Zentrum für Vertreibung will «im Windschatten» operieren

16.06.2021 Viel und heftiger Streit markiert die Entwicklung des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Der Bau in Berlin ist fertig, die Ausstellung steht. Der Konflikt um Zwangsmigration bleibt.

Ein Bücherstapel steht in einer Vitrine der Ausstellung im Berliner Dokumentationszentrums der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Zum Start des lange und hitzig diskutierten Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung ist Direktorin Gundula Bavendamm hörbar um Ausgleich bemüht. Das Haus sei eine «Schule der Ambivalenz», das sie «im Windschatten» halten wolle, sagt sie am Mittwoch in Berlin. Denn: «Wir suchen nicht den Streit.» Die drei Begriffe des Zentrums teilt Bavendamm auf in die beiden Themen Flucht und Vertreibung, daneben steht «Versöhnung als Haltung».

Das Dokumentationszentrum soll am Montag (21.6.) im Beisein von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eröffnet werden. Erste Besucherinnen und Besucher werden dann am Mittwoch (23.6.) erwartet.

Der Weg dahin war über mehr als zwei Jahrzehnte von heftigen Auseinandersetzungen geprägt. Der erste Impuls kam von der ehemaligen Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, die sich inzwischen selbst über den rechten Rand aus der CDU verabschiedet hat. Mit dem 2005 gestorbenen SPD-Politiker Peter Glotz, der mit seiner Familie aus Böhmen vertrieben worden war, fand sie einen weniger umstrittenen Mitkämpfer.

Die Koalition aus Union und SPD einigte sich schließlich auf «die historische Aufarbeitung von Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung». 2008 wurde die Stiftung gegründet, der Streit etwa um den großen Einfluss der Flüchtlingsverbände hielt an. Wie stark das Schicksal der deutschen Vertriebenen bei der geplanten Dauerausstellung im Mittelpunkt stehen sollte, war Thema von teils erbitterten Debatten. Vor allem in Polen gab es Befürchtungen, die Deutschen könnten sich selbst zu Opfern machen und so von ihrer Schuld in der Nazi-Zeit ablenken.

Die Auseinandersetzungen führten zu mehreren Wechseln an der Spitze der Stiftung. Mit Bavendamm wurde es 2016 ruhiger. Doch auch ihr blieben Konflikte nicht erspart. So scheiterte die Zusammenarbeit mit Regisseur Ersan Mondtag, nachdem keine Einigung über Textpassagen einer Performance erzielt werden konnte.

Mit Blick auch auf andere Länder ist für Bavendamm der lange Vorlauf für ein solches Haus nicht verwunderlich. «Gesellschaften brauchen eine gewisse Zeit, um sich solche Fragen stellen zu können.» Für die Direktorin verlangt die Geschichte von Flucht und Vertreibung der Deutschen auch eine europäische Perspektive. «Sie muss in unverbrüchlicher Verbindung mit der nationalsozialistischen Politik dargestellt werden. Und sie kann nur der Versöhnung dienen.» Das Zentrum sei nun ein «neuer Erinnerungsort in der deutschen Erinnerungslandschaft».

An dem Lern- und Erinnerungsort sollen Geschichte und Gegenwart von Zwangsmigration im Zentrum stehen. Im für 63 Millionen Euro sanierten Gebäude stehen für ständige Ausstellung und Wechselpräsentationen sowie die angeschlossenen Bereiche wie Lesesaal oder Forschungsbereich mehr als 5000 Quadratmeter zur Verfügung.

In zwei Teilen geht es um eine Geschichte der Zwangsmigration bis in die heutige Zeit sowie um Flucht und Vertreibung von rund 14 Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Über zwei Geschosse haben die Kuratoren 700 Exponate zusammengetragen, die überwiegend aus der Sammlung des Dokumentationszentrums stammen. Karten sollen geografische Lagen klären, Fotos komplexe Themen veranschaulichen.

Auf der ersten Ebene erzählt das 33 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umfassende Team Kapitel der europäischen Geschichte der Zwangsmigrationen in sechs Themeninseln. Analysiert werden Ursachen von Vertreibungen und ihre Folgen für die Betroffenen. Pässe zeigen Wege und Hindernisse auf, Schwimmwesten stehen für Gefahren, ein übermannshoch aufgestapelter Turm von Gesetzbüchern und Regelungen verdeutlicht die juristischen Entwicklungen.

Der zweite Teil auf der obersten Ebene ist bewusst chronologisch angeordnet, um Nazi-Terror und deutschen Angriffskrieg als Ursache für die anschließende Vertreibung zu markieren. Anschließend werden die Neuordnung Europa nach Kriegsende und die Folgen für die Menschen in den betroffenen Gebieten thematisiert. Schließlich werfen die Ausstellungsmacher einen Blick auf Ankunft und Verteilung von 12,5 Millionen Menschen, die durch Flucht und Vertreibung in die Besatzungszonen nach Deutschland kamen.

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