Prozess gegen falsche Polizisten: Angeklagter gesteht

30.03.2021 Als Mitglied einer Betrügerbande trägt er dazu bei, Senioren um Hunderttausende Euro zu bringen. Für eine mildere Strafe legt er nun ein Geständnis ab und offenbart Insiderwissen aus einem türkischen Call-Center.

Eine Figur «Justitia» steht auf einem Schreibtisch. Foto: picture alliance / dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Im Prozess um organisierten Bandenbetrug durch falsche Polizisten hat ein 28-jähriger Angeklagter am Dienstag vor dem Kieler Landgericht gestanden. Er habe «sehr große Fehler gemacht und so vielen Leuten großen Schaden zugefügt», sagte er. Angesichts akuter Geldsorgen habe er sich «vom schnellen Geld locken lassen und an das Leid der Geschädigten nicht gedacht.»

Als Mitglied einer Betrügerbande soll der Angeklagte 15 Senioren in Kiel, Lübeck und andernorts um Goldbarren, Schmuck und Bargeld im Wert von über 500 000 Euro gebracht haben. Sein Anteil betrug nach eigenen Angaben mindestens 43 000 Euro. Staatsanwalt Benedikt Bernzen klagte 15 Fälle gewerbsmäßigen organisierten Bandenbetrugs an.  

Vor Gericht räumte der Angeklagte in einer von seinem Anwalt verlesenen Erklärung zehn vollendete Fälle ein, sowie eine versuchte Tat. Vier Fälle wurden im Zuge eines Verständigungsgesprächs zwischen Gericht, Staatsanwalt und Verteidiger vorläufig eingestellt. Dabei wurde dem Angeklagten für ein «werthaltiges Geständnis» ein Strafrahmen von viereinhalb Jahren bis fünf Jahre und drei Monate zugesichert.

Nach Aussage des Angeklagten war er zunächst in Bremen, dann von einem Call-Center in der Türkei aus aktiv. In der Türkei habe er sich sicherer gefühlt, sagte er. Von dort aus wurden und werden Senioren in Deutschland unter Druck gesetzt, ihre angeblich bedrohten Wertsachen durch vermeintliche Polizeibeamte in Sicherheit bringen zu lassen. Er habe sich um die Logistik – Handys, SIM-Karten, Navigationsgeräte - gekümmert und die sogenannten Abholer als falsche Polizisten angeworben, sagte der Angeklagte.

Von der Türkei aus habe er keine Senioren angerufen, aber geholfen, die Taten über sogenannte Logistiker und Abholer zu organisieren. In dem Call-Center seien etwa sechs Personen mit der Abwicklung der Betrügereien beschäftigt gewesen. Der Arbeitsraum sei zugleich Schlafplatz gewesen. Man habe «von morgens bis abends telefoniert mit spezieller Software», die den Senioren in Deutschland vortäuschte, sie würden von der deutschen Polizei angerufen. 

Aus dem Call-Center wurde alles geregelt, antwortete der Angeklagte auf Fragen von Staatsanwalt Bernzen. Alle hätten türkisch und deutsch gesprochen, es habe einen Chef gegeben. Die Beute sei seines Wissens über Juweliere in die Türkei gebracht worden. In Deutschland habe er 10 Prozent der Beute, von der Türkei aus 15 Prozent erhalten.

Der Anklage zufolge hatte sich der 28-Jährige mit weiteren, gesondert verfolgten Tätern im Januar 2019 zu einer Bande zusammengeschlossen. Sie brachten die Senioren unter anderem um 4,5 Kilogramm Gold, Schmuck und Bargeld. Die Opfer glaubten dabei, ihr Vermögen in Sicherheit zu bringen und übergaben die Wertsachen entweder direkt den Abholern oder deponierten es an verabredeten Orten - beispielsweise im Stofftuch in einer Papiertonne oder auf dem Rad eines bestimmten Wohnmobils.

Durch das Geständnis bleibt dem Gericht eine mehrmonatige Verhandlung erspart, sagte Staatsanwalt Bernzen am Rande des Verfahrens. Die Anklage liste 85 Zeugen, darunter die 15 geschädigten Senioren, und 170 Urkunden auf. Der Angeklagte wurde Anfang 2020 in Georgien festgenommen. Er sitzt in Untersuchungshaft. Auch gegen seine Frau und seine Mutter laufen Ermittlungen.

In seinem Geständnis versicherte der Mann: «Ich habe den festen Willen, mich zu rehabilitieren und ein guter Mensch, Ehemann und Vater zu sein.» Sein Onkel habe ihm als Bauunternehmer die Zusicherung einer Festanstellung nach Verbüßung seiner Strafe gegeben: «Straftaten werde ich nie wieder begehen.»

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