Uni fordert mehr Autonomie und setzt auf Spitzenpersonal

26.01.2021 Nachteile im Wettbewerb um kluge Köpfe - darüber klagt die Kieler Uni. Präsidentin Fulda hofft auf baldige Besserung. Die Wissenschaftlerin mit nationaler und internationaler Erfahrung hat aber weitergehende Forderungen.

Simone Fulda sitzt in ihrem Büro und schaut in die Kamera. Foto: Frank Molter/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Universität Kiel verlangt vom Land mehr Entscheidungsfreiheiten. Das müsse für die Finanzierung ebenso gelten wie für das Gewinnen von Spitzenpersonal, sagte Präsidentin Simone Fulda der Deutschen Presse-Agentur. «Als größte Hochschule im Land, als Voll- und Landesuniversität, hat die CAU (Christian-Albrechts-Universität) eine Schlüsselrolle für den Wissenschaftsstandort Schleswig-Holstein.» Fulda forderte Globalbudgets für Entscheidungen über Stellenbesetzungen und mehr Möglichkeiten für außerordentliche Berufungen von Spitzenkräften.

«Jeder Euro, der in die CAU investiert wird, generiert mehr als doppelt so viel an regionaler Wertschöpfung», sagte Fulda. «Wissenschaft ist bedeutsam für die Zukunftsfähigkeit unseres Bundeslandes.» Gerade in der Covid-19-Forschung hätten Kieler Wissenschaftler Herausragendes geleistet. Hier gehe es unter anderem um schwere Krankheitsverläufe und die Untersuchung von Risikogenen.

Weil Schleswig-Holstein bei Investitionen mit finanzstärkeren Ländern nicht mithalten kann, muss es aus Fuldas Sicht umso mehr kluge Köpfe gewinnen und Gestaltungsräume der Hochschulen erweitern. Zu selten seien außerordentliche Berufungen möglich. «Damit sind wir im internationalen Wettbewerb nicht konkurrenzfähig», so Fulda. «Deshalb begrüße ich sehr, dass das Ministerium diesen Wettbewerbsnachteil sieht und das im neuen Hochschulgesetz ändern möchte.»

Vom Land bekommen die Hochschulen in diesem Jahr 320,4 Millionen Euro. Davon entfallen 192,9 Millionen Euro auf die Uni Kiel. Zudem wird das Land Tarif- und Besoldungssteigerungen ausgleichen.

Sie wolle die Hochschule zu einer der 15 exzellenten Universitäten in Deutschland mit internationaler Sichtbarkeit entwickeln, die zugleich als wichtige Akteurin in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft in der Region fest verankert ist, sagte Fulda. 2019 qualifizierte sich die Uni für die letzte Runde der 19 «Exzellenz-Kandidaten» in Deutschland, das mit 100 Millionen Euro für 7 Jahre verbundene Prädikat einer der 11 Exzellenzunis erhielt sie dann aber nicht.

Die Chancen für das nächste Mal? «In dem hochkompetitiven Verfahren kann niemand zum jetzigen Zeitpunkt genau sagen, wie die Chancen in fünf Jahren stehen», sagte Fulda. Ihr gehe es auch nicht nur um die Positionierung in der nächsten Runde der Exzellenzstrategie. «Wir wollen insgesamt unsere Qualitätskultur hin zu einem hohen Niveau in allen wesentlichen Handlungsfeldern weiterentwickeln.»

Fulda (52) führt seit Oktober 2020 die Uni mit 27 500 Studierenden, über 2000 Wissenschaftlern und den 4 Forschungsschwerpunkten Lebenswissenschaften, Meereswissenschaften, Nanowissenschaften und Oberflächenforschung sowie Gesellschaft, Umwelt, Kultur im Wandel. Diese sind auch die universitäre Grundlage für zwei Exzellenzcluster.

Die Kinderonkologin Fulda führte vor ihrem Wechsel nach Kiel das Institut für Experimentelle Tumorforschung in der Pädiatrie an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie war auch deren Vizepräsidentin für Forschung und akademische Infrastruktur. Fulda leitete internationale Forschungsverbünde und ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Sie gehörte auch dem Wissenschaftsrat an, dem wichtigsten wissenschaftspolitischen Beratungsgremium der Bundesregierung und der Landesregierungen.

Große Stärken habe die Uni Kiel in der inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit. «Diese möchte ich zusammen mit den Fakultäten und Forschungsschwerpunkten nutzen, um für komplexe gesellschaftliche Herausforderungen Lösungen zu finden.» Beispiele seien der Klimawandel, soziale Ungleichheit und Forschung im Kampf gegen Pandemien.

Die Uni habe die Corona-Herausforderungen sehr gut gemeistert und bei der Digitalisierung der Lehre gute Lösungen gefunden. Wo nicht anders möglich, gibt es unter strengen Vorkehrungen Präsenzveranstaltungen. «Bisher waren unsere Hygienekonzepte erfolgreich», berichtet Fulda.

Für die Forschung habe die Corona-Krise verdeutlicht, wie wichtig Kooperation sei. «Sie darf nicht an nationalen Grenzen haltmachen.» Wichtig ist Fulda auch eine zügige Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Anwendung. Hier sei in der Medizin das Uniklinikum sehr gut aufgestellt. «Dabei spielt unser Exzellenzcluster «Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen» eine ganz wichtige Rolle.»

Aus Fuldas Sicht sollten Bund und Länder analog zum Digitalpakt für Schulen einen solchen auch für Hochschulen starten. «Auch die Hochschulen müssen entsprechend finanziell unterstützt werden.» Dafür wäre eine Bund-Länder-Initiative wünschenswert. «Wir reden hier von einer gesamtstaatlichen Aufgabe, um den Wissenschaftsstandort Deutschland insgesamt voranzubringen.» Die digitale Transformation der Hochschulen sei mit immensen Kosten verbunden, die aus den Grundhaushalten der Institutionen nicht gedeckt werden könnten.

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