Hoffen auf «normalen» Sommer: Wie läuft der Tourismus an?

28.05.2021 Der Tourismus kommt nur langsam wieder in Gang. Eine IHK-Umfrage unter knapp 800 Betrieben im Land zeichnet ein düsteres Bild von der Lage. Die Tourismus-Kommunen und der Wirtschaftsminister setzen für einen Neustart nicht nur auf kurzfristige Maßnahmen.

Touristen sitzen vor dunklen Wolken auf einer Bank auf dem Deich und genießen ihre Pause. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Nach monatelanger Schließung des Gastgewerbes soll Niedersachsens Tourismus nach dem Willen von Kommunen und dem Land gestärkt aus der Corona-Pandemie hervorgehen. Städte und Gemeinden berieten mit Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) bei einem virtuellen Tourismusdialog am Donnerstag über einen Fahrplan, wie ein nachhaltiger Neustart für die Branche aussehen könnte.

Auf der einen Seite plädierten Land und Kommunen dafür, mittelfristig Potenziale bei Nachhaltigkeit und Digitalisierung bei der Vermarktung der niedersächsischen Tourismus-Regionen stärker zu nutzen. Auf der anderen Seite drängten touristisch geprägte Kommunen auch auf mehr Planbarkeit bei kurzfristigen Maßnahmen und auf finanzielle Hilfen.

Vor allem die Wiederbelegungssperre und die Testpflicht bereite der Hotellerie und Gastronomie Sorge, sagte der Präsident des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes, Marco Trips. Der Verband hatte zu der virtuellen Veranstaltung eingeladen. «Wir merken, dass die Testpflicht den Leuten nicht gefällt», sagte Trips. «Ob es notwendig ist, alle zwei Tage einen Test zu machen, da sind wir glaube ich bald darüber hinweg», sagte der NSGB-Präsident mit Blick auf sinkende Inzidenzen im Land.

Minister Althusmann betonte, die Testungen schafften auch ein Stück Sicherheit und könnten dazu beitragen, die Inzidenz im Sommer unter zehn zu drücken - dann sei es möglich, einen weitgehend «normalen» Sommer zu erleben. «Ich halte es nach wie vor für sinnvoll, dass wir das Testen nicht aus dem Blick verlieren», sagte Althusmann.

Vertreter von Kommunen nahmen den Tourismusdialog zum Anlass, die Lage der Tourismusbetriebe bei sich vor Ort zu schildern. «Der Inlandstourismus boomt, aber unsere Touristiker stehen vor dem Zusammenbrechen, weil sie die Leute gar nicht aufnehmen dürfen», sagte die Samtgemeindebürgermeisterin von Amelinghausen, Claudia Kalisch (Grüne). Die Branche brauche Hilfe, bevor sie zusammenbreche. Spiekeroogs Bürgermeister Matthias Piszczan (CDU) sagte: «Ich hoffe mal, dass wir mit einem kleinen blauen Auge durchkommen. Aber ich denke, dass viele in den nächsten Monaten das Segel streichen müssen, weil uns schlicht und ergreifend die finanziellen Mittel ausgehen.»

Auch eine Branchenumfrage der niedersächsischen Industrie- und Handelskammer (IHK) zeichnete am Donnerstag ein düsteres Bild vom Tourismus im Land. In der Saisonumfrage berichteten viele der teilnehmenden Betriebe von extrem schwachen Monaten und äußerten ihre Sorgen auch beim Blick nach vorn. Weit über 90 Prozent nannten eine schlechte Geschäftslage, die künftige Entwicklung schätzten - je nach Teilbranche - um die 60 Prozent als ungünstiger ein. 38 Prozent erwarten einen Job-Rückgang, wie aus der Umfrage zwischen Anfang April und Anfang Mai unter knapp 800 Betrieben im Land hervorging.

Die IHK Niedersachsen mahnte daher, mit der nächsten Corona-Verordnung möglichst einen belastbaren Öffnungsplan mit konkreten Zieldaten vorzulegen - vorausgesetzt die Pandemie-Situation entspannt sich weiter. «Wir brauchen eine mit Terminen unterlegte Ausstiegsstrategie aus dem Lockdown und weitere Schritte», sagte Arno Ulrichs von der IHK Niedersachsen der Deutschen Presse-Agentur. Das sei wichtig, um etwa die Innengastronomie vorbereiten und den Bedarf an knappen Saisonarbeitskräften abschätzen zu können.

Wirtschaftsminister Althusmann sagte, Tourismus und Gastronomie seien «am stärksten» von den staatlichen Pandemie-Maßnahmen getroffen worden. Er warb aber auch um Verständnis, dass das Land eine Abwägung zwischen Gesundheits- und Wirtschaftsschutz treffen müsse. Insgesamt sei Niedersachsen «vernünftig» durch die Krise gekommen. Geholfen hätten der Branche 120 Millionen Euro aus Bundes- und Landeshilfen.

Althusmann plädierte dafür, künftig nicht nur auf die Übernachtungszahlen zu schauen, die «atemberaubend» eingebrochen seien. «Das entscheidende Element wird aber sein, ob wir den qualitativen, nachhaltigen Tourismus in den nächsten Jahren gezielt unterstützen.»

Um den Tourismus in Niedersachsen künftig grundsätzlich zu stärken, schlug NSGB-Präsident Trips vor, unabhängig von der Corona-Pandemie eine Gesamtstrategie für den Tourismus zu entwickeln. Nachhaltigkeit und Digitalisierung seien als «Megatrends» nach der Corona-Pandemie schon jetzt identifizierbar. Das Land könne etwa bei der Vermarktung helfen, sagte Trips. «Die Pandemie zeigt, dass wir jetzt die Chance nutzen können, zusammen mit nachhaltigem Tourismus die Menschen im Inland zu binden, in unseren Tourismuszielen attraktive Angebote zu machen - und ich glaube, wir müssen das auch nach vorne stellen.»

Nach Angaben des Städte- und Gemeindebundes hängen 300.000 Arbeitsplätze in Niedersachsen am Tourismus - mit 12 Milliarden Euro trug er zuletzt zur Wertschöpfung des Landes bei.

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