Experten: Corona belastet Kinder

29.04.2021 Die Pandemie verhindert Kontakte und lässt Kinderseelen leiden. Die Nachfrage nach Psychotherapie für Mädchen und Jungen hat zugenommen. Nicht immer sind ihre neuen inneren Belastungen gut zu erkennen.

Ein Schild hängt am Eingang einer Praxis für Psychotherapie. Foto: Jens Wolf/zb/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Keine Kindergeburtstage, weniger Kontakte, Schule zu Hause: Zu typischen Problemen im jungen Alter wie Ängsten und Mobbing kommen Corona-Belastungen, an die sich laut Experten viele Mädchen und Jungen nicht anpassen können. Nach Mitteilung der Krankenkasse Barmer vom Donnerstag stieg bei ihren jungen Versicherten bis 24 Jahren 2020 die Zahl der Anträge auf Psychotherapie im Vergleich zum Vorjahr bundesweit um 6,3 Prozent auf 44 081. Vor allem im zweiten Halbjahr 2020 zogen die Zahlen an. In Rheinland-Pfalz geht die Krankenkasse nach eigenen Angaben von einem vergleichbaren Trend aus - die Zahlen seien noch nicht fürs Land berechnet worden.

Laut Barmer-Landesgeschäftsführerin Dunja Kleis können Lehrer psychische Probleme von Kindern beim digitalen Fernunterricht schwerer als in der Schule erkennen. Auch für Eltern kann es laut Kleis generell schwierig sein, «die Gemütslage ihres Kindes richtig zu deuten. Es ist manchmal ein schmaler Grat zwischen normaler kindlicher Angst und einer behandlungsbedürftigen Angststörung.» Gerade in der Pandemie sollten Eltern, Bezugspersonen, Kinder- und Jugendärzte sowie Psychotherapeuten möglichst eng zusammenarbeiten.

Auch die Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, Sabine Maur, teilte der Deutschen Presse-Agentur mit, Corona belaste viele Jungen und Mädchen. «Dies betrifft insbesondere Kinder und Jugendliche, die vorher schon psychisch belastet waren, sowie solche, deren Familien über wenig soziale und finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten verfügen.» Die Anfragen nach Therapieplätzen und damit die Wartezeiten hätten deutlich zugenommen. Bundesweit ist die Nachfrage laut der Kammer um mehr als die Hälfte gestiegen - wobei es schon vor Corona eine durchschnittliche Wartezeit von fünf Monaten gegeben habe.

«Die Krankenkassen sollten hier Entlastung schaffen durch die Bewilligung der Kostenerstattung», forderte Maur. Insgesamt seien mehr psychosoziale Unterstützungs- und Entlastungsangebote für Familien notwendig, um auch die psychische Belastung zu verringern. Die Krankenkasse Barmer verwies auf die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigungen, die unter der Telefonnummer 116117 auch Psychotherapeuten vermittele - viele wüssten das nicht.

«Bei jüngeren Kindern tragen vor allem die Eltern die Betreuungslast parallel zur eigenen Berufstätigkeit», ergänzte Maur. «Jugendliche sind häufig belastet durch das fehlende soziale Miteinander, die Einsamkeit zuhause, den Wegfall einer Tagesstruktur, Probleme in der Selbstorganisation des Homeschoolings, den Wegfall von positiven Aktivitäten wie Hobbys und Sport sowie durch Ängste vor Erkrankungen von Angehörigen.» Dazu kämen erste Kinder und Jugendliche, die einen Elternteil durch eine Corona-Erkrankung verloren hätten.

Nach Angaben der Krankenkasse Barmer hatte sich in Rheinland-Pfalz schon vor der Pandemie der Anteil junger Menschen bis 24 Jahre, die eine Psychotherapie erhalten haben, von 2009 bis 2019 fast verdoppelt. Im Durchschnitt sei ungefähr in jeder Schulklasse ein Kind therapiebedürftig. Die Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer, Maur, erklärte: Kinder und Jugendliche seien 2019 nicht häufiger psychisch krank geworden als 2009. Besser geworden sei aber die Versorgung: «Psychische Erkrankungen werden früher erkannt, psychotherapeutische Hilfe wird offener in Anspruch genommen und es gibt mehr Behandlungsplätze.»

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