Auch der Autositz wird nachhaltig

22.12.2020 Im Bemühen um Nachhaltigkeit fokussiert sich die Autoindustrie nicht nur auf den Antrieb, sondern hat auch die Ausstattung im Blick und stellt sogar die Sitzbezüge in Frage. Profitieren Fahrer und Umwelt?

Um das Auto aus der Klimakritik zu nehmen und sich selbst einen ethisch einwandfreien Anstrich zu geben, setzt die PS-Branche allenthalben neue, vermeintlich saubere und vernünftige Materialien zumeist aus nachwachsenden Rohstoffen oder aus dem Recycling-Kreislauf ein.

Wurden diese bislang zumeist als Dämm- oder Polsterstoffe vor Augen und Fingerspitzen verborgen, erobern sie nun zum Beispiel die Sitze: «Die Zeiten, in denen Leder als das Non-Plus-Ultra galt und Stoff oder Kunststoff billigen Modellen vorbehalten waren, sind lange vorbei», sagt die Kölner Designerin und Materialexpertin Ruth Pauli.

Die britische Marke Land Rover zum Beispiel hat genau wie Tesla oder Audi den augenscheinlichen Trend zu einer veganen Lebensweise aufgegriffen und in Autos wie dem Evoque oder dem Velar als Alternative zum Leder auch Stoffbezüge im Angebot. Und um dafür höhere Preise rechtfertigen zu können, kommen die nicht von irgendwo, sondern wurden laut Pressesprecherin Andrea Leitner gemeinsam mit dem dänischen Möbelhersteller Kvadrat entwickelt. Andere Hersteller setzen auf Schurwolle und Bentley bringt jetzt sogar Tweed ins Auto, wenngleich für den Anfang nur als Bezug in den Türtafeln.

Auf Plastikflaschen Platz nehmen

Aber es geht dabei nicht nur um Ethik und Moral, sondern auch um Nachhaltigkeit und einen möglichst geringen Nachteil für die Umwelt. Deshalb werden etwa die Leder im elektrischen BMW i3 nicht mit Chemikalien gegerbt, sondern mit Abfällen aus der Olivenproduktion. Skoda experimentiert bei der Behandlung der Häute mit Extrakten von Eiche oder Rhabarber. Und optional bekommen Audi A3 oder Polestar 2 Sitzbezüge, deren Garne aus recycelten PET-Flaschen hergestellt werden: «Pro Auto werden dafür 45 Flaschen recycelt und für die Teppiche noch einmal 62», sagt Pressesprecher Tobias Söllner.

Bei ihren Designstudien gehen die Hersteller noch ein Stück weiter und experimentieren mit Materialien, denen die Reife für die Großserie womöglich noch fehlt: Die Sitze im Mercedes Vision EQS sind laut Designchef Gorden Wagener mit Stoffen bezogen, die aus so genanntem Oceanplastic recycelt wurden und betten die Kundschaft deshalb auf alten Fischernetzen. Und in manchen der ID-Studien VW sitzt man auf einem künstlichen Leder, das die Niedersachsen laut Pressesprecherin Sonja Tyczka aus Apfelresten herstellen.

Alle Materialien altern unterschiedlich

So gut die neuen Materialien fürs Image einzelner Marken und Modelle sein mögen, dürfe man allerdings nicht nur auf die Herkunft achten, mahnt Pauli. «Denn die Anforderungen an Materialien sind im Auto höher als überall sonst,» sagt die Expertin mit Blick auf die Sicherheit, die häufige Benutzung und vor allem die Alterungsbeständigkeit. Stoffe könnten durch die Sonneneinstrahlung brüchig werden oder ausbleichen, Leder trocken und porös werden, und Kunststoffe zum Beispiel vergilben und ermüden. All das müssten die Hersteller bei ihrer Auswahl bedenken.

Auch der Kunde spürt einen Unterschied: Was gut fürs Gewissen ist, muss nicht gut fürs Gesäß sein, weil mache Bezüge schweißtreibender sind als andere, sich wärmer oder kälter anfühlen. Wo man die Wahl habe, rät sie deshalb dringend zur Sitzprobe. Allerdings nehmen die ersten Hersteller ihren Kunden diese Entscheidung bereits ab: So bietet VW etwa für seine elektrischen ID-Modelle gar kein Leder mehr an. «Stattdessen setzen wir im Sinne der Nachhaltigkeit auf tierfreie Bezüge», sagt Tyczka mit Blick auf die glatten und glänzenden Seitenwangen der aufwendig inszenierten Sport-Komfort-Sitze im ID4, die man früher schnöde als Kunstleder bezeichnet hätte.

Manchmal mehr Schein als Sein?

Zwar erkennt Materialexpertin Pauli durchaus einen Trend zu ethisch und ökologisch korrekten Bezugsstoffen. Sie sieht dabei aber oft eher das Marketing oder die Buchhalter als Treiber, weil diese Mode-Materialien politisch opportun oder schlichtweg preiswerter seien: «Wenn man dagegen genau hinschaut, sind vermeintlich nachhaltige Materialien oft gar nicht so umweltfreundlich, wie uns vom Hersteller und dem eigenen Bauchgefühl weisgemacht wird.»

Leder zum Beispiel sei bei aller Noblesse ein Abfallprodukt aus der Fleischwirtschaft und deshalb allemal besser als eine künstliche Alternative, die eigens fürs Auto erzeugt werden müsse. Und so wichtig es sei, das Plastik aus dem Meer zu fischen, so aufwendig sei es, daraus sortenreine und qualitativ hochwertige Fasern für Textilien im Auto zu spinnen, sagt die Expertin.

© dpa-infocom GmbH

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