Long-Covid-Krankheit: Von Covid-19 genesen und nicht gesund

31.01.2021 Die meisten Menschen, die sich mit Sars-CoV-2-Virus infiziert haben, müssen sich nur mit leichten Symptomen auseinandersetzen. Andere sterben. Es gibt noch eine weitere Gruppe: Menschen, die nach durchgestandener Krankheit noch lange mit Symptomen kämpfen.

Ein Mitarbeiter hält ein Teströhrchen in den Händen. Foto: Sven Hoppe/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die öffentliche Betrachtung von als genesen geltenden Covid-19-Patienten wird nach Ansicht von Jördis Frommhold, Chefärztin der Median-Klinik in Heiligendamm, einer Gruppe nicht gerecht: den sogenannten Long-Covid-Erkrankten. «Das sind Patienten, die einen nicht einmal schweren Krankheitsverlauf durchlitten haben müssen. Sie waren nach der Erkrankung weitgehend symptomfrei und haben erst nach einer gewissen Latenzzeit Symptome entwickelt», sagt Frommhold. Die vielschichtigen und häufig neurologischen Symptome hinderten die Menschen, ein normales Leben zu führen.

Knapp 2,2 Millionen Menschen in Deutschland haben sich seit Anfang 2020 mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert, etwa 55 000 von ihnen starben. Knapp 1,9 Millionen gelten als geheilt. «Doch geheilt ist mitunter nicht gleich gesund», sagt Frommhold. Bis zu 50 Prozent aller Klinik-Patienten leide unter Long-Covid. Eine Studie aus China zeige nach schwerem Akutverlauf und ohne weitere Nachsorge, dass sogar bis zu 76 Prozent der vermeintlich Genesenen nach sechs Monaten unter Long-Covid-Symptomen leiden. Die Median-Klinik in Heiligendamm ist auf die Rehabilitation von Covid-19-Patienten spezialisiert, seit April 2020 wurden rund 350 Patienten behandelt.

Frommhold befürchtet, dass diese Menschen aus dem Blick der Öffentlichkeit und der Politik geraten und letztlich ihrem Schicksal überlassen werden. «Das kann sich zu einem volkswirtschaftlichen Problem entwickeln.» Denn viele dieser Patienten standen zuvor mit beiden Beinen fest im Leben und der Arbeitswelt.

Zu den Symptomen gehören chronische Müdigkeit oder Abgeschlagenheit. Dazu kämen zunehmend auch neurologische Einschränkungen. Es könnten sich zudem psychosomatisch bedingte Krankheiten entwickeln. «Die Patienten waren dynamisch und leistungsstark. Obwohl sie als genesen gelten, sind sie nicht arbeitsfähig und nicht in ihr bisheriges Leben integriert», sagte Frommhold. Sie könnten so in eine Negativspirale geraten. Viele Betroffene berichteten, mit ihren Problemen selbst bei öffentlichen Anlaufstellen nicht ernst genommen zu werden.

Für den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach wird die Bedeutung von Long-Covid dramatisch unterschätzt. «Es stellt sich immer stärker heraus, das Covid-19 eine Erkrankung des gesamten Gefäß- und Immunsystems ist», betonte Lauterbach. Auch das Gehirn könne betroffen sein. «Eine wesentliche Steigerung des Demenzrisikos kann damit in späteren Lebensphasen einhergehen», sagte Lauterbach.

Lauterbach forderte die weitere Erforschung von Long-Covid. Zudem müssten spezielle Reha-Kliniken aufgebaut werden. Das Angebot sei nicht ausreichend. Zusätzlich müsse eine Kampagne auf die Gefahren von Long-Covid aufmerksam machen. «Es ist ein Fehler zu glauben, dass nur die Alten sterben und die Jungen selbst nicht gefährdet sind.»

Zu den medizinischen Hintergründen der Long-Covid-Erkrankung sei wenig bekannt, berichtete Frommhold. «Wir haben die Vermutung, dass es sich um eine Autoimmunreaktion handeln könnte.» Es gebe bereits den Nachweis, dass nach einer Covid-19-Erkrankung Autoantikörper gegen die Haarwurzeln gebildet werden, was zum typischen Long-Covid- Haarausfall führt. Auch im Liquor, dem Gehirnwasser, seien schon Antikörper gefunden worden. «Das zeigt, dass da irgendwas abläuft.»

«Patienten mit der Long-Covid-Problematik können behandelt werden», betonte Frommhold. Es sei aber fraglich, ob die frühere Leistungsfähigkeit zu 100 Prozent erreicht werden kann. Inzwischen gebe es auch an einigen Universitätskliniken Anlaufstationen, außerdem haben sich Selbsthilfegruppen gebildet.

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