Lernprobleme durch Distanzunterricht: Experten für Hilfen

11.03.2021 Der monatelange Distanzunterricht hat vielen Schülern in Hessen zu schaffen gemacht. Weil persönliche Kontakte zu den Lehrern fehlen, wachsen Lernprobleme und Wissenslücken. Wie lässt sich gegensteuern?

Während einer Unterrichtsstunde einer zehnten Klasse liegt ein Mund-Nasen-Schutz auf dem Tisch einer Schülerin. Foto: Uli Deck/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die lange Phase der Distanzbeschulung birgt nach Einschätzung von Bildungsexperten vor allem bei Grundschulkindern das Risiko der Ausbildung von Lernschwierigkeiten. Je jünger Kinder seien, desto stärker seien sie beim Einstieg in die Schriftsprache und Mathematik auf individuelles Feedback angewiesen, sagte Marcus Hasselhorn vom Frankfurter DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation der Deutschen Presse-Agentur. Bereits seit längerem fordert die Lehrer-Gewerkschaft GEW, zusätzliches Personal einzustellen, um die Schüler intensiver unterstützen zu können.

Gerade bei der Beschulung von Klassen mit durchschnittlich 20 Kindern über digitale Technik könnten die Lehrkräfte nur schwer auf das individuelle Verständnis und möglichen Förderbedarf von Grundschulkindern eingehen, sagte Hasselhorn. Hinzu komme: Kinder aus bildungsfernen Schichten sowie mit bereits vor der Corona-Krise bestehenden Lernschwierigkeiten dürften nun noch stärker abgehängt werden, erwartet der Experte.

Zwar verhinderten in Deutschland rigide Datenschutzbestimmungen aussagekräftige Analysen zur Lernsituation der Kinder, sagte Hasselhorn. Daher stütze sich das DIPF bei seinen Empfehlungen auf Daten aus Nachbarländern wie der Schweiz mit einem ähnlichen Schulsystem wie Deutschland. Kürzlich seien dort Analysen der durch die Schulschließung bedingten Leistungseinbußen bei rund 350 000 Schülern vorgelegt worden. Auf Basis dieser Daten geht das Institut davon aus, dass auch hierzulande derzeit rund 15 Prozent der Grundschüler nicht die Mindeststandards im Lesen, Schreiben und Rechnen erfüllen, wie Hasselhorn sagte.

Diese Einschätzung habe auch für «Bewegung» im hessischen Kultusministerium gesorgt, so der Experte. Für die betroffenen Kinder könnten zwar Einzelsitzungen hilfreich sein, doch sei das angesichts einer Vielzahl weiterer Aufgaben für die Lehrkräfte in der erforderlichen Menge kaum leistbar. In Hessen sollen betroffene Grundschüler deshalb mithilfe spezieller Förderprogramme unterstützt werden. «Es geht darum, zu vermeiden, dass die Kinder eine Lese- und Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie ausbilden», sagte Hasselhorn. Denn rasch könne sich dadurch ein «Teufelskreis» aus Verständnisschwierigkeiten, schlechten Zensuren und Demotivation auch für die folgenden Schuljahre entwickeln.

Durch Homeschooling und Distanzunterricht bedingte Lerndefizite machen sich nach Einschätzung privater Nachhilfeanbieter wie der Schülerhilfe aber auch bei älteren Schülern bemerkbar. Viele Eltern seien mit dem Homeschooling überfordert und verunsichert, wie es um den aktuellen Leistungsstandard der Kinder stehe, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Häufig werde auch von mangelnder Selbstorganisation und Konzentrationsschwierigkeiten aufgrund der langen Lernzeit am PC berichtet, heißt es von dem Unternehmen, das neben Studienkreis, Lernstudio Barbarossa und weiteren Anbietern zu den privaten Nachhilfe-Instituten gehört.

Um auch Schülern höherer Klassen mit Lernschwierigkeiten zu helfen, plant das hessische Kultusministerium weitere Angebote, wie ein Sprecher sagte: So sollen in den Oster- und den Sommerferien wieder Feriencamps und -akademien angeboten werden, über die verpasster Schulstoff nachgeholt werden kann. Die Organisation liege bei den Schulen, das Ministerium werde Geld für entsprechendes Personal zur Verfügung stellen, sagte der Sprecher. In den Sommerferien 2020 seien rund 20 000 der hessenweit rund 760 000 Schüler über die Ferienakademien gefördert worden, das habe auch in etwa dem Bedarf entsprochen.

Wie die Nachfrage in diesem Jahr ausfalle, bleibe abzuwarten. Vorteil des Angebotes sei, dass der Stoff nach der langen Zeit des Distanzunterrichts vor Ort und nicht über digitale Technik vermittelt werde. Während der Corona-Pandemie habe «der persönliche Faktor noch mehr an Bedeutung gewonnen», sagte der Sprecher. Neben den Oster- und Sommerferienangebote arbeite das Ministerium an einem ganzen Bündel weiterer Maßnahmen. Zur Frage der Versetzung von Kindern mit erkennbaren Lerndefiziten sei man noch in Gesprächen, sagte der Sprecher. Im vergangenen Jahr hatte das Ministerium die Devise ausgegeben, dass kein Kind zurückgelassen werde.

Erst am Dienstag war bekanntgeworden, dass die hessischen Schüler vor einer Rückkehr in den Präsenzunterricht stehen. So soll für die Grundschüler nach den Osterferien ab Mitte April der eingeschränkte Regelbetrieb mit fünf Tagen pro Woche Unterricht gelten, wie das Kultusministerium bekanntgab. Für alle Klassen ab Jahrgangsstufe fünf soll dann die Schule im Wechselunterricht möglich sein. Noch vor den Osterferien ab 22. März werden zudem Präsenztage in den Klassen ab Jahrgangsstufe sieben eingerichtet, um auf den Wechselunterricht vorzubereiten. Dabei ist mindestens ein Präsenztag pro Woche in der Schule vorgesehen. Voraussetzung für diese Öffnungsschritte ist jedoch laut Ministerium, dass der landesweite Corona-Inzidenzwert nicht über 100 steigt.

Auch die GEW hat die Probleme im Blick. «Jedes Kind, das verloren geht, ist eines zu viel», sagte die Co-Vorsitzende der GEW Hessen, Birgit Koch. Um gegenzusteuern, sei generell eine stärkere Förderung durch zusätzliches Personal nötig. Dafür könnten Mittel aus dem für die Schulen vorgesehenen Topf des Corona-Sondervermögens aufgewendet werden. Sinnvoll wäre aus Kochs Sicht, beispielsweise Lehramtsstudenten oder Studierende der Sozialen Arbeit einzubinden, die coronabedingt derzeit keine Schul- und sonstigen Praktika ableisten könnten. Auch sie könnten von einer solchen Lösung profitieren, weil sie praktische Erfahrungen sammeln und etwas Geld verdienen könnten. «Damit würde man mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen», sagte Koch.

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