Nach Brand in Alt Tellin: Aus für «Tierfabriken» gefordert

15.04.2021 Der folgenschwere Brand in der Schweinezuchtanlage von Alt Tellin hat die Debatte um Massentierhaltung und Tierwohl neu entfacht. Im Landtag wurde erneut darüber debattiert. Vor dem Parlament wurden die Forderung nach sofortiger Schließung von «Tierfabriken» laut.

Demonstration gegen den Neuaufbau der Schweinezuchtanlage Alt Tellin. Foto: Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Tier- und Umweltschützer haben am Donnerstagmorgen vor dem Landtag in Schwerin ein Ende der Massentierhaltung und mehr Rücksicht auf das Tierwohl gefordert. Anlass war der verheerende Brand in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin (Kreis Vorpommern-Greifswald), bei dem Ende März rund 55 000 Sauen und Ferkel qualvoll verendet waren. «Tierfabriken schließen» und «Nie wieder Alt Tellin» war auf Plakaten zu lesen. Kritik wurde auch an der Landespolitik laut, da sie die Errichtung solch großer Zucht- und Mastanlagen genehmigt habe.

Agrarminister Till Backhaus (SPD), der sich dem Dialog mit den Demonstranten stellte, verwies auf die Gesetzeslage in Deutschland, räumte aber erheblichen Reformbedarf ein. Wie schon am Mittwoch im Landtag versicherte er auch vor den Demonstranten, dass die Stallanlage in Alt Tellin nicht wieder in der bisherigen Form aufgebaut werde. Zwar sei die Brandursache noch nicht endgültig geklärt, doch habe die Prüfung ergeben, dass Brandschutzkontrollen durch die zuständige Behörde des Kreises letztmals 2015 stattgefunden hätten. Er habe deshalb angewiesen, dass alle großen Geflügel- und Schweineställe im Land zeitnah überprüft werden.

Unterdessen läuft in Alt Tellin immer noch die Beseitigung der vielen Kadaver, wie ein Sprecher des Betreibers erklärte. Dort standen 7000 Sauen und 50 000 Ferkel, nur etwa 1300 Tiere überlebten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Brandstiftung, hält aber auch eine technische Ursache für möglich.

«Wir arbeiten eng mit den Behörden zusammen, auch bei der Fehleranalyse», sagte der Sprecher der Landwirtschaftlichen Ferkelzucht Deutschland (LFD) Holding. Ein Teil der beim Brand getöteten Tiere wird in die einzige Tierkörperbeseitigungsanlage im Nordosten nach Malchin (Mecklenburgische Seenplatte) gebracht. Für die Überreste von Tieren, die als Sondermüll entsorgt werden müssen, sind laut Schweriner Umweltministerium zwei Deponien im Gespräch, darunter Ihlenberg (Nordwestmecklenburg).

Backhaus kündigte eine Initiative Mecklenburg-Vorpommerns im Bundesrat zur Festlegung bundesweit geltender Obergrenzen für die Tierhaltung an. Brandenburg und möglicherweise auch Thüringen würden den Antrag unterstützen. Alleingänge hätten keine Aussicht auf Erfolg. «Es wäre eine Illusion, dass Mecklenburg-Vorpommern allein Veränderungen erreichen könnte», sagte der Minister im Landtag, der sich auf Antrag der Linksfraktion erneut mit dem Thema befasste.

Die Abgeordneten stimmten einem von der Linken initiierten und auf Veranlassung von SPD und CDU leicht abgeänderten Antrag einstimmig zu. Darin wird die Landesregierung unter anderem aufgefordert, einen Widerruf der Betriebsgenehmigung für den Schweinezuchtbetrieb in Alt Tellin zu prüfen, auf regelmäßige Brandschutzkontrollen in Zucht- und Mastbetrieben zu dringen, Vorgaben für wirksame Brandschutzkonzepte zu machen und sich für «eine bodengebundene regionale Tierhaltung» einzusetzen.

Die Teilnehmer der Demonstration forderten sofortiges Handeln, unter anderem den Entzug der Betriebserlaubnis für die umstrittene Stallanlage in Alt Tellin. Die Grünen schlossen sich den Forderungen an.

Die Spitzenkandidatin der Partei für die Landtagswahl, Anne Shepley, forderte Agrarministers Backhaus auf zu handeln. «Keiner weiß so richtig, wer wirklich der Betreiber ist. Es fehlt seit langem an Transparenz. Verhandeln über den Wiederaufbau ist falsch. Es kann nur eine Konsequenz geben: die Betriebserlaubnis entziehen», sagte Shepley. Der Minister müsse zudem endlich ein Konzept für eine zukunftsfähige, tierwohlgerechte Landwirtschaftspolitik vorlegen. Backhaus habe im Landtag betont, dass er für eine flächengebundene Tierhaltung und Tierobergrenzen sei. Das müsse sich auch in der Politik des Landes niederschlagen, forderte Shepley.

Die LFD Holding gilt als größtes deutsches Ferkelzuchtunternehmen, sie hat nach eigenen Angaben 400 Mitarbeiter in elf Betrieben mit rund 55 000 Sauenplätzen und zehn Biogasanlagen vor allem in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Brandenburg und Bayern. Die LFD wurde vor gut einem Jahr von der Terra Grundwerte AG in der Schweiz übernommen, die wiederum von der Lindhorst Gruppe in Niedersachsen beraten wird.

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