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WM-Euphorie in Russland: «Wir reißen die Rivalen in Stücke»

20.06.2018 - Zwei Spiele, zwei Siege, 8:1 Tore: Nie startete ein WM-Gastgeber besser. Russland ist im Rausch - und die Mannschaft will mehr. Hingegen erlebt Ägypten mit Superstar Mohamed Salah beim 1:3 in St. Petersburg einen schwarzen Tag in der Stadt der Weißen Nächte.

  • Gastgeber Russland hatte bei der WM bereits achtmal Grund für den Torjubel. Foto: Martin Meissner/AP © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Gastgeber Russland hatte bei der WM bereits achtmal Grund für den Torjubel. Foto: Martin Meissner/AP © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Autokorsos in Moskau, Jubellieder und weiß-blau-rote Fahnen überall: Nach der zweiten Tor-Gala der Nationalelf hat das WM-Fieber Gastgeber Russland endgültig ergriffen.

«Wir geben den Russen den Glauben an den Fußball zurück. Dabei herrschte im Land bis vor Kurzem noch Fußball-Atheismus», schrieb die Zeitung «Sport-Express» nach dem 3:1 (0:0) gegen Ägypten und jubelte pathetisch: «Wir reißen die Rivalen in Stücke, schießen unwahrscheinlich viele Tore, fliegen über das Spielfeld, begeistern die ganze Welt.»

Der Held nach dem jetzt schon sicheren Einzug in die K.o.-Runde mit 8:1 Toren aus zwei Spielen ist für die meisten hohen Sportfunktionäre der Trainer. «Stanislaw Salamowitsch Tschertschessow gebühren große Ehre und Respekt, dass er dieses Team geformt hat», sagte Sergej Anochin, Vizepräsident des russischen Fußballverbandes, der Agentur Tass. «Alle Kritik hat sich in Lob verwandelt.»

Schon direkt nach dem Schlusspfiff war der Jubel grenzenlos gewesen. «Ein historischer Sieg...», sagte der Stadionsprecher in der früheren Zarenmetropole St. Petersburg - weiter kam er nicht. Tosender Jubel prasselte von den Rängen der glanzvollen Arena, und auf dem Rasen führten Russlands Fußballer einen Freudentanz auf in der Hoffnung, dass der Triumph so schnell nicht enden möge. Russland ist im Rausch - und die lange unterschätzte Mannschaft will mehr.

«Auch gegen Uruguay interessiert nur der Sieg», tönte Denis Tscheryschew euphorisch. Drei Tore hat der bei Real Madrid ausgebildete Stürmer nun schon erzielt, nur Portugals Superstar Cristiano Ronaldo traf noch einmal mehr. Noch heller als sonst schienen in Russlands zweitgrößter Stadt die berühmten Weißen Nächte rund um die Sommersonnenwende, in denen die Sonne kaum untergeht.

Historisch, einzigartig, phänomenal: Russlands Medien gehen angesichts des mitreißenden Sturmlaufs ihrer Fußballer allmählich die Superlative aus. Und auch die internationale Presse staunt: Auf Platz 70 der Weltrangliste ist Russland nominell die schlechteste Mannschaft des Turniers. Und dann eine solche Leistungsexplosion! Bereits jetzt steht Russland im WM-Achtelfinale: das erste Mal nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Auch das Wiederaufflammen der Dopingdiskussion störte das Team von Trainer Tschertschessow nicht. Eine Urinprobe von Nationalspieler Ruslan Kambolow, der nicht im WM-Kader steht, soll 2015 ausgetauscht worden sein, behauptet der in die USA geflüchtete Ex-Leiter des Moskauer Doping-Kontrolllabors, Grigori Rodschenkow. Eine Journalistenfrage dazu ließ Tschertschessow nach dem Spiel kühl abtropfen. Er gebe nur Antworten zur Partie gegen Ägypten, sagte der frühere Bundesliga-Torwart von Dynamo Dresden schmallippig.

Noch in der Nacht flog die Sbornaja von St. Petersburg ins etwa 650 Kilometer entfernte Moskau. Im dortigen Trainingslager in Nowogorsk standen leichte Übungen an. Bis dahin: entspannen, genießen - und vorbereiten: Bereits am Montag wartet in der Wolga-Stadt Samara im Duell um den Gruppensieg Uruguay - ein schwererer Brocken als Ägypten und als Saudi-Arabien im Eröffnungsspiel (5:0).

Doch die Mannschaft ist zusammengewachsen. «Wir sind 23 Brüder», sagte Stürmer Artjom Dsjuba und bahnte sich einen Weg durch den Fotografenpool, den fünfjährigen Sohn Nikita auf der Schulter. «Er wird mal Angreifer - wie ich», meinte der stolze Vater. Sein massiver Körpereinsatz hatte Russland auf die Siegerstraße geführt. Im Zweikampf mit Dsjuba produzierte Fathi (47.) mit einem verzweifeltem Spagatschritt ein Eigentor. Tscheryschew (58.) und Dsjuba (62.) trafen zum Endstand. Was folgte, waren Jubel und Erleichterung.

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