Stolz und Freude: Mathildenhöhe ist Unesco-Welterbe

25.07.2021 Das Ensemble markiert den Wendepunkt in Architektur und Kunst an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Die Künstlerkolonie Mathildenhöhe ist mit dem Titel Unesco-Welterbe ausgezeichnet worden. Ein großer Schatz für Darmstadt.

Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen ) und der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) bejubeln am Nachmittag die Entscheidung der Unesco. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Zehn Jahre harte Arbeit und nun der Triumph: Die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt ist seit Samstag Unesco-Welterbe. Sie kann sich künftig in einem Atemzug etwa mit den Pyramiden von Giseh in Ägypten und der Inka-Stadt Machu Picchu in Peru nennen.

Die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (Unesco) stuft das Ensemble als Weltkulturerbe ein. Zuvor war am Samstag bereits Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen zusammen mit acht anderen europäischen Kurorten als «Große Bäder Europas» der begehrte Titel verliehen worden. Das zuständige Komitee der Unesco traf die Entscheidungen auf seiner 44. Sitzung in der chinesischen Stadt Fuzhou.

Die Auszeichnung wurde in Hessen mit Stolz und Freude aufgenommen. «Die Mathildenhöhe ist einzigartig, nicht nur in Deutschland, sondern international», sagte Kulturministerin Angela Dorn (Grüne) am Samstag. Die Stadt Darmstadt sei um einen großen Schatz reicher. Bei Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) war die Erleichterung und Freude spürbar: «Wir haben zehn Jahre hart daran gearbeitet.» Es sei ein historischer Tag für die Stadt. Seit dem Beginn der Arbeiten 2011 wurden mehr als 40 Millionen Euro in das Ensemble investiert.

Die Mathildenhöhe in Darmstadt aus der Wende zum 20. Jahrhundert besteht aus dem Hochzeitsturm, einer russischen Kapelle, weiteren Gebäuden, einer Parkanlage und Skulpturen. Die Künstlerkolonie gilt als Schnittpunkt zur Moderne der Architektur - nicht einfach ein Jugendstil-Ensemble, sondern ein Schritt zum Bauhaus. Peter Behrens als einer der ersten Künstler war später Lehrer des Bauhausbegründers Walter Gropius.

Die Intention zum Bau der Kolonie war im ausgehenden 19. Jahrhundert keineswegs nur kultureller, sondern handfester ökonomischer Natur. Der hessische Großherzog Ernst Ludwig sah mangels Bodenschätzen einen Wirtschaftsaufschwung nur durch mehr Qualität in den Manufakturen gewährleistet und holte Künstler aller Couleur nach Darmstadt.

«Die Mathildenhöhe ist ein weltweit herausragendes Beispiel visionärer Gestaltungskunst», sagte die Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission, Maria Böhmer. «Künstlerinnen und Architekten haben hier an der Nahtstelle von Jugendstil und Neuem Bauen Pionierarbeit geleistet.» 14 Jahre lang, von 1901 bis 1914, sei die Mathildenhöhe eines der wichtigsten Zentren moderner Kunst und Architektur in Europa und der Welt gewesen. Vier internationale Ausstellungen trugen in dieser Zeit dazu bei, Architektur und Design in ein neues Zeitalter zu führen.

Klare Linien, Klinkerfriesen, umlaufende Fensterfronten, Flachdächer, wie sie im Bauhaus zu vorherrschenden Stilelementen wurden, sah man erstmals in Darmstadt.

Das Welterbekomitee tagt noch bis zum 31. Juli online und vor Ort. Es setzt sich aus 21 gewählten Vertragsstaaten der Welterbekonvention zusammen. Es entscheidet in der Regel jährlich über die Einschreibung neuer Kultur- und Naturstätten in die Welterbeliste und befasst sich mit dem Zustand eingeschriebener Stätten. Wegen der Pandemie war die Tagung im vergangenen Jahr verschoben worden. Auf der Welterbeliste stehen mehr als 1100 Kultur- und Naturstätten in 167 Ländern. 51 davon gelten als bedroht. Deutschland hat jetzt 48 Welterbestätten.

© dpa-infocom GmbH

Weitere News