Bandenbetrug in 15 Fällen: Falscher Polizist vor Gericht

17.03.2021 Die Beute der falschen Polizisten waren fünfstellige Bargeldbeträge oder 4,5 Kilo Gold. Ihre Opfer waren teils weit über 80 Jahre alt. Nun steht wegen 14 Betrugsfällen ein Mann vor dem Kieler Landgericht. Kommt es zu einer Verständigung?

Der 28-jährige Angeklagte sitzt in einem Gerichtssaal. Foto: Axel Heimken/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Meist waren die Beute 20 000 bis 25 000 Euro Bargeld, abgelegt in einem Stofftuch in einer Mülltonne oder auf dem Reifen eines Wohnmobils. In einem Fall brachten falsche Polizisten ihre Opfer gar um 4,5 Kilogramm Gold - mehr als 200 000 Euro wert. Wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs falscher Polizisten muss sich ein 28-Jähriger seit Mittwoch vor dem Kieler Landgericht verantworten. Dem Angeklagten werden 14 vollendete und ein versuchter Betrug vorgeworfen, wie Staatsanwalt Benedikt Bernzen zu Prozessbeginn sagte.

Nach Verlesung der Anklageschrift wurde der Prozess unterbrochen. In einem Verständigungsgespräch mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung hat die Kammer für den Fall eines «werthaltigen Geständnisses» die Einhaltung eines Strafrahmens zwischen vier Jahren und sechs Monaten und fünf Jahren und drei Monaten zugesagt, wie eine Gerichtssprecherin sagte. Vier der angeklagten Fälle sollen demnach vorläufig eingestellt der werden.

Der Angeklagte soll sich mit weiteren, gesondert verfolgten Tätern im Januar 2019 zu einer Bande zusammengeschlossen haben und von Bremen aus zunächst als Koordinator der Gruppe fungiert haben. Im Juni 2019 setzte er sich in die Türkei ab und stieg dort zum Mitbetreiber eines Callcenters auf, das hinter den Betrügereien stand. Bei einem der Fälle in Kiel gelang es Polizisten jedoch bereits im März 2019, einen der sogenannten Abholer festzunehmen. Die mitangeklagten Fälle spielten sich in der Folgezeit ab.

Die Bande habe wiederholt und systematisch vornehmlich ältere Menschen ins Visier genommen, «um diese um ihr Erspartes zu bringen», sagte der Staatsanwalt. Das Muster war dabei immer ähnlich: Sogenannte Keiler riefen die späteren Opfer an, teils über Stunden. Am Telefon gaben sie sich als Polizisten Wagner oder Borowski aus. Sie warnten die teils weit über 80 Jahre alten Angerufenen davor, Opfer eines Verbrechens zu werden. Beispielsweise sei deren Anschrift bei einem festgenommen Verbrecher aufgefunden worden und diese seien ebenfalls ins Visier geraten. Ihre Opfer saßen in Kiel, Lübeck und andernorts.

Die Opfer glaubten, ihr Vermögen in Sicherheit zu bringen und übergaben das Geld dafür entweder direkt den Abholern oder deponierten es an verabredeten Punkten - beispielsweise im Stofftuch in einer Papiertonne oder auf dem Rad eines bestimmten Wohnmobils. Es ging um fünfstellige Bargeld-Beträge. Getäuscht hätten die Opfer die Vermögenswerte ausgehändigt, sagte der Staatsanwalt. Die Gesamtsumme beläuft sich auf mehrere Hunderttausend Euro.

Der nun in Kiel vor Gericht stehende Mann stammt aus Bremen. Von dort aus soll er zunächst «als sogenannter Inlandslogistiker» die Abholer angeworben und entlohnt sowie die Beute entgegengenommen und in die Türkei weitergeleitet haben, wie Bernzen sagte. Dessen Frau habe als Kurier gewirkt, eine Cousine Flüge gebucht und Beute entgegengenommen. Der Prozess soll am 30. März fortgesetzt werden. Ein Urteil könnte am 13. oder 27. April fallen.

Nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) haben die Betrugsversuche von falschen Polizisten in Schleswig-Holstein 2020 zugenommen. Im vergangenen Jahr sind 2698 entsprechende Anrufe registriert worden, nach 2518 Fälle in 2019. Allerdings hatten die Täter 2020 nur in 27 Fällen mit ihrer Masche Erfolg, wie eine LKA-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur sagte. Dabei gelangten sie an Geld, Gold oder Schmuck im Wert von insgesamt 638 920 Euro.

Zum Vergleich: 2019 hatten falsche Polizisten bei 2518 Anrufen noch 42 Mal vornehmlich Ältere um ihr Erspartes gebracht. Der Gesamtschaden der bekannt gewordenen Fälle im Norden betrug knapp 1,443 Millionen Euro.

Die Arbeit der Ermittlungsgruppe «Recall» führte laut LKA bereits zu Festnahmen von Abholern und deren Hintermännern. «Es ist auch schon zu Verurteilungen mit teils hohen Haftstrafen gekommen», sagte die Sprecherin. Den Rückgang der erfolgreichen Fälle führten die Ermittler auf den ersten Lockdown in der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 zurück. «Ansonsten kam es bisher zu keinem signifikanten Rückgang der Fallzahlen. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass sich dieses Phänomen fest etabliert hat.»

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