Corona-Warn-App: Flop oder top?

23.02.2021 Seit Juni 2020 können iOS- und Android-Nutzer die Corona-Warn-App der Bundesregierung herunterladen. Bislang tun die Deutschen das aber nicht so häufig wie erhofft und verweisen dabei auf Datenschutz-Bedenken und den eingeschränkten Nutzen der Corona-Warn-App. So ganz Unrecht haben sie damit nicht.

Politik schweigt Corona-Warn-App tot

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Politiker wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) oder der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Corona-Warn-App kaum noch erwähnen? Das könnte daran liegen, dass die einst so heißersehnte App sich als Flop entpuppt hat.

69 Millionen Euro kostete die Entwicklung, die dann auch viel länger dauerte als erwartet. Im Juni 2020 war die Anwendung dann endlich für Smartphones und Tablets mit Android- oder iOS-Betriebssystem verfügbar. Trotzdem haben bislang nur rund 25 Millionen Deutsche die Corona-Warn-App heruntergeladen.

Seit Oktober 2020, wo die Zahl bei rund 18 Millionen lag, ist die Nutzung also kaum gestiegen. Dabei spricht das Robert-Koch-Institut (RKI) erst ab einer Nutzerzahl ab 50 Million aufwärts von einer hohen Wirksamkeit.

Langsame Verbreitung

Ein Grund für die langsame Verbreitung der Corona-Warn-App ist technischer Natur. Lief die App zunächst nur auf den neuesten Versionen von Android und iOS, kommen die Entwickler nur langsam mit der Entwicklung von Versionen voran, die auch auf älteren Smartphones und Tablets funktionieren.

So steht erst seit dem 10. Februar die Version 1.12 der Corona-Warn-App im Apple AppStore bereit, die auch Modelle mit dem Betriebssystem iOS 12.5 unterstützt, das auf älteren Modellen wie dem iPhone 5s, 6 und 6 Plus läuft. Schätzungen zufolge erschließen die Entwickler damit erst jetzt, acht Monate nach dem Start der Corona-Warn-App, einen potenziellen Anwenderkreis von 1,7 Millionen Menschen.

Die langsame Verbreitung der Corona-Warn-App könnte aber auch darauf zurückzuführen sein, dass die Corona-Warn-App eigentlich nur noch dann Schlagzeilen macht, wenn diese negativ sind. Zum Beispiel äußerten sich mehrere Gesundheitsämter dahingehend, dass sie die Corona-Warn-App eher bei der Arbeit behindere als ihnen zu helfen. Grund dafür seien die vielen fälschlich gemeldeten Corona-Fälle. Bei der Kontaktverfolgung setzen die Ämter deshalb lieber auf die klassische Recherche per Telefon und Mail.

Datenschutz vor Gesundheitsschutz

Doch woran liegt das? Schuld an der Misere ist mal wieder der überbordende deutsche Datenschutz. Um diesen zu gewährleisten, funktioniert die Corona-Warn-App nur in Zusammenhang mit Bluetooth. Diese drahtlose Schnittstelle muss immer aktiv sein, denn das Smartphone kann so nach anderen Smartphones in der Umgebung suchen, die ebenfalls die Corona-Warn-App installiert und Bluetooth aktiviert haben.

Zwar funktionieren die meisten älteren Handys mit Bluetooth der Klasse 3, also bis zu einer Entfernung von einem Meter, aber immer mehr neue Smartphones unterstützten Bluetooth 5 mit Reichweiten von bis zu 200 Metern ohne Hindernisse. Das reicht locker aus, um auch den infizierten Nachbarn hinter der Wohnungswand für die Corona-Warn-App zum Sicherheitsrisiko hochzustilisieren, obwohl man Herrn Schmidt oder Frau Müller wochenlang nicht gesehen hat.

Hinzukommt, dass die Deutschen gern ganz bewusst mit ihren Daten knausern. Nach Zahlen des RKI geben z.B in Berlin gerade einmal 41% der Infizierten, die die Corona-Warn-App nutzen, ihr positives Corona-Testergebnis ein, um Andere zu warnen. Der Bitkom-Verband geht sogar von einer deutschlandweiten Quote von nur 33% aus. Damit wird nicht nur der Nutzen der App ad absurdum geführt, sondern die Mitmenschen werden ganz im Gegenteil sogar in einer falschen Sicherheit gewogen.

Schwachstelle Bluetooth

Da ist es, wie ich finde, fast schon besser die App gar nicht zu nutzen und das zuständige Gesundheitsamt über die üblichen Ketten zu informieren. Darüber hinaus stellt die Corona-Warn-App indirekt ein Sicherheitsrisiko dar, denn der Drahtlos-Standard Bluetooth, der Voraussetzung für ihre Nutzung ist, ist anfällig für Hacker-Attacken.

Forscher fanden heraus, dass Hacker sich Zugang zu Daten auf Smartphones und Tablets verschaffen können, indem sie ein dem Bluetooth-Gerät bekanntes anderes Bluetooth-Gerät imitierten. Beim sogenannten Pairing wird ja ein geheimer Schlüssel generiert, damit der Nutzer die Verbindung mit einem vertrauenswürdigen Gerät nicht jedes Mal aufs Neue bestätigen muss.

Zwar haben schon diverse Bluetooth-Chip-Hersteller Firmware-Updates durchgeführt, um das Sicherheitsleck zu beheben, doch grundsätzlich gilt: Wenn man Bluetooth nicht benötigt, sollte man es abschalten. Von Zeit zu Zeit sollte man zudem z.B. in der Freisprecheinrichtung im Auto die Liste der vertrauenswürdigen Geräte aktualisieren.

Alternativen zur Corona-Warn-App

Was soll man also tun? Wer sich dafür entscheidet die Corona-Warn-App zu nutzen, sollte dafür sorgen, dass wichtige Daten wie z.B. für Online-Banking nicht auf dem Smartphone oder Tablet abgegriffen werden können. Für das Online-Banking kann man alternativ ein altes Smartphone oder einen TAN-Generator einsetzen.

Wer sich gegen die Nutzung der App entscheidet, kann darauf hoffen, dass bald Alternativen zur Corona-Warn-App zur Verfügung stehen. So fördert beispielsweise der Freistaat Sachsen die Entwicklung eines sogenannten Corona-Warn-Buzzers, an der maßgeblich das Unternehmen Digades beteiligt ist. Das ist im Prinzip ein Schlüsselanhänger, der mittels Tracing Mobiltelefone oder andere Buzzer erkennt, die das Signal eines positiven Nutzers aussenden. Ein entsprechender Feldversuch läuft derzeit in der Kleinstadt Augustusburg bei Chemnitz.

Eine andere Alternative ist ein Corona-Warm-Armband, das derzeit von rund 1.000 Probanden in Kiel getestet wird. Die Verteilung der Armbänder erfolgt hier in Kooperation mit dem Pflegedienst des Arbeiter-Samariter-Bundes. Analog zur Corona-Warn-App kommt beim Corona-Warm-Armband Bluetooth zum Einsatz.

Hoffnung für Menschen ohne Smartphone

Mit dem Buzzer und Armband verbindet man große Hoffnung, da ihn auch – vorwiegend ältere oder sozial benachteiligte – Menschen ohne Smartphone nutzen können. Selbst das Infektionsrisiko von Demenzpatienten kann so besser eingeschätzt werden.

Der Erfindergeist, für den Deutschland einst so bekannt war, ist also immer noch hellwach und verspricht Hoffnung – genauso wie die ersten positiven Resultate des Biontech-Impfstoffs aus Israel, wo dieser flächendeckend zum Einsatz kommt. 

© Tom Meyer

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