Teslas Schatten fährt mit

23.04.2021 Der Mercedes EQS löst die S-Klasse als Hoch-Technologieträger bei Daimler ab. Fünf wichtige Innovationen, die die Konkurrenz in die Schranken weisen sollen.  

SP-X/Köln. Mit dem neuen Flaggschiff EQS stellt Mercedes seiner traditionsreichen S-Klasse ein elektrisches Schwestermodell gegenüber. Die Luxuslimousine soll neue Maßstäbe im Segment setzen und nicht zuletzt die Abwanderungsbewegung der Oberklasse-Kundschaft zum Tesla Model S stoppen. Dazu setzt Daimler auf zahlreiche Detail-Innovationen. Fünf Beispiele.  

Aerodynamik:  

Mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,20 ist der EQS nach Herstellerangaben neuer Aerodynamik-Weltmeister unter den Großserienautos. Eigentlich war der cW-Wert in den vergangenen Jahren als Orientierungsgröße in den Hintergrund gerückt, weil der Windwiderstand für die normierte Verbrauchsmessung kaum eine Rolle spielte (übrigens auch ein wichtiger Grund für die massive SUV-Welle der vergangenen Jahre). Bei elektrischen Reiselimousinen hat er jedoch in der Praxis einen deutlich spürbaren Einfluss auf die erreichbaren Reichweiten. Auch EQS-Konkurrent Tesla hat daher viel Energie in den cW-Wert seines Model S gesteckt und erreicht 0,208.  

Reichweite:  

Reichweite ist die neue Königsdisziplin am E-Auto-Stammtisch. Mit bis zu 770 Kilometern nach WLTP-Norm setzt der EQS hier einen Bestwert und toppt den bisherigen Rekordhalter Tesla Model S in der „Maximum Range“-Variante um gut 110 Kilometer. Erreicht hat Mercedes das nicht zuletzt dank einer extra großen Batterie: Deren nutzbare Kapazität liegt bei 107,8 kWh, was einer Brutto-Größe von mehr als 110 kWh entsprechen dürfte. Tesla gibt diese beim Model S mit bis zu 100 kWh an (eine offizielle Netto-Größe nennen die Amerikaner nicht). Entschieden ist das Rennen um die beeindruckendste Reichweite aber nicht; Tesla hat bereits ein Modell mit rund 840 Kilometern angekündigt. Und auch der EQS dürfte in dieser Hinsicht noch Potenzial für Feintuning bieten.  

Hepa-Filter:  

Saubere und gesunde Atemluft im Auto hat nach Diesel-Skandal und Corona-Pandemie auch außerhalb der asiatischen Megametropolen an Relevanz gewonnen. Mercedes reagiert mit dem Einbau eines sogenannten HEPA-Filters in den Vorderwagen des EQS. Er soll feine Partikel, Stickoxide und Krankheitserreger aus der Atemluft filtern. Eine Aktivkohleschicht neutralisiert zudem üble Gerüche. Die auch aus Krankenhäusern bekannten Technologie benötigt allerdings deutlich mehr Platz als die üblichen Innenraumfilter für Pkw – und finden daher quasi nur in E-Mobilen überhaupt Raum. Das Exemplar im EQS hat die Oberfläche eines DIN A2-Blattes und nimmt fast zehn Liter Bauraum ein. Bislang waren HEPA-Filter im Auto lediglich bei Tesla zu bekommen, Mercedes bindet sie aber aufwendiger in die Innenraum-Klimatisierung ein als die Amerikaner. Ein Beispiel: Wem die saubere Luft noch nicht reicht, der kann den Innenraum auch noch mit einem speziell entwickelten Parfum beduften lassen, dem „No. 6 Mood Linen“, das Komponenten von Feige und Leinen enthält.  

Türöffner:

Zum Fan-Service des Tesla Model S zählten zum Start auch die Türgriffe, die für damalige Verhältnisse spektakulär aus dem Blech rausfuhren, wenn sich der Fahrer näherte. Beim EQS sind sie ebenfalls entgegenkommend ausgeführt, auf Wunsch schwingt aber auch gleich die komplette Fahrertür auf, wenn sich der Besitzer der passenden Schlüssel-Signatur nähert. Mercedes punktet hier mit klassisch-automobilen Oberklasse-Tugenden, denn ein ähnliches System gab es schon für das Luxusauto Maybach – damals aber für den Fond und mit manueller Fernbedienung.  

Hyperscreen:  

Noch mehr Faszination als die versenkten Türgrifft übt bei Tesla der große Tablet-Bildschirm in der Mittelkonsole aus. Mittlerweile haben auch andere Hersteller das volle, an Apple und iPhone geschulte Will-Haben-Potenzial eines solchen digitalen Hinguckers erkannt – kaum ein neues Pkw-Modell wartet heute nicht mit mindestens einem deutlich gewachsenen Bildschirm auf. Mercedes treibt diese Entwicklung beim EQS auf die Spitze: Der Hyperscreen genannte Mega-Monitor zieht sich über die komplette Cockpitfront und bietet eine nutzbare Fläche von einem Viertelquadratmeter. Damit die Insassen nicht von der Informationsflug erschlagen werden, blendet das System Daten vor allem bedarfs- und situationsgerecht ein oder aus. Erkennt die Innenraum-Kamera beispielsweise, dass der Fahrer auf das Beifahrer-Display schaut, wird dieses bei bestimmten Inhalten automatisch abgedimmt.  

Der selbst postulierte Anspruch des EQS ist hoch. Auch wenn der Konkurrent aus dem Silicon Valley nicht explizit genannt wird, hatte Mercedes ihn bei der Entwicklung mit Sicherheit im Sinn. Die Stuttgarter E-Limousine holt das Model S in mancherlei Hinsicht ein, legt bei der Reichweite sogar zunächst vor. Am Ende sind beide Autos aber so unterschiedlich, dass einzelne Zahlen und Werte kaum entscheidend für den Verkaufserfolg sein dürften. Mercedes wendet sich mit dem mindestens knapp 100.000 Euro teuren EQS eher an das klassische Luxus-Publikum, bietet mehr Komfort und ein edleres Ambiente als der Tesla. Der wiederum verlässt sich auf seinen kühle Technik-Appeal und positioniert sich trotz des nur geringfügig günstigeren Preises eine gute Klasse unterhalb des Mercedes. Das Model S ist mehr Selbstfahrer-Businessgleiter als Chauffeurs-Limousine. Darüber hinaus hat Tesla sein Haupt-Engagement mit dem Model 3 längst ins noch bürgerlichere Mittelmilieu verlegt, ein Weg, den Mercedes noch gehen muss. Einige der EQS-Innovationen dürften dabei mitkommen. 

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