Corona-Infektionsort Kita? Erzieherinnen sehen sich am Limit

31.01.2021 Im harten Lockdown kommen nur wenige Menschen anderen Menschen ohne Maske sehr nahe. Bei der Betreuung von Ein- bis Sechsjährigen ist das unvermeidbar. Karen Barjenbruch steckte sich wohl bei der Arbeit mit dem Virus an. Sie hofft auf Unterstützung aus der Politik.

Karen Barjenbruch, Heilerziehungspflegerin, sitzt auf einer Schaukel. Foto: Sina Schuldt/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Angesichts von hochansteckenden Corona-Mutationen fordern Erzieherinnen in Niedersachsen dringend bessere Schutzkonzepte für die Notbetreuung in Kitas. «Uns würden zum Beispiel eine längerfristige Planung und kleinere Gruppen helfen», sagte Karen Barjenbruch, die in einer Kita in Twistringen im Landkreis Diepholz arbeitet. In einem Brief an Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) und andere Politiker schildert die 30-Jährige den Alltag mit 13 Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren auf engstem Raum ohne Mindestabstand und meist ohne Maske.

«Ich sprach mit Kollegen, die Angst haben, um ihre eigene Gesundheit, um die ihrer Familien. Kollegen, die unter Schlaflosigkeit leiden, eine absolute Hilflosigkeit verspüren», schreibt die Heilerziehungspflegerin, die selbst an Covid-19 erkrankte. Über den Brief hatte zuerst die «Kreiszeitung» in Syke berichtet.

Laut einer Auswertung der Krankenkasse AOK waren Berufe in der Betreuung und Erziehung von Kindern von März bis Oktober am stärksten von Krankschreibungen im Zusammenhang mit Covid-19 betroffen. In den ersten beiden Pandemie-Monaten hatten noch Kranken- und Altenpfleger vorne gelegen. In der Kita von Barjenbruch infizierten sich im November auch vier ihrer Kolleginnen sowie Kinder. Die kleinen Mädchen und Jungen würden oft gar nicht getestet, wenn sie keine Symptome entwickelten, ist die Beobachtung der 30-Jährigen.

Das niedersächsische Kultusministerium bleibt dabei, dass Kinder keine Infektionstreiber seien. Die Daten zu an Covid-19 erkrankten Menschen und die Zahl der geschlossenen Einrichtungen bewegten sich konstant auf einem niedrigen Niveau, bekam Barjenbruch aus Hannover zur Antwort. Die Notbetreuung dürfen im zweiten Lockdown nicht nur Eltern in systemrelevanten Berufen nutzen. Freie Plätze sollen etwa mit Kindern mit erhöhtem Förderbedarf oder sonstigen Härtefällen aufgefüllt werden.

Das Land Bremen wechselte erst in der vergangenen Woche in die Kita-Notbetreuung - Auslöser war der erste Nachweis der britischen Corona-Variante B.1.1.7 bei einer Kita-Beschäftigten. Schlagzeilen machte ein Corona-Ausbruch in einer Freiburger Kita, bei dem sich mindestens 18 Kinder und Erzieherinnen mit einem mutierten Virustyp angesteckt hatten. Baden-Württemberg verschob daraufhin die Öffnung von Kitas und Grundschulen.

In Bremen gibt es nach Angaben eines Sprechers des Gesundheitsressorts vom Wochenende derzeit in zwölf Kitas Einzelfälle und in vier Kitas Ausbrüche. Überwiegend betroffen sei das Personal, bei Kindern seien Infektionsfälle bislang nur in sehr geringem Umfang aufgetreten, erklärte Lukas Fuhrmann. Zum Fall in der Kita gebe es bislang zwei weitere bestätigte Fälle der Mutation.

Barjenbruch und einige ihrer Kolleginnen kämpfen noch immer mit den Folgen der Covid-19-Erkrankung im November. «Zwischendurch fehlt mir der Atem, und ich habe Herz-Rhythmus-Störungen», sagt die 30-Jährige. «Angst macht, dass man es jederzeit wieder bekommen kann.» In Hannover war eine Kita-Mitarbeiterin zunächst Ende November und dann wieder Mitte Januar positiv auf das Coronavirus getestet worden. Beim zweiten Mal handelte es sich um die britische Variante.

In der Kita in Twistringen, die auch integrative Gruppen hat, bietet die Lebenshilfe kostenlose Schnelltests an - ein Privileg, weil es sich um einen Träger der Behindertenhilfe handelt. Nach Auffassung der Gewerkschaft Verdi sollte das Land Niedersachsen allen Kita-Beschäftigten ein solches Angebot machen. «Was in der Pflege normal geworden ist, wird Erzieher*innen verwehrt», kritisiert Gewerkschaftssekretärin Katja Wingelewski. Sie müssten zudem in der Impfstrategie anderen gefährdeten Berufsgruppen gleichgestellt werden.

Der familienpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Volker Bajus, sagte: «Kultusminister Tonne muss deutlich mehr in einen pandemiefesten Betrieb investieren, und das Personal muss besser geschützt werden. Es ist ein schwerwiegendes Versäumnis, dass es immer noch keine Teststrategie für Kitas und Grundschulen gibt, obwohl ausreichend Schnelltest-Angebote vorhanden sind.» Zudem sollten alle positiven Tests aus Grundschulen und Kitas auch auf Mutationen untersucht werden.

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