Massenandrang bei Impftag: «Wir brauchen mehr Impfstoff»

12.06.2021 Viele Menschen warten sehnsüchtig auf ihre Corona-Impfung - und übernachten sogar vor einer Arztpraxis, um eine der begehrten Impfdosen zu ergattern, wie die Aktion eines Hausarztes in Babenhausen zeigt.

Ein Abstrich wird in einem Labor auf das Coronavirus untersucht. Foto: Oliver Berg/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Mit diesem Massenansturm bei seinem «offenen Impftag» hat Hausarzt Abrar Mirza nicht gerechnet: Bereits zum Start der Corona-Impfaktion am Samstagmorgen hatten sich vor der Praxis im hessischen Babenhausen rund 1500 bis 2000 Menschen eingefunden, um sich den schützenden Piks abzuholen. Einige davon waren bereits am Vortag angereist und hatten vor der Praxis campiert. Dank einer Notfallreserve an Impfdosen habe er bis zum Abend insgesamt 1200 Menschen impfen können, darunter vorwiegend jüngere Patienten unter 40 Jahren, die wegen der Priorisierung bisher keine Chance auf eine Schutzimpfung gehabt hätten, sagte Mirza der Deutschen Presse-Agentur.

Die südhessische Kleinstadt mit rund 16.000 Einwohnern stellte der Andrang allerdings vor Herausforderungen. Schon morgens hatte Bürgermeister Dominik Stadler (parteilos) fast flehentlich dazu aufgerufen, nicht mehr nach Babenhausen anzureisen, da es im Stadtgebiet bereits zu erheblichen Verkehrseinschränkungen komme und die vorgesehenen Parkplätze voll seien. Polizei und Ordnungsamt waren vor Ort, um die Verkehrssituation unter Kontrolle zu halten. Die große Resonanz des Impftages ist für Stadler ein klares Signal: «Wir brauchen endlich mehr Impfstoff.» Sowohl Kommunen als auch Mediziner täten alles dafür, um der großen Nachfrage nachzukommen, also müssten auch die verantwortlichen Politiker dafür sorgen, dass mehr davon bereitgestellt werde.

Laut Mirza verabreichte ein Team aus sieben Personen die Impfungen an die Patienten, die teils von weither anreisten: Viele seien aus dem Raum Aschaffenburg nach Babenhausen gefahren, selbst aus Köln reiste laut Mirza ein Patient zu der Impfaktion. Allen Menschen, die geduldig bis zum Schluss in der Warteschlange ausharrten, habe man noch eine Dosis des Impfstoffs von Johnson&Johnson verabreichen können, niemand von ihnen sei leer ausgegangen. Der Impfstoff habe den Vorteil, dass gerade Patienten nicht noch einmal von weither nach Südhessen kommen müssten, um sich eine zweite Dosis abzuholen, sagte Mirza. Finanzielle Gründe hätten bei der Aktion keine Rolle gespielt. Er habe gerade jüngeren Patienten helfen wollen, die seit langer Zeit auf ihre Corona-Schutzimpfungen warten und nicht verreisen könnten. Durch die Aktion seien zudem auch Unkosten entstanden, etwa weil Security auf dem Gelände für einen reibungslosen Ablauf sorgte, sagte Mirza.

Der Allgemein- und Notfallmediziner leitet ein Medizinisches Versorgungszentrum in Babenhausen. Üblicherweise erhalte er dort wöchentlich etwa 100 bis 150 Impfdosen - frustrierend wenig, wie er sagte: Nach einem Aufruf an die Patienten, Impfwünsche per Mail mitzuteilen, hätten sich binnen weniger Tage 5000 Menschen gemeldet, es bleibe nicht einmal die Zeit, ihnen Absagen zu erteilen.

Um am Samstag den Zustrom zu lenken war ein Parkplatz eigens mit einer Art Parcours ausgestattet worden, wie Bürgermeister Stadler berichtet hatte. Auch Harmonika-Spieler Norbert Herbert - Künstlername «Happy-Man» - fand sich ein, um den Wartenden die Zeit mit einem Ständchen zu verkürzen. Manche von ihnen hatten sich Klappstühle, Hocker und Getränke mitgebracht. Nach Angaben eines Beobachters mussten einige Menschen nach ihrer Impfung wegen der Wärme mit Kreislaufproblemen behandelt werden.

Der Hausarzt hatte nach Angaben von Stadler etwa eine Woche zuvor bekanntgegeben, dass er 1000 Impfdosen bestellt habe und diese am Samstag Impfwilligen ohne vorherige Registrierung verabreichen werde. Man habe von städtischer Seite von vornherein Bedenken zu den Plänen geäußert, weil die Befürchtung bestand, eine freie Vergabe der Impfungen könne zu einer schwierigen und «nicht steuerbaren» Lage führen, sagte der Bürgermeister. Die Stimmung unter den Wartenden sei aber friedlich und gelöst gewesen, alle hätten sich an die Regeln gehalten.

Dennoch werde man im Falle einer Wiederholung der Aktion nachsteuern, so Stadler. Der Tag werde auch mit Blick auf die für die kommenden Tage erwarteten hochsommerlichen Temperaturen intensiv nachbereitet. «Wir soll man den Leuten erklären, dass sie bei 35 bis 37 Grad sieben Stunden in der Sonne stehen sollen», so der Bürgermeister. Hausarzt Mirza räumt ein, dass eine solche Aktion in einer Kleinstadt nicht leicht zu handhaben sei. Er hat aber bereits eine Idee, wo sich solche Impfungen künftig besser organisieren lassen könnten: Auf einem ehemaligen Kasernengelände würde es nach seinen Worten genügend Platz dafür geben.

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