Komm mit mir ins Abenteuerland

10.09.2021 Nein, von „Pur“ hat Vakhtang Dzhukashvili wahrscheinlich noch nie was gehört. Doch während die schwäbische Band einen nur im Kopf ins Abenteuerland geschickt hat, baut der Tscheche die richtigen Fahrzeuge dafür. Denn seine Busse und Transporter fahren nicht nach Bottrop oder Barcelona, sondern bis tief in den Busch.

SP-X/Prag. Wer sagt denn, dass Busreisen nur was für alte Leute sind, für Männer-Gesangsvereine, Landfrauen oder allenfalls noch Schulklasse? Wer das behauptet, der hat noch nie mit Vakhtang Dzhukashvili gesprochen. Denn der muskelbepackte Mittdreißiger, der prima auch als Neubesetzung von Rambo durchgehen würde, denkt bei Bussen weder an Reisen, noch hat er Bottrop oder Barcelona im Sinn. Er ist Chef des tschechischen Umrüsters Torsus und baut Busse, mit denen eine Kaffeefahrt auch mal bis ans Ende der Welt führen kann. Aufgebockt und unverwüstlich und natürlich mit amtlicher Allradtechnik ausgestattet, werden bei ihm aus braven MAN-Modellen expeditionstaugliche Spezialfahrzeuge, bei denen der Name Programm ist. Praetorian und Terrastorm klingen eher nach Patagonien und Taiga als nach Provence und Timmendorfer Strand. Wenn er die schwäbische Band „Pur“ kennen würde, wäre „Komm mit mir ins Abenteuerland“ deshalb wahrscheinlich sein größter Hit und liefe bei ihm in einer Endlos-Schleife. Denn wenn es jemanden gibt, der eine Reisegruppe ans Ende der Welt bringen kann, dann ist es Dzhukashvili.

Als sich der ehemalige Ford-Flottenverkäufer vor über zehn Jahren mit dieser Idee selbständig machte, hatte er freilich erst einmal andere Kunden im Sinn: Katastrophenschützer, Hilfsdienste und die Vereinten Nationen wollte Dzhukashvili ausrüsten und vor allem Mineralölgesellschaften, Energieversorger und Bergwerksgesellschaften. Für sie hat er zunächst den Praetorian entwickelt und dafür auf ein Fahrgestell des MAN TGM eine eigene, schier unverwüstliche Kabine für 36 Passagiere gestellt. Weil man den aber nur mit Lkw-Führerschein fahren darf und weil selbst bei 34 Zentimeter Bodenfreiheit, 90 Zentimetern Watttiefe, Allrad-Antrieb mit drei Differentialen und Untersetzung sowie und grobstolligen Offroad-Reifen auf den wuchtigen 20 Zoll-Felgen der Aktionsradius bisweilen etwas eingeschränkt ist, hat er wenig später den kleinen Bruder Terrastorm nachgeschoben, der auf dem MAN TGE und dem Baugleichen VW Crafter basiert. Offenbar mit Erfolg. Denn vom mindestens 166.000 Euro teuren Preatorian baut Dzhukashvili in seiner slovakischen Fabrik rund 100 und vom Terrastorm zu Preisen ab rund 70.000 Euro noch einmal etwa 70 Exemplare pro Jahr.

Je eines davon ragt jetzt vor mir auf und weil ich – egal ob im Auto oder im Bus - lieber Fahrer bin als Passagier, gibt’s für mich nur den Platz vorne links. Das ist beim Praetorian leichter gesagt als getan: Während die Passagiere bequem über eine breite Treppe auf ihre Kunstledersitze mit Klapptisch und USB-Anschluss schreiten, muss ich eine Trittleiter hoch, bevor ich tief in den butterweich gefederten Trucker-Thron plumpse. 

Dann grollt es unter mir als rolle von fern ein Erdbeben heran und der 6,9 Liter große Reihensechszylinder erwacht zum Leben. Wenn ich es jetzt noch die hydraulisch unterstützte Schaltung schaffe, dann bin ich Herr über 290 PS und 1.150 Nm und komme wahrscheinlich überall durch. Fürs erste allerdings begnüge ich mich mit einem kurzen Stück Schotterpiste und bin froh, dass sich den Riesen in seiner unverwüstlichen Rüstung aus mattem, durchgefärbtem Kunstsoff trotz des riesigen Wendekreises und der arg verzögerten Reaktion auf jeden meiner Fahrbefehle wieder heil abgestellt habe.

Wo der Praetorian für mich als Laien im Laster schon auf einem normalen Feldweg ein Abenteuer ist, fühlt sich der Terrastorm schon viel vertrauter an. Kein Wunder, auf den ersten Blick gibt es hier im Cockpit nichts, was ihn von einem Crafter oder einem TGE unterscheidet, und auch vom Triebstrang mit Allrad, DSG dem 177 PS-TDI-Motor haben Dzhukashvili und seine Jungs die Finger gelassen. Doch spätestens die Hosenträger-Gurte an dem dutzend Sitzen im Fond lassen mich stutzen und nur ein paar Minuten später weiß ich auch, warum Torsus die montiert hat. Denn war der Terrastorm eben auf der Straße noch ein ganz gewöhnlicher Transporter, der vielleicht einfach nur ein bisschen weiche Knie hatte, stürmt er jetzt ohne Rücksicht auf Verluste über das Terrain. Draußen spritzen Schlamm und Steine, im Spiegel sehe ich eine endlose Schleppe aus Staub und hinter mir ziehen sie alle nochmal die Hosenträger stramm, weil sie auf den Sitzen sonst springen wie auf einem störrischen Rodeo-Gaul.

Nur Dzhukashvili sitzt auf dem Sozius und grinst. Denn genau hier ist der Terrastorm in seinem Element, sagt der Chef und rühmt die ebenso rustikale wie robuste Konstruktion: Verstärke Blätter in den Federn hinten, mehr Weg in den Dämpfern vorn, Unterbodenschutz und Offroadreifen wappnen den Terrastorm fürs Abenteuer und die Schutzleisten rund um die Karosse sind so stabil, dass sie auch mal eine Kuh oder ein Känguru aus dem Weg boxen, zur Not sogar bei Vollgas, schwärmt der charmante Dreckskerl auf dem Beifahrersitz.

Allerdings muss man den Kuhfänger natürlich nicht mit bestellen. Genauso wenig wie den Schnorchel, der beim Konvoi-Fahren auch vor Staub schützt, die Signalanlage auf dem Dach oder Leiter am Heck. Denn Dzhukashvili kann nicht nur in den hintersten Winkel der Welt liefern und hat dabei bislang noch jeden Kampf gegen den Zoll gewonnen. Er baut seine Autos auch explizit nach Kundenspezifikation. Den Praetorian gibt es deshalb auch als Kommandozentrale oder Krankenwagen, und im Terrastorm hat er nicht umsonst neben dem Boden auch die Seitenwände mit einem speziellen Befestigungssystem bestückt: Mit wenigen Handgriffen können seine Monteure oder später auch die Kunden den Kleinbus damit neu möblieren, die Sitze umräumen, Ausrüstungsgegenstände befestigen oder zur Not sogar eine Campingausrüstung installieren. „Und was man auch reinsteckt, es bleibt selbst unter widrigsten Bedingungen am Platz“, strahlt Dzhukashvili und schickt mich noch einmal über die Rüttelpiste.

Zwar hatte Dzhukashvili anfangs vor allem professionelle Kunden im Sinn, hat Militärs und Minen-Gesellschaften ausgestattet und seine Busse rund um den Globus in Bergwerke und Kiesgruben geschickt. Doch registriert er auch immer mehr private Nachfrage. Denn nicht erst seit Corona drängt alle Welt nach draußen, und nicht jeder ist bereit ans Ende der Welt zu laufen. Wer dabei lieber fahren will und auch noch ein paar Kumpels mitnehmen möchte, der stößt selbst mit G-Klasse & Co schnell an die Grenzen und bucht deshalb lieber eine Kaffeefahrt bei einem von Dzhukashvili Kunden, zu denen längstauch Reiseveranstalter, Hotelbesitzer und Nationalpark-Verwaltungen gehören. Und wenn „Pur“ nochmal auf Tournee gehen sollten, baut er ihnen bestimmt auch einen passenden Band-Bus. Zumindest, wenn die Konzertreise ins Abenteuerland führen sollte. 

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