Viel Aufregung um wenig Stoff: Der Bikini wird 75

05.07.2021 Inzwischen ist er längst mehrheitsfähig, doch 1946 war es schwer, eine Frau zu finden, die ihn der Welt vorstellte: den Bikini. Nun wird der einst verbotene Zweiteiler 75 Jahre alt.

Sein Name verrät, dass seinem Schöpfer Louis
Réard die gesellschaftliche Sprengkraft seiner Erfindung bewusst war.
Als am 5. Juli 1946 in Paris ein knapper Zweiteiler als Bademode
namens Bikini vorgestellt wurde, hatten die USA wenige Tage zuvor auf
dem gleichnamigen Atoll im Pazifik eine Atombombe getestet.

Keines der seriösen Mannequins, wie Models damals hießen, war ein
Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs bereit, die modische Innovation
des Franzosen Réard zu präsentieren. So war es Nackttänzerin
Micheline Bernardini vorbehalten, der Weltöffentlichkeit im Pariser
Schwimmbad Molitor den ersten Bikini vorzustellen.

An vielen Stränden Badeverbot

Noch in den 1950er und 1960er Jahren hatte der für seine Zeit
atemberaubend aufreizende Zweiteiler an vielen Stränden Badeverbot.
Es dauerte und bedurfte einiger prominenter Trägerinnen wie Brigitte
Bardot, Marilyn Monroe und Ursula Andress, bis er seinen weltweiten
Siegeszug an Stränden und in Schwimmbädern antrat.

1962 war die Zeit reif für den legendären Leinwand-Auftritt von
Ursula Andress als Bond-Girl Honey Ryder. In einem Bikini-Modell, das
heute eher prüde daher käme, entstieg sie singend dem Meer und James
Bond, alias Sean Connery, kam aus dem Staunen nicht heraus.

«Der Bikini stößt an die Grenzen des Möglichen», befand
Modedesignerin Ursula Templin. «Er beschwichtigt eine Gesellschaft,
die Nacktheit verbietet und ist dabei aber viel aufreizender.»

Das Stück Stoff, das Andress damals trug, blieb vor einigen Monaten
in Los Angeles bei einer Versteigerung zwar als Ladenhüter liegen -
was aber am üppigen Mindestgebot von 300.000 US-Dollar gelegen haben
mag: 2001 hatte der Dr.-No-Bikini noch für 60.000 Dollar den Besitzer
gewechselt - damals Rekord für ein Stück Badekleidung.

Freizügigkeit der 1968er-Generation

Der Bikini, den Maschinenbau-Ingenieur Réard vorführen ließ, hat
einen Imagewandel vollzogen: von schamlos und skandalös bis sexy und
emanzipatorisch. Spätestens mit der sexuellen Befreiung der
1968er-Generation, der Oben-ohne-Welle und dem Nudismus ging die
Freizügigkeit deutlich über Réards Schöpfung hinaus.

Inzwischen selbstverständlich

In den 1980er und 1990er Jahren wurden Bikinis ganz
selbstverständlich von Supermodels wie Claudia Schiffer und Naomi
Campbell präsentiert. Inzwischen hat der Bikini einige Ableger
bekommen: Microkini, Monokini, Mixkini, Tankini und Burkini.

Durfte ein Badetextil Anfang des 20. Jahrhunderts nicht zu knapp
ausfallen, wollten manche im 21. Jahrhundert die Gegenbewegung
aufhalten: Das oberste Verwaltungsgericht Frankreichs stoppte 2016
das geplante Verbot des Burkinis und der Volleyball-Weltverband
schrieb seinen Sportlerinnen 2012 vor, dass ihre Höschen nicht
breiter als sieben Zentimeter zu sein haben.

Bikini Art Museum

Im vergangenen Jahr wurde dem Bikini in Deutschland schließlich
rechtzeitig vor dem 75. ein ganzes Museum gewidmet. Das Bikini Art
Museum im baden-württembergischen Bad Rappenau hat einen Fundus von
immerhin 1200 Ausstellungsstücken und 2000 Quadratmeter
Ausstellungsfläche.

Der Bikini hat Réard trotz des Welterfolgs nicht so reich gemacht,
wie er sich erhofft hatte: Zu hemmungslos war der von ihm als
Gebrauchsmuster Nr. 19431 geschützte Ur-Bikini kopiert worden. Der
Franzose starb 1984 in Lausanne in der Schweiz und wurde dort
beigesetzt wie schon vor 50 Jahren Französin Gabrielle «Coco» Chanel,
die Erfinderin einer anderen Mode-Ikone, des «kleinen Schwarzen».

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