Kleister gegen Sprengstoff: Kampf mit Geldautomaten-Banden

22.06.2021 Die Banken rüsten auf. Die Täter allerdings auch: Um besser abgesicherte Geldautomaten zu knacken, setzen die Banden inzwischen überwiegend Sprengstoff statt Gas ein. Sind Farbe und Kleister eine Lösung, die das Geld unbrauchbar machen?

Blaulicht auf einem Polizeifahrzeug. Foto: Jens Büttner/ZB/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Das Geldautomaten-Häuschen wurde völlig zerstört, Trümmer flogen bis zu 50 Meter weit, aber die Geldkassette wurde nur verbeult: Keine Beute, aber eine Spur der Verwüstung - so verließen unbekannte Täter im Mai den Tatort in Vreden im Münsterland. Die Polizei ließ danach noch einen zweiten Sprengsatz explodieren, den sie am Häuschen fand. Vieles an diesem Fall war typisch für Geldautomaten-Attacken im Jahr 2021. Das Landeskriminalamt (LKA) hat den aktuellen Stand der Ermittlungen jetzt in einer Analyse für den Landtag dokumentiert.

TATEN: Die Fallzahlen im laufenden Jahr liegen «deutlich unter denen des Vorjahres», so das LKA: Während in 2021 in NRW bislang 34 Taten verübt wurden (Stand 14. Juni), lag die Zahl zum gleichen Zeitpunkt 2020 bereits bei 97 Taten. Dies sei aber nur eine «Momentaufnahme», begründet unter anderem durch die Lockdown-Maßnahmen in den Niederlanden, wo die Experten fast alle Täter vermuten.

TÄTER: Die Angriffe auf Geldautomaten werden nach Erkenntnissen des LKA vorwiegend von niederländischen Tatverdächtigen verübt - «mit nordafrikanischem, meist mit marokkanischem Migrationshintergrund». 2020 rechnete man eingereisten Tätern aus den Niederlanden 79,6 Prozent aller Sprengungen zu. Schwerpunkt: Utrecht.

VORGEHEN: «Die Tatzeiten liegen in den Nachtstunden, meist zwischen 00:00 Uhr und 05:00 Uhr, verteilt über die Woche ohne einen erkennbaren zeitlichen oder räumlichen Schwerpunkt», schreibt das LKA. Und weiter: «Die Tatausführung erfolgt sehr schnell und liegt oft unter fünf Minuten. Meist agieren zwei Personen an dem Geldinstitut, eine dritte Person wartet in einem Flucht-PKW.» Bis Mitte vergangenen Jahres sei «das bevorzugte Tatmittel» noch Gas gewesen, das in Geldautomaten eingeleitet und entzündet wurde. In diesem Jahr wurde aber in rund 65 Prozent der Fälle Sprengstoff benutzt. Der Grund: Die Automaten werden immer besser abgesichert.

SCHUTZ: In den Niederlanden gibt es inzwischen immer weniger Geldautomaten, die laut LKA auch noch so gut abgesichert sind, dass die Täter bis nach NRW fahren. Aber auch hier wird der Schutz hochgefahren - die Ermittler sprechen in ihrem Papier sogar von einem «Wettrüsten» mit den Kriminellen. Das hat die Folge, dass die Täter Sprengstoff nutzen, der wie in Vreden alles in Schutt legt. Tatsächlich beißen sich die Täter aber - ebenfalls wie in Vreden - oft die Zähne an den Automaten aus: Laut LKA war 2015 noch jede zweite Attacke ein Erfolg. Im laufenden Jahr nur noch jede vierte.

KLEBER: Die Kriminalexperten sehen eine Chance in Abschreckung durch Farbpatronen oder «Klebetechnik». Bei einer Sprengung wird das Geld so zugekleistert, dass man es nicht mehr verwenden kann. Würde man das am Automaten schon kenntlich machen, bliebe er vermutlich verschont, so die Ermittler. In Frankreich habe man mit Farbpatronen die Zahl der Attacken drastisch reduziert.

ERMITTLUNGEN: Die Ermittlungskommission «Heat», die sich seit Jahren nur um Geldautomatensprengungen kümmert, ist laut LKA sehr erfolgreich - ihr Rat international gefragt. Gerne würden die Fahnder eine automatische Nummernschilderkennung einsetzen. So könnte man bei Ringfahndungen helfen und sowohl die Fluchtfahrzeuge verfolgen, als auch unmaskierte Insassen fotografieren. Die rechtlichen Voraussetzungen sind kompliziert. Das LKA regt im Schreiben an den Landtag eine Prüfung an. Dann könnten die Geräte zum Beispiel an Autobahnkreuzen oder Rheinbrücken stehen.

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