nicht: Heinz Mack wird 90. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Ohne Kunst geht es nicht: Heinz Mack wird 90. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Als Kanzler Konrad Adenauer in den 1950er Jahren auf großen Plakaten noch «Keine Experimente!» predigte, träumte der junge Künstler Heinz Mack schon von Expeditionen in die Sahara.

Kurzentschlossen griff Mack damals zum Farbtopf und übermalte auf den CDU-Plakaten an den Litfaßsäulen das Wort «keine» mit schwarzer Farbe. Dafür musste der aufmüpfige Künstler 24 Stunden in Haft verbüßen. «Wir wurden auch bezichtigt, dass wir nicht mehr alle Tassen im Schrank hätten», erzählt Mack rund 65 Jahre später der Deutschen Presse-Agentur. Aber seine Experimentierfreude ist bis heute ungebrochen.

Am 8. März wird der Mitbegründer der avantgardistischen ZERO-Kunst 90 Jahre alt. Die futuristischen Werke, mit denen Mack und seine Freunde sich seit Ende der 50er Jahre gegen den Konservatismus der jungen Bundesrepublik auflehnten, gehören heute zu den Klassikern der Nachkriegsmoderne. Die Arbeiten der ZERO-Künstler, zu denen neben Mack auch der 2014 gestorbene Otto Piene und Günther Uecker gehörten, werden international zu Höchstpreisen gehandelt.

Berühmt wurde Mack mit silbrigen Reliefs, Lichtrotoren, glitzernden Stelen und Kunstexpeditionen in die Wüste und die Arktis. Schon 1959 arbeitete er sein «Sahara-Projekt» aus und scherte sich nicht um Adenauers Warnung, bloß keine Experimente zu wagen. In den 1960er Jahren bereiste Mack immer wieder die Wüsten Afrikas, wo er flirrende Installationen aus Spiegeln, Silberfahnen und Lichtstelen im rotbraunen Wüstensand entstehen ließ.

Wie ein Astronaut auf einem fernen Planeten stapfte Mack im silbrig glitzernden Lurex-Overall durch das Sandmeer und zog eine meterlange silberne Fahne hinter sich hier. Es war die Zeit, als die bemannte Raumfahrt startete und die Menschen fasziniert von fernen Galaxien waren. Dass seine spektakulären Aktionen ziemlich selbst gemacht waren, gibt Mack Jahrzehnte später preis. Der Wüstenanzug etwa war sein eigener Entwurf, und zusammengenäht habe ihn die Mutter seiner Haushaltshilfe.

Der Anfang seiner Karriere war für Mack eher ungemütlich. In einem Ruinenatelier in Düsseldorf eröffnete er mit Otto Piene 1957 seine erste Ausstellung. «In dem Atelier hielt man sich ungern auf, weil es kalt war, weil es hineinregnete und es keine eigene Toilette dort gab», sagt Mack. «Aber wir waren von unserer Arbeit so überzeugt, dass wir das gern ertragen haben.»

Der 1931 im hessischen Lollar geborene Mack studierte 1950 bis 1953 an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Ewald Mataré - gleichzeitig mit Joseph Beuys, der einen völlig anderen Weg einschlagen sollte und mit seinen Materialien Fett und Filz geerdet blieb. «Wir haben uns bestens persönlich verstanden», sagt Mack über Beuys (1921-1986). «Aber was die Kunst betrifft, liegen wir astronomisch weit auseinander.»

Zugleich war Mack auch an der Universität in Köln für Philosophie eingeschrieben. Als Lehrer und Kunsterzieher musste er seine Familie und zwei Töchter ernähren.

Mack entdeckte früh das Licht als Werkstoff seiner kühnen Projektionen. «Licht ist das Thema meines Lebens», sagt er. Mack sieht sich immer als Maler und Bildhauer gleichzeitig. Seine Lichtkunst setzt sich seit Anfang der 90er Jahre in großformatigen schwärmerischen Abstraktionen in den Spektralfarben fort.

Manchen Kunstkritikern sind die leuchtenden Farbbilder Macks, die er «chromatische Konstellationen» nennt, zu dekorativ. «Ich stehe dazu, dass Dinge schön sein können, und ich scheue mich nicht, Dinge zu machen die schön sind», entgegnete er einmal. Einfachheit könne im übrigen auch das Schwerste sein.

Bewegung und Licht sind schon früh in Macks Werken angelegt, wie eine Ausstellung zu seinem Frühwerk im Düsseldorfer Kunstpalast zeigt, die wegen des Corona-Lockdowns noch auf ihre Eröffnung wartet. Auch Musik beeinflusste seine Kunst, was in seinen abstrakten Schwarz-Weiß-Strukturen zu erkennen ist. Der passionierte Klavierspieler wollte ursprünglich Pianist werden.

Mack liebt auch das Monumentale. Er schuf große Skulpturen für Parks, Straßen und Plätze von München bis Berlin, die größte ist eine 42 Meter hohe Stele vor der Daimler-Hauptverwaltung in Stuttgart. Er war schon in hohem Alter, als er vor einigen Jahren Kunstfans mit einem tempelartigen Ensemble begeisterte. Die neun jeweils sieben Meter hohen Pfeiler waren mit 850.000 goldenen Mosaiksteinen bedeckt.

Auf fast 400 Einzelausstellungen kann der mehrfache documenta- und Biennale-Teilnehmer zurückblicken. Schon 1959 nahm Mack erstmals an der documenta in Kassel teil. «Das Ziel war, ganz große Kunstwerke zu schaffen, die in der Kunstgeschichte bestehen können».

Mack arbeitet noch täglich in seiner Werkstatt auf dem denkmalgeschützten Huppertzhof bei Mönchengladbach und ist auch sonst sehr agil. «Ich bin froh, dass ich noch kerngesund bin. Der Hausarzt geht immer wieder enttäuscht weg», sagt er. Macks Refugium ist eigentlich sein Haus auf Ibiza, für ihn die «Insel des Lichts». Der Corona-Lockdown aber verhindert dieses Jahr, dass er seinen Geburtstag dort verbringt.

Die Corona-Krise geht auch an dem meinungsstarken Mack nicht spurlos vorüber. Er fordert, dass die Museen bald wieder öffnen. «Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man weiterhin die Museen ausklammert, während man zur gleichen Zeit andere Bereiche öffnet», sagt er. «Genau wie die Lebensmittel ist doch auch die Kunst ein Lebensmittel. Ohne das geht es nicht.»

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