Digitalunterricht: «Das ist wie ein Hindernisrennen»

15.01.2021 Gewerkschaft und Kultusministerium beurteilen den Schulstart in Hessen sehr unterschiedlich. Die GEW spricht von «Kuddelmuddel», das Land von «Anlaufproblemen». Ein Schulleiter und eine Lehrerin berichten aus eigener Perspektive.

Eine Schülerin sitzt in einem Arbeitszimmer und arbeitet für die Schule. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Lernen am Laptop, Videoübertragung, schneller Austausch von Lernmaterial - so könnte Digitalunterricht aussehen. Doch der Alltag von Katja Groh ist davon weit entfernt. Die 53-Jährige ist Lehrerin an einer Grundschule im Landkreis Kassel. Sie sagt: «Das sogenannte Homeschooling hat mit Unterricht überhaupt nichts zu tun, das ist lediglich aus der Ferne begleitetes Lernen.»

Seit Montag läuft in Hessen der Schulbetrieb. Wegen der Corona-Pandemie hat das Land beschlossen, dass Unterricht im Schulgebäude vorerst weitgehend wegfallen soll. Die Präsenzpflicht für die Jahrgangsstufen 1 bis 6 wurde ausgesetzt. Der Schulbesuch ist aber möglich. Ältere Kinder werden mit Ausnahme von Abschlussklassen grundsätzlich aus der Distanz unterrichtet.

An der Schule von Groh waren zuletzt von 100 Schülern 40 zum Unterricht angemeldet. Am ersten Tag sei mangels Rückmeldung unklar gewesen, wie viele überhaupt kommen. Die zuhause bleibenden Schüler bekommen laut Groh ihre Aufgaben auf ihre privaten Endgeräte wie Computer und Tablets - von privaten Geräten der Lehrerinnen geschickt. Tragbare Geräte für die Kinder fehlten.

Auch WLAN gebe es im Schulgebäude nicht - Online-Unterricht sei somit unmöglich. «Sogar die Schulleitung muss nach Hause fahren, um an Online-Konferenzen teilnehmen zu können, weil noch nicht einmal der Schulleitungsrechner für Online-Konferenzen geeignet ist.» Die Versorgung mit Telefonen in der Schule sei ähnlich desaströs: «Wenn es gut läuft, können zwei Kolleginnen gleichzeitig von der Schule aus telefonieren - also auch hier ist die Nutzung der privaten Geräte unumgänglich.»

Nicht nur diese Situation mache sie wütend, sagt Groh: «Was längerfristige und praktikable Vorgaben und Unterstützung durch das Kultusministerium angeht, sind wir komplett allein gelassen worden.» Dass es etwas besser laufe als beim ersten Lockdown, sei den selbst erarbeiteten Lösungen der Schulleitung und des Kolleginnenteams zu verdanken.

Die Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Birgit Koch, bezeichnet die Situation als «Kuddelmuddel». Auch Digitalunterricht ab der siebten Klasse funktioniere nicht, weil das hessische Schulportal nicht leistungsfähig und stabil sei. Zudem seien einige Schulen mit technischen Endgeräten ausgestattet, an anderen gebe es gar nichts. Die GEW drängt weiter auf Wechselunterricht - also Präsenzzeiten in der Schule im Wechsel mit Distanzunterricht.

Das Kultusministerium beschreibt die Situation anders: «Die Rückmeldungen waren, dass bis auf kleinere Anlaufprobleme beim Login des Schulportals die Lage an den Schulen sehr gut war», sagte ein Sprecher. Auch mit der Resonanz auf den Präsenzunterricht sei man zufrieden: 18 Prozent der jüngeren Schüler seien in die Schule gekommen. «Das heißt, die Eltern gehen sehr verantwortungsvoll mit der Situation um.»

Gut sichtbar werden die Unterschiede in der Ausstattung in der Adolf-Reichwein-Schule in Rodenbach (Main-Kinzig-Kreis). Sie ist eine Verbundschule mit mehreren Schulformen unter einem Dach. «Wir haben nun eine Mischung aus recht guter Ausstattung in der Sekundarstufe und schlechter Ausstattung in der Grundschule», sagt Schulleiter Ulrich Vormwald. Dort gebe es keine WLAN-Übertragung und nur zwei Steckdosen in jedem Klassenraum. In der Sekundarstufe habe man dagegen die Möglichkeit, mit Kameratechnik Übertragungen zu den Schülern nach Hause zu machen.

In der Anfangsphase der Pandemie habe man viel Unterstützung vom Schulträger, dem Main-Kinzig-Kreis, erhalten. «Beispielsweise bekamen wir für bedürftige Schüler 100 iPads, die wir einsetzen können.» Vormwald sagt über die jetzige Situation: «Natürlich kann man da von Unterricht sprechen. Wir verteilen nicht nur Materialien, sondern setzen auch in Grundschulklassen digitale Kommunikationsmittel ein.» Das Schulportal ist an der Reichwein-Schule nicht in Betrieb, man prüfe gerade die Einsatzfähigkeit. Und selbst bei der Verfügbarkeit von Technik dauere es, bis man sie im Alltag einsetzen könne. «Das ist wie ein Hindernisrennen, das die Schulen gerade absolvieren.»

Thorsten Schuster ist Vorsitzender des Elternbeirats an der Schule. «Die Lehrer machen einen unglaublichen Job. Sie sind sehr motiviert und machen überdurchschnittlich viel», lobt er. Allerdings sieht er die Situation auch kritisch: «Es gibt bestimmt einige Schüler, die nicht optimal betreut werden können. Am liebsten wäre uns allen, dass wir einen vernünftigen Wechselunterricht hinbekommen.»

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