«Licht am Horizont»: Tourismus vor Neustart mit Hürden

06.05.2021 Seit Monaten haben die niedersächsischen Urlaubsregionen auf dieses Signal gewartet. Vom 10. Mai an ist Tourismus nun wieder möglich - allerdings geknüpft an strenge Corona-Vorgaben. Vor allem zwei Regelungen stoßen dabei auf Unverständnis.

Benhard Reuter spricht. Foto: Swen Pförtner/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Wie sehr der Tourismus und die Gastronomie unter Corona leiden, hat der Hotelier Mario Krar aus Horumersiel an der Nordseeküste gerade erst wieder erfahren müssen. Nicht nur, dass er seit Monaten keine Gäste mehr beherbergen und bewirten kann. In seinen Mails fand er kürzlich auch die Nachricht eines potenziellen Auszubildenden, dem er eine Stelle zugesagt hatte. Der Bewerber sagte ab. Die Branche sei ihm doch zu unsicher.

Die schwierige Perspektive in der Corona-Krise ist auch der Grund, warum am Donnerstag an Hotels und Restaurants in ganz Niedersachsen weiße Bettlaken und Tischdecken zu sehen waren. Unter dem Motto «Wir zeigen Flagge» machten die Tourismusverbände und der Dehoga-Landesverband so auf ihre Misere aufmerksam - in Krars Hotel an der Küste, im Harz oder auch am Landtag in Hannover, wo die Initiative sich mit Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) besprach.

Es brauche endlich eine klare Öffnungsperspektive für einen Neustart der Branche, erklärte Carola Schmidt, Geschäftsführerin des Harzer Tourismusverbandes. Dabei hat die Landesregierung ja gerade erst einen weitreichenden Lockerungsplan vorgelegt: Vom 10. Mai soll der Urlaub in Regionen mit einer stabilen Sieben-Tage-Inzidenz unter 100 wieder möglich sein - wenn auch zunächst nur für Bewohner des eigenen Bundeslandes und unter der Voraussetzung engmaschiger Corona-Tests.

Ein «Licht am Horizont» sei dieser Plan, sagte Schmidt. Mehr nicht. Denn damit das Geschäft funktioniere, seien umfassende Lockerungen notwendig, also auch mit geöffneten Geschäften und Restaurants. Die Hygienekonzepte seien alle vorbereitet. Doch gerade für den Handel sei die angedachte Testpflicht sogar eine Verschlechterung, weil das Einkaufen per Click and Meet momentan auch ohne Test erlaubt ist. «Tourismus funktioniert nur ganzheitlich. Es reicht nicht aus, nur das Bett zur Verfügung zu stellen», sagte Schmidt. Die Test- und Besucherregeln seien kaum nachzuvollziehen und umzusetzen.

Ähnlich äußerte sich auch der Göttinger Landrat Bernhard Reuter (SPD). So könne er beispielsweise niemandem erklären, warum ein Gast aus einer Region in Hessen mit Corona-Werten unter 50 nicht kommen dürfe - einer aus Salzgitter, wo der Wert weit über 100 liegt, hingegen schon. In normalen Jahren liegt der Anteil der Niedersachsen am heimischen Tourismus Schätzungen zufolge bei rund 20 Prozent.

Reuter kritisierte zudem, dass die Vorgabe, wonach Gäste von Hotels und Campingplätzen jeden Tag einen neuen, negativen Corona-Test vorlegen müssen, vielleicht für Großstädte kein Problem sei, aber: «Im ländlichen Raum wird das sehr schwierig werden.»

Nachfragen zu den Testmöglichkeiten gehörten auch zu den häufigsten Reaktionen, die der Harzer Tourismusverband in den vergangenen Tagen von Reisewilligen bekommen hat. Das spreche für ein grundsätzliches Interesse am Urlaub in der Region, sagte Schmidt. Gerade für Himmelfahrt und Pfingsten stünden ohnehin noch viele Reservierungen in den Büchern. Doch der Restart brauche auch etwas Vorlaufzeit, etwa um Mitarbeiter zurückzuholen oder den Einkauf vorzubereiten.

So hat die lange herbeigesehnte Wiedereröffnung für etliche Hoteliers und Gastronomen eine unangenehme Kehrseite: In vielen Betrieben fehlen jetzt Arbeitskräfte. Zumindest kurzfristig könnte es daher schwierig werden, zum Neuanlauf in der kommenden Woche genügend Personal an den Start zu bringen, schätzt Rainer Balke, Landeschef des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga).

Wegen der bisher unklaren Perspektiven habe sich «ein nicht unerheblicher Teil der Mitarbeiter in andere Beschäftigungsbereiche hinein verlagert», sagte Balke. «Ob diese nach dem Wiederhochfahren zurückgewonnen werden können, ist höchst unsicher.» Auch die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit hält die Personalsituation in der Branche für derzeit eher schwierig.

Ein Zwiespalt, den auch Hotelier Krar in Horumersiel erlebt. Schon am Montag könnte es wieder losgehen. Doch wenige Tage zuvor sind noch viele Detailfragen offen, solange die neue Corona-Verordnung des Landes nicht final beschlossen ist. Bisher seien ja noch nicht einmal die Auswirkungen des Lockdowns genau zu überblicken, erzählt Krar. «Das Finanzielle ist noch gar nicht abschätzbar. Das letzte Jahr hat sicherlich einen Verlust gebracht. Da fehlten uns einige Monate an Geschäft. Das wird dieses Jahr ähnlich.»

Einen Ausblick darauf, wie der Neustart für ihn verlaufen wird, wagt der Unternehmer daher nicht. Ob die Menschen nach Monaten des Lockdowns so hungrig auf Ausflüge sind, dass es einen Nachholeffekt, einen Run auf Reisen geben wird? «Ich hoffe es, aber ich kann es ganz schlecht prognostizieren.»

© dpa-infocom GmbH

Weitere News