Suchtberatung in Corona-Pandemie vermehrt nachgefragt

13.03.2021 Das Coronavirus hat den gewohnten Tagesablauf durcheinandergebracht, Homeschooling und Homeoffice für viele Hessen zum Alltag gemacht. Für suchtkranke und suchtgefährdete Menschen ist dies eine besonders gefährliche Situation.

Eine Frau hält ein Glas in dem sich der Kräuterlikör Ramazzotti und ein Eiswürfel befinden. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Alkohol, illegale Drogen, Aufputschmittel, Online-Spiele - die Corona-Krise wird nach Einschätzung von Experten zu mehr Suchterkrankungen führen. «Wir stellen seit Beginn der Pandemie einen Anstieg bei den Anfragen nach Suchtberatung fest», sagte die Geschäftsführerin der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS), Susanne Schmitt, der Deutschen Presse-Agentur. Die Beratungsstellen in Hessen böten wegen der Pandemie vermehrt Beratung per Telefon oder Video an.

Erste Studien zeigten, dass der Alkoholkonsum während des Lockdowns im März 2020 zugenommen habe, nicht nur in Hessen, sondern bundesweit. «Es ist zu vermuten, dass aufgrund der Dauer der Pandemie weiter vermehrt getrunken wird», sagte Schmitt. Gleiches gelte für den Konsum illegaler Drogen wie Cannabis oder Kokain und Medikamentenmissbrauch. Auch die Mediennutzung etwa von Computerspielen habe deutlich zugenommen.

«Eine fehlende Tagesstruktur, der Verzicht auf Freizeitaktivitäten, Sorgen und Ängste um den Arbeitsplatz verleiten zum Konsum und erhöhen das Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Menschen versuchen diese Herausforderungen auf verschiedene Art und Weisen zu bewältigen», sagte Schmitt. Problematisches oder exzessives Online-Spielen gehöre dazu - ein Problem, das auch Kinder und Jugendliche betreffen könne.

Eine Erhebung von Forsa vom Oktober hatte ergeben, dass etwa ein Viertel der Menschen mit ohnehin problematischem Alkoholkonsum seit Corona noch mehr trinkt. Eine weitere Studie förderte steigenden Alkoholkonsum bei einem Drittel von rund 3000 befragten Erwachsenen seit der Krise zutage.

Ein besonderes Augenmerk müsse auf Menschen liegen, die schon vor Corona ein Suchtverhalten entwickelt hatten und abhängig waren, sagte Schmitt. Auch die Rückfallgefahr für Menschen, die vor der Pandemie einen Ausstieg geschafft hätten, sei erhöht. Denn Selbsthilfegruppen hätten wegen der Pandemie ihre gewohnte Arbeit einstellen müssen. Sie böten normalerweise dauerhafte und kontinuierliche Unterstützung. Je nach Lage der Pandemie seien nur Einzelkontakte möglich, etwa beim Spazierengehen als «Walk and Talk».

Belastbare Zahlen zum Anstieg der Suchtberatung und von Suchterkrankungen in der Pandemie gebe es derzeit für Hessen noch nicht. Eine Sucht entwickele sich oft langsam und zeige sich mitunter erst nach Jahren, sagte Schmitt. Derzeit befänden sich viele Menschen zu Hause, wo Konsum weniger sichtbar ist. «Ob jemand Bier im Homeoffice trinkt oder neben der Arbeit Online-Spiele spielt, fällt zumindest dem Arbeitgeber nicht auf.»

Auf eine Suchterkrankung könnten nachlassende Leistung am Arbeitsplatz, Vernachlässigung des sozialen Umfeldes oder starke Stimmungsschwankungen hinweisen. In dem Fall sollte man sich an eine der Beratungsstellen wenden. Die Beratung ist anonym und kostenfrei. «Wenn Angehörige oder Freunde eine Suchterkrankung vermuten, die Person am besten ansprechen und Hilfsbereitschaft signalisieren», riet Schmitt.

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