Filmakademiechef Ulrich Matthes kritisiert #allesdichtmachen

24.04.2021 Die Schauspieler-Satire auf die Corona-Maßnahmen schlägt weiter Wellen. Während manche der Beteiligten sich erneut äußern, verschwinden einige der Videos. Die Kritik an der Aktion hält an.

Die Internetaktion #allesdichtmachen ist nach Ansicht von Kritikern mit Blick auf die öffentliche Meinungsbildung problematisch.

Der Präsident der Deutschen Filmakademie, Schauspieler Ulrich Matthes, sagte der dpa am Samstag, er habe sich sehr gewundert über die Unterstellung in den meisten der Videos, es gäbe keinen Diskurs darüber, ob die Maßnahmen in der Pandemie berechtigt seien. «Dieser Diskurs wird seit einem Jahr medial geführt. Der wird im Bundestag geführt, den führen die Stammtische, den führen wir permanent alle», sagte Matthes. «Und die Kolleginnen und Kollegen beklagen mittels dieser vermeintlichen Satire, dass dieser Diskurs nicht stattfände und geben damit - und das ist meine Hauptkritik - indirekt Schützenhilfe für die Querdenkerszene und die AfD.»

Ähnlich äußerte sich der Daten- und Politikwissenschaftler Josef Holnburger. «Leider bedienen viele der Prominenten hämisch Narrative, welche Bestandteil vieler Verschwörungserzählungen sind», sagte er der dpa. «Etwa vermeintlich gleichgeschaltete Medien oder ein Kritikverbot an der Regierung. Es wundert mich deshalb nicht, dass der Applaus aus dieser Szene besonders laut ist.»

Unter dem Motto #allesdichtmachen hatten Dutzende Film- und Fernsehschauspieler mit ironisch-satirischen Clips die Corona-Politik der Bundesregierung kommentiert. Die Videos waren am Donnerstagabend veröffentlicht worden und thematisierten etwa die politische Entscheidungsfindung, die öffentliche Diskussion oder die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie.

Am Samstag wurde auf der Seite allesdichtmachen.de ein Statement veröffentlicht. «Die Gruppe hat keinen «Kopf» und keine gemeinsame Stimme», hieß es darin. «Das Projekt ist kollektiv entstanden, die Gruppe ist divers, die Meinungen gehen auch hier auseinander.»

Nach heftiger Kritik und teils Zustimmung aus dem rechten Lager hatten sich im Laufe des Freitags einige Teilnehmer von ihren Beiträgen distanziert. Die Schauspielerin Ulrike Folkerts etwa bezeichnete ihre Beteiligung als Fehler. «Die Videos, die entstanden sind, wurden falsch verstanden, sind vielleicht falsch zu verstehen», schrieb die «Tatort»-Kommissarin am Abend auf Instagram. «Ich habe einen Fehler gemacht, ich war naiv genug zu glauben, mit meinen Kollegen*innen ein gewinnbringendes Gespräch in Gang zu bringen. Das Gegenteil ist passiert.» Es tue ihr leid, «Menschen verletzt und vor den Kopf gestoßen zu haben».

Schauspieler Jan Josef Liefers äußerte sich nachdenklich über das gewählte Mittel. «Ich finde auch den Punkt interessant, dass vielleicht Ironie wirklich ein ungeeignetes Mittel ist», sagte er am Freitagabend in der Radio Bremen-Talkshow «3nach9». Er sehe aber derzeit eine Lücke: «Es gibt nicht nur auf der Seite der Erkrankten Trauer und Leid, sondern auch auf der Seite derer, die unter diesen Maßnahmen inzwischen nun wirklich anfangen zu leiden, die sehe ich nicht so richtig vertreten.»

Im Statement auf der Seite hieß es: «Wir leugnen auch nicht Corona oder stellen in Abrede, dass von der Krankheit Gefahr ausgeht und Menschen daran sterben. Vielmehr geht es uns um die Corona-Politik, ihre Kommunikation und den öffentlichen Diskurs, der gerade geführt wird.» Man übe Kritik mit den Mitteln von Satire und Ironie. «Wenn man uns dafür auf massivste Art und Weise beschimpft und bedroht, ist das ein Zeichen, dass hier etwas ins Ungleichgewicht geraten ist.»

Doch nach Ansicht des Daten- und Politikwissenschaftlers Holnburger trägt die Aktion nicht zu einer konstruktiven Debatte bei. «Die vor allem polemisch dargestellte Kritik seitens der #allesdichtmachen-Aktion wird den öffentlichen Diskurs nicht versachlichen, sondern verschärfen», sagte er. «Verschwörungsideologische Narrative drohen durch solche Aktionen hoffähig gemacht zu werden.»

Solche Narrative «schädigen unsere demokratische Debatte enorm», so Holnburger weiter: «es gab viel Diskussion und es gab auch sehr viele Meinungsverschiedenheiten über Maßnahmen. Zuletzt war und ist das am Beispiel der nächtlichen Ausgangssperre besonders sichtbar.»

Samstagmittag waren auf der Seite und auf Youtube mehr als ein Dutzend der Videos nicht mehr zu sehen.

Kritik an der Aktion fand währenddessen auch in der nachgeahmten URL allesdichtmachen.com Ausdruck. Die Seite hat eine andere Endung als die Original-Homepage - und führt direkt zur Doku aus der Berliner Charité mit dem Titel «Station 43 - Sterben». Yannick Haan, Vorsitzender der SPD Berlin-Mitte, gab sich auf Twitter als Urheber der umgeleiteten Domain zu erkennen. Auf die Doku hatte zuvor auch Satiriker Jan Böhmermann verwiesen.

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