Warum Eltern mit der «Das ist aber gesund»-Keule scheitern

08.07.2021 «Brokkoli? Bäh, mag nicht. Will nur Nudeln!» Eltern kennen solche Szenen am Esstisch. Doch meist geht das Schwingen der «Das ist aber gesund»-Keule dann nach hinten los. Eine Expertin erklärt warum.

Wer seinen Kindern beibringen möchte, sich gesund und vielfältig zu ernähren, sollte nicht auf Verbote setzen, sondern auf gemeinsames Ausprobieren und das «Essen lernen nach Körpersignalen». Foto: Christin Klose/dpa-tmn © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Vielen Eltern ist eine gesunde Ernährung ihrer Kinder wichtig. Dabei arbeiten sie oft mit Verboten und dem Holzhammerargument «Das ist aber gesund». Damit jedoch nehmen sie ihren Kindern sogar die Lust auf gesundes Essen, sagt Julia Litschko, Mit-Autorin des Buches «Dein Kind isst besser, als du denkst. Warum Eltern dem inneren Ernährungskompass vertrauen können».

Die Elterncoachin plädiert dafür, ruhig mal die Kinderperspektive einzunehmen: «Ob im Elternhaus, der Kita oder der Schule - immer und überall werden Lebensmittel in ungesund und gesund eingeteilt. Dadurch entsteht eine innere Ablehnung gegenüber Gesundem», erklärt Litschko. Sie hält es für schlauer, Lebensmittel stattdessen nach «schmeckt» und «schmeckt nicht» einzuteilen.

Essen lernen nach Körpersignalen

Wenn sich Kinder dann den Bauch mit etwas vollschlagen, was schmeckt, würde ihr Körper schon zeigen, was gut und bekömmlich ist. «Und das Kind sammelt eigene Erfahrungen», sagt Julia Litschko, die selbst Mutter ist. Wenn der Bauch zum Beispiel nach zu vielen Chips drückt, würden Kinder das nächste Mal von sich aus kleinere Portionen nehmen oder ganz die Finger davon lassen. Essen lernen nach Körpersignalen nennt Litschko das.

Das Spüren der Körpersignale könne man als Eltern auch ganz liebevoll begleiten. Nach einer übergroßen Portion Chips könne man zum Beispiel fragen: «Was sagt denn dein Bauch? Fühlt er sich schwer an? Ist mir auch schon mal passiert.» Das sei besser als mit dem Satz «Das habe ich dir doch gleich gesagt, dass das passiert» zu reagieren.

Keine Diätgedanken am Esstisch

Überhaupt sei es ratsam, sich in der Familie darüber auszutauschen, wie der Körper auf viele Lebensmittel reagiert. «Isst man etwa säurehaltige Dinge, könne man gemeinsam ergründen, was das mit der Mundschleimhaut macht», erklärt Litschko. Ihre Empfehlung: Eltern sollten vielfältiges Essen anbieten und jegliche Diätgedanken («Ich mache gerade Diät» oder «Ich bin zu dick») vom Esstisch fernhalten.

Stattdessen sollte das Motto lauten: «Kindern Appetit auf Speisen machen». So könne man gemeinsam die Nase über die Schüssel halten, selbst kosten und fragen «Willst du auch mal probieren?»

Und noch einen Tipp hat Julia Litschko: «Auch der alte Spruch "Erst wird das Gemüse gegessen, bevor es Nachtisch gibt" bewirkt genau das Gegenteil.» Dies werte nur den Nachtisch auf und impliziere: Den habe ich mir verdient. Besser sei es beides auf den Tisch zu stellen. Denn Dessert allein sättige nicht lange, auch diese Erfahrung müssten Kinder machen.

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