Zurück ins Klassenzimmer? Streit um Teilöffnung der Schulen

07.01.2021 Schrittweise sollen immer mehr Kinder und Jugendliche in Berlin wieder Unterricht in der Schule bekommen. Das finden manche gut und andere unverantwortlich. Kritik kommt nicht nur von der Opposition.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. Foto: Christophe Gateau/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Entscheidung des Senats, schon bald wieder eingeschränkten Unterricht in Schulen zu ermöglichen, ist in Berlin hochumstritten. Im Abgeordnetenhaus gingen die Meinungen dazu bei der Sondersitzung am Donnerstag deutlich auseinander - auch innerhalb der Koalition. Nach dem Willen des Senats sollen in den kommenden Wochen noch während des Lockdowns schrittweise immer mehr Jahrgänge zumindest zum Teil wieder in den Schulen unterrichtet werden. Das halten manche für genau richtig und andere für unverantwortlich.

«Es ist eine bewusste Entscheidung, eine durchdachte Entscheidung», sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Folgen seien unabsehbar, wenn etwa Grundschüler für sechs Wochen nicht in den Schulen seien. Deshalb hätten auch Experten empfohlen, behutsam mit Kleinsten anzufangen: «Damit sie uns nicht wegrutschen.»

Junge Menschen bräuchten gute Bildung und Schulabschlüsse für ihre Zukunft. Daher gelte es, verantwortungsvoll abzuwägen zwischen dem nötigen Gesundheitsschutz und dem Recht auf Bildung. «Hier müssen wir einfach einen guten Mittelweg gehen, dass wir hier die besten Möglichkeiten für unsere Kinder, Jugendlichen, Familien, aber eben auch für unsere Lehrkräfte haben.» Natürlich stehe jede Entscheidung unter dem Vorbehalt der Infektionslage.

Auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller verteidigte die Entscheidung als Ergebnis eines Abwägungsprozesses. Eine schnelle komplette Öffnung der Schulen hält der SPD-Politiker indes nicht für möglich. Denn man könne nicht wegdiskutieren, «dass es auch Infektionsketten gibt aus dem Schulgeschehen heraus.»

Linke-Bildungspolitikerin Regina Kittler forderte, die Entscheidung zur raschen Schulöffnung zurückzunehmen. Sie plädierte dafür, die Schulen bis nach den Winterferien geschlossen zu halten. Auch CDU-Fraktionschef Burkard Dregger kritisierte die Schulöffnung. Die Entscheidung sei getroffen worden «unabhängig von der Inzidenz, im Unwissen über die Virusmutationen und in Unkenntnis des Infektionsgeschehens während der Feiertage.»

Der Senat hatte am Mittwoch die Verlängerung des Lockdowns beschlossen und gleichzeitig mitgeteilt, dass der Unterricht an den Schulen Schritt für Schritt wieder möglich sein soll. Nach Angaben der Bildungsverwaltung ist zunächst ab dem 11. Januar für die abschlussrelevanten Jahrgänge Wechselunterricht geplant, also die Kombination aus Unterricht in der Schule und zu Hause. Dabei sollen die Lerngruppen maximal halb so groß sein wie üblich.

Ab dem 18. Januar soll es dann auch in den Klassen 1 bis 3 mindestens drei Stunden täglich Unterricht in der Schule geben, ebenfalls in Gruppen, die höchstens halb so groß wie üblich sein dürfen. Ab dem 25. Januar soll das auf die Klassen 4 bis 6 ausgeweitet werden und nach den Winterfeien ab dem 8. Februar auf alle Schularten und Jahrgänge. Ab 15. Februar - so die Hoffnung - soll der Unterricht für alle wieder regulär wie vor dem Lockdown laufen.

Die Berliner Grünen finden diesen Weg richtig. «Jeder Tag Schulschließung ist ein Tag mehr, an dem wir riskieren, dass Kinder und Jugendliche zurückbleiben», sagte Fraktionschefin Silke Gebel. «Jeder Tag Lockdown bedeutet ein weiterer Tag, an dem die Schere zwischen denen, die lernen können, und denen, die nicht lernen können, größer wird.»

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Sebastian Czaja sagte, er sei Bildungssenatorin Scheeres dankbar dafür, dass es eine schrittweise Öffnung der Schulen gebe. Homeschooling und Homeoffice funktionierten in der Realität nicht. Auch die SPD-Fraktion ist für die schrittweise Öffnung, die AfD forderte die sofortige komplette Rückkehr zum normalen Unterricht.

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Tom Erdmann, bemängelte dagegen, es passe nicht zusammen, die Abschlussjahrgänge und bald danach auch die Grundschüler in die Schulen zurückzuholen, während die Bevölkerung angehalten sei, die Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren.

«Ab der nächsten Woche sind die halben Oberstufen wieder in der Stadt unterwegs», kritisierte Erdmann. «Ich gehe nicht davon aus, dass die Infektionszahlen dann wieder so gut sind, dass man sich das leisten kann.» Bis zum Ende des Lockdowns dürfe es keinen Unterricht in den Schulen geben. In einer Mitteilung kritisierte die GEW, Gesundheitsexperimente auf dem Rücken von Lehrkräften, Erzieherinnen und Erziehern sowie Schülern seien unverantwortlich.

Auch Elternvertreter äußerten sich nach den Beschlüssen des Senats vom Mittwoch skeptisch: «Die häuslichen Kontakte werden auf eine Person reduziert. In den Schulen dürfen sich aber Schülerinnen und Schüler aus bis zu 16 Haushalten mit ihren Lehrkräften in Unterrichtsräumen treffen», kritisierte der Landeselternausschuss.

Die Interessenlage der Eltern sei allerdings sehr unterschiedlich. «Die Bandbreite der Forderungen reicht von der Fortführung des schulisch angeleiteten Lernens zu Hause bis zur sofortigen Öffnung der Schulen», erklärten die Elternvertreter.

Der Elternausschuss erinnerte an seine Forderung von Ende Dezember, Regelunterricht erst wieder vollständig zu ermöglichen, sobald das mit Blick auf die Infektionszahlen vertretbar sei. Der Landesschülerausschuss schloss sich dem am Donnerstag an.

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