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Kolumne: Loyalität statt Individualität

05.06.2018 - Jetzt kennen wir also unsere 23 Helden für Russland. Gestern war der Tag der Wahrheit - für mich aber ein Tag der Enttäuschung. Über Jogi Löw! So wenig, wie ich in der vergangenen Woche die Nominierung von Manuel Neuer für vermittelbar hielt (und weiterhin halte), so wenig verstehe ich es heute, warum sich ein Coach einer Nationalmannschaft seiner möglichen stärksten individuellen „Handlungsoption“ bereits bei der finalen Kadernominierung für ein Weltmeisterschafts-Turnier berauben kann. Und genauso wenig verstehe ich es, wie man - in genau der gleichen Position - einem von der vorläufigen Kaderberufung völlig überraschten Neuling mit der anschließenden Streichung aus dem WM-Kader völlig unnötig die Fußball(er)-Seele so sehr leiden lässt, dass nachhaltiger Leistungsverlust zur neuen Saison nicht verwunderlich wäre…

  • Talent allein reicht nicht – zumindest nicht für den Bundestrainer. Leroy Sané (r., gegen Stefan Lainer) muss den Sommer daheim verbringen - Foto: Heiko Becker © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche...

    Talent allein reicht nicht – zumindest nicht für den Bundestrainer. Leroy Sané (r., gegen Stefan Lainer) muss den Sommer daheim verbringen - Foto: Heiko Becker © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Er darf mit, was wohl während des Turniers zu einer völlig unnötigen Torwart-Diskussion führen wird: Manuel Neuer zeigte beim 1:2 gegen Österreich hinter einer indiskutablen DFB-Abwehr eine gute Leistung, ist von...

    Er darf mit, was wohl während des Turniers zu einer völlig unnötigen Torwart-Diskussion führen wird: Manuel Neuer zeigte beim 1:2 gegen Österreich hinter einer indiskutablen DFB-Abwehr eine gute Leistung, ist von seinem WM-Niveau von 2014 aber noch meilenweit entfernt – Foto: Foto Rauchensteiner © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Nils Petersen (r., gegen seinen ehemaligen Werder-Kollegen Sebastian Prödl) reiht sich wohl in die lange Liste der Nationalspieler mit genau einem Einsatz ein - Foto: Markus Ulmer © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH	 / dpa –...

    Nils Petersen (r., gegen seinen ehemaligen Werder-Kollegen Sebastian Prödl) reiht sich wohl in die lange Liste der Nationalspieler mit genau einem Einsatz ein - Foto: Markus Ulmer © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Seine Zeit wird kommen: Der gebürtige Hamburger Jonathan Tah durfte sich im Kreis der Etablieren fit halten, hätte aber nur eine Chance gehabt, wenn Jerome Boateng nicht rechtzeitig fit geworden wäre – Foto: Revierfoto...

    Seine Zeit wird kommen: Der gebürtige Hamburger Jonathan Tah durfte sich im Kreis der Etablieren fit halten, hätte aber nur eine Chance gehabt, wenn Jerome Boateng nicht rechtzeitig fit geworden wäre – Foto: Revierfoto © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

Streichkandidaten

Als Bundestrainer Joachim Löw am Montagmittag vor die Presse trat und in einem fast pastoral anmutenden Monolog der wartenden, informationshungrigen Pressemeute mit Bernd Leno (Leverkusen), Jonathan Tah (Leverkusen), Nils Petersen (Freiburg) und Leroy Sané (Manchester City) die Namen der gestrichenen Spieler aus dem vorläufigen Russland-Kader nannte, war niemand der Anwesenden so wirklich überrascht. Alle vier Spieler wurden in den vergangenen Tagen für das nun erlittene sportliche Schicksal weitestgehend zu Recht gehandelt.

Schweigen ist feige

Doch Joachim Löw scheint eben nicht (nur) sportliche Gründe für seine sicherlich schwere Entscheidung herangezogen zu haben. Im Gegensatz zu vorherigen Turnieren nannte er nämlich seine Beweggründe nicht, sondern – und das war das pastorale seiner Rede – er betete quasi alle Floskeln zur Entscheidungsfindung („wäre es ein 100-Meter-Lauf gewesen, hätte es eines Zielfotos bedarft“) und des Bedauerns („Spieler, die es verdient gehabt hätten, dabei zu sein“) und dankte sogar den Angehörigen, „da diese ja nun die Spieler auffangen müssten“. Aber Beweggründe, warum insbeonsdere Sanè aber auch Petersen gestrichen wurden, die behielt der Jogi für sich. Irgendwie feige, oder?

Mainstream statt Individualität

Natürlich konnte Sané in den Länderspielen gegen Brasilien und Österreich nicht das abrufen, was ihn eigentlich auszeichnet. Aber das konnten viele andere auch nicht! Der Ex-Schalker gehörte mit zehn Treffern und 15 Vorbereitungen für Englands Meister Manchester City zur Crème de la Crème in der Premier League – eine Visitenkarte, die zwei nicht so tolle Länderspiele locker überdecken sollte. Nicht aber für den Coach des Weltmeisters, der sich in seiner gelebten Loyalität für Julian Brandt und gegen die Individualität von Sané entschied. Vielleicht auch, weil Brandt beim Sieg im Confed-Cup 2017 zur Stelle war, als der nun Geschasste einen kleinen operativen Eingriff vorzog, um zur neuen Saison wieder fit zu sein. Das kann man natürlich keinem erklären. Schwieg Löw deshalb?

Menschliches Versagen

Sicher nicht die stärkste der bisher getätigten Löw-schen Entscheidungen. Aber Leroy Sané kann sich zumindest noch damit trösten, dass Deutschlands Nationalcoach wahrscheinlich beim nächsten Turnier nicht mehr auf ihn verzichten wird können, denn altersmäßig hat er noch Potenzial. Das kann man Nils Petersen, der mit seinen 29 Lenzen ja zu seiner eigenen Überraschung in das vorläufige Aufgebot berufen wurde, eher absprechen. In den „höchschten“ Tönen hatte Löw den Freiburger gelobt, ihn stark geredet und ihm außergewöhnliche Fähigkeiten zugeschrieben. Und ganz ehrlich: Ich habe das geglaubt, als Löw von dessen Joker-Qualitäten erzählte und war fasziniert von der Entscheidung gegen Sandro Wagner. Irgendwie ist mir ein Spieler des SC Freiburg doch lieber als einer des FC Bayern... 

Die Nominierung hatte Löw ohne Not getätigt, seine Worte schienen wohl gewählt. Für Petersen selbst konnte es nur einen Schluss geben: „Ich bin dabei!“ Also, dabei in Russland. Welchen Sinn sollte das Ganze sonst auch machen? Und genau das frage ich mich jetzt. Meine Antwort: menschliches Versagen auf „höchschtem“ Niveau!

Was bedeutet das sportlich?

Aber seien wir doch ehrlich: An diese unsägliche Pressekonferenz von gestern - es wurde ja auch nicht besser, als Manuel Neuer in seiner Funktion als Kapitän sich ans Mikro setzte - wird sich schon bald niemand mehr erinnern. Fakt ist, dass es letztlich nur um die WM-Touristen ging. Diese sollen gute Laune verbreiten, den Mund halten (könnte das Sané wirklich...?) und im Training den nächsten Gegner simulieren. Zu Beginn des Jahres war ich noch überzeugt davon, dass wir nach dem Gewinn der U21-EM und des Confed-Cups mit der B-Elf einen breiten Kader hätten. Aber jetzt müssen es ohne Gnabry, Demirbay, Younes und Co. doch leider wieder die Cracks von 2014 richten. Vor vier Jahren haben 14 Spieler fünf und mehr Partien ausgetragen - der Rest war Staffage. Ich bin sicher, dass unser Bundes-Jogi längst seine Top-Elf im Kopf hat. Von der saß wohl ungefähr die Hälfte beim Ösi-Debakel vorm Fernseher und war froh, nicht nass gemacht worden zu sein...  

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