Staus wegen gesperrter Brücke: Stadt organisiert Rettung neu

23.06.2021 Noch ist völlig offen, wann es an der gesperrten Autobahnbrücke bei Wiesbaden eine erste Entspannung geben könnte. Der Minister spricht von einer Katastrophe, bei Feuerwehr und Rettern gibt es inzwischen Notfallpläne.

Die leere A66 an der Salzbachtalbrücke. Foto: Sebastian Gollnow/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Wegen der vielen Staus in Wiesbaden wegen der gesperrten Autobahnbrücke organisiert die Stadt die Einsätze von Feuerwehr und Rettungsdienst neu. Damit soll eine schnelle Hilfe auch bei verstopften Straßen gewährleistet werden, wie die Stadt am Mittwoch mitteilte.

Die aktuelle Verkehrslage werde in der Leitstelle laufend beobachtet. Der Lagedienst der Feuerwehr entscheide dann bei jedem Einsatz, ob von den üblichen Standardeinsatzplänen und -routen abgewichen wird, um die Einsatzstelle schnellstmöglich erreichen zu können, erläuterte ein Feuerwehrsprecher.

Zudem wurden Einsatzfahrzeuge zu anderen Standorten der Berufsfeuerwehr gebracht, um auch bei Staus in allen drei Wachbezirken jederzeit Schutz gewährleisten zu können, wie die Stadt mitteilte.

Die Feuerwehr appellierte an die Bürgerinnen und Bürger, bei Stau eine Gasse für die Einsatzfahrzeuge offen zu halten. «Das betrifft nicht nur Autobahnen oder mehrspurige Straßen, sondern auch Straßen in der Innenstadt.»

Sollte sich die Verkehrslage auf längere Dauer als schwierig gestalten, sei es vorstellbar, an einer oder mehreren Stellen im Stadtgebiet während der verkehrsstarken Zeiten eine «mobile Wache» einzurichten, teilte die Stadt mit.

Die Salzbachtalbrücke der A66 war vergangene Woche gesperrt worden, nachdem sich der Überbau um 30 Zentimeter abgesenkt hatte und Betonbrocken auf die unter der Brücke hindurchführende Bundesstraße gefallen waren. Auch die Straßen und Bahngleise unter der Brücke dürfen derzeit nicht befahren werden. Der Hauptbahnhof ist vom Zugverkehr so gut wie abgeschnitten.

Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir bezeichnete die Sperrung als den «größten anzunehmenden Unfall für die Mobilität in und um Wiesbaden». «Das ist wirklich eine Katastrophe. Jetzt ist das passiert, was nie passieren sollte», sagte der Grünen-Politiker dem «Wiesbadener Kurier» (Mittwoch). Die Autobahn GmbH des Bundes arbeite fieberhaft daran, den Schaden einzuschätzen. Die Experten könnten aber nicht sagen, wie lange die Vollsperrung dauern wird, weil unklar sei, in welchem Zustand sich der Südteil der Brücke befinde, erklärte der Minister.

Das bisherige Abrisskonzept für den Südteil habe vorgesehen, die Brücke Stück für Stück zurückzubauen, um sie nicht einfach zu sprengen, sagte Al-Wazir. «Bei einer Sprengung besteht die Gefahr, dass die Nordbrücke beschädigt wird, auf der bisher noch auf drei Spuren gefahren werden konnte», erklärte der Minister.

«Würde man die Brücke sprengen, könnte zudem in Mitleidenschaft gezogen werden, was unter der Brücke ist.» Da sind unter anderem Straßen, Bahngleise und das Wiesbadener Klärwerk. «Ich bin trotzdem dafür, dass die Autobahn GmbH in dieser Notsituation ernsthaft auch über einen schnelleren Abriss bis hin zur Sprengung nachdenkt», sagte Al-Wazir. «Vielleicht kann man die Sommerferien für den schnellen Abriss nutzen.»

Al-Wazir erinnerte an seine Forderungen, dass Sanierung Vorrang vor Neubau haben sollte. «Wir haben jahrzehntelang viel zu wenig in den Erhalt der bestehenden Infrastruktur investiert», sagte er. 2015 seien dann bei Hessen Mobil 25 neue Stellen für eine Task Force «Brückenerhaltung» geschaffen worden.

Die Salzbachtalbrücke sei so marode gewesen, dass sie erst einmal habe verstärkt werden müssen, damit sie durchhält, bis der Neubau fertig ist, sagte Al-Wazir. Die meisten der etwa 4000 Brücken in Hessen seien in einem guten oder befriedigenden Zustand, etwa jede Zehnte sei in einem schlechten oder sehr schlechten Zustand. Diese Brücken würden sehr genau geprüft. «Da ist die Sicherheit nicht gefährdet.»

Das derzeitige Verkehrschaos müsse man in den Griff bekommen, etwa mit zusätzlichen Bussen hin zu den noch angefahrenen Bahnhöfen, sagte Al-Wazir. «Wir sind mit der Stadt und dem Rhein-Main-Verkehrsverbund im Gespräch über die Verstärkung von Alternativ-Routen.»

Der Bauindustrieverband Hessen-Thüringen (BIV) forderte, «ein langes Verkehrschaos für die Landeshauptstadt und die westliche Rhein-Main-Region abzuwenden». Es müsse eine schnelle und pragmatische Lösung her. «Jahrelange Genehmigungs- und Planungsprozesse kann sich jetzt niemand leisten», mahnte BIV-Hauptgeschäftsführer Burkhard Siebert. «In einem zweiten Schritt brauchen wir eine Art Runden Tisch, um uns partnerschaftlich über die immense Aufgabe zur Instandsetzung der teilweise maroden Verkehrsinfrastruktur in Hessen zu verständigen.»

Im Verkehrsausschuss des hessischen Landtags in Wiesbaden kritisierten die Oppositionsfraktionen, Minister Al-Wazir hätte den Neubau der Brücke früher und mit mehr Nachdruck vorantreiben müssen. Das System der Planung müsse generell überprüft werden. Vor allem die Pendler müssten nun die Versäumnisse der vergangenen Jahre ausbaden.

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