Fan-Krawalle bei Dynamos Aufstieg: «Geht nach Hause»

16.05.2021 Dynamo Dresden ist die sofortige Rückkehr in Liga zwei gelungen. Überschattet wurden die Feierlichkeiten von Ausschreitungen der Dresdner Anhänger außerhalb des Stadions - elf verletzte Polizisten. Hartmann die Fans zur Aufgabe auf: «Geht nach Hause»

Marco Hartmann. Foto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Ausgelassen tanzten die Dynamo-Profis im Mittelkreis auf dem Rasen, während die Polizei außerhalb des Stadions mit Wasserwerfern gegen die Dresdner Fans vorging. Überschattet von den schweren Ausschreitungen ist Dynamo Dresden zum vierten Mal nach 2004, 2011 und 2016 in die 2. Fußball-Bundesliga aufgestiegen. Ein 4:0 (2:0) am Sonntag gegen Türkgücü München reichte, um die Rückkehr ins Bundesliga-Unterhaus vorzeitig perfekt zu machen.

Damit korrigierten die Elbestädter den Betriebsunfall aus dem Vorjahr. Christoph Daferner hatte Dresden schon nach 15 Minuten in Führung gebracht, ehe Ransford-Yeboah Königsdörffer (27.) für die Vorentscheidung sorgte. Nach dem Wechsel trafen Heinz Mörschel (62.) und Panagiotis Vlachodimos (90.) zum Endstand.

«Ich bin erleichtert. Unser Plan ist aufgegangen, dass wir aggressiv anlaufen. Nach dem ersten Tor waren wir im Flow und haben es klasse zu Ende gespielt», sagte Dynamo-Trainer Alexander Schmidt, der zu seiner Personalie meinte: «Wir steuern einem guten Anfang entgegen. Wer hier nicht Trainer werden will, der hat sein Herz an der falschen Stelle.» Keeper Kevin Broll betonte: «Wahnsinn, dass wir das mit so vielen Rückschlägen geschafft haben. Das hatten andere in den oberen Ligen auch. Aber wir haben das gemeinsam weggesteckt. Wir waren einfach eine Sportgemeinschaft, haben Dynamo Dresden gelebt.»

Die Feierlaune war Stunden nach dem Spiel schnell dahin. Die Krawallen der Fans außerhalb verbreiteten sich auch im Stadionrund schnell. Spieler Marco Hartmann griff zum Mikrofon und sendete per Twitter ein Appell an die Anhänger vor der Spielstätte: «Ich bitte euch einfach, geht bitte nach Hause. Es bringt heute nichts mehr, wir können und dürfen heute nicht rauskommen. Wir können es auch nicht verantworten, rauszukommen, denn es würde nicht gut werden. Diese Mannschaft, ihr und dieser Verein hat es verdient, dass dieser Aufstieg und diese Leistung gebührend gefeiert wird - aber nicht heute, sondern zu einem guten Zeitpunkt. Löst es auf, geht nach Hause, trinkt einen für euch, es ist eine beschissene Situation schon seit langer Zeit, aber die Perspektive ist gut.»

Auch der Verein hatte die Randale und die Verletzten bedauert. «Dieser Moment des Aufstiegs gehört so vielen Menschen, die heute nicht im Stadion dabei sein durften», twitterte Dynamo. «Hier gibt es sehr viel aufzuarbeiten, wenn der Polizeieinsatz vor dem Stadion abgeschlossen sein wird. Es ist sehr schade, dass dieser Tag so schwer beschädigt wurde.»

Doch während des Punktspiels gegen Türkgücü München, das Dynamo 4:0 gewann, eskalierte die Situation um das Dresdner Stadion. Aus einer Menge von mehreren tausend Fans heraus hatten vermummte Hooligans vor dem Stadion begonnen, die Polizei mit Pyrotechnik, Steinen und Flaschen zu bewerfen. Die Polizei setzte Wasserwerfer, Tränengas und einen Räumpanzer ein und nahm vereinzelt Randalierer fest. Auch rund eineinhalb Stunden nach dem Spiel beruhigte sich die Lage nicht. Die Polizei berichtete am frühen Abend vor Ort zunächst von elf verletzten Beamten. Immer wieder kam es zu Ausschreitungen zwischen Anhängern von Dynamo und der Polizei. Auch Fans waren bei der Randale von umherfliegenden Teilen verletzt worden, wie ein dpa-Reporter berichtete. «Wir wünschen allen Verletzen da draußen rund um das Rudolf-Harbig-Stadion gute Besserung! Jeder betroffene Mensch ist auch an diesem Tag einer zu viel», twitterte der Verein.

Noch vor dem Anpfiff hatte die Polizei das Umfeld des Stadions großflächig abgesichert, da Polizei und Stadt einen Massenandrang von Fans vor dem Stadion befürchtete. Obwohl der Verein im Vorfeld genau wie Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) an die Anhänger appellierte, nicht zum Stadion zu kommen und zu Hause zu bleiben, versammelten sich noch vor Beginn der Partie hunderte von Fans um die Spielstätte. Die Polizei sprach nach dpa-Informationen zu diesem Zeitpunkt von einer «noch nicht angespannten Lage». Vereinzelte Anhänger zündeten anfangs Pyrotechnik.

Dynamos Sportgeschäftsführer Ralf Becker, der vor der Saison eigentlich einen Zweijahresplan ausgab, hat durch den vorzeitigen Aufstieg Planungssicherheit für die kommende Spielzeit. Ganz oben auf seiner Liste steht die Personalie des Trainers. Denn Aufstiegs-Coach Alexander Schmidt besitzt keinen Vertrag über den 30. Juni hinaus. Der 52-Jährige übernahm erst Ende April von Markus Kauczinski, dem man nach dem zwischenzeitlichen Abrutschen auf Platz vier der Tabelle den Aufstieg nicht mehr zutraute.

Dynamo startete nur schwer in die Drittliga-Saison, schaffte nur ein Sieg in den ersten drei Spielen. Nach dem neunten Spieltag war Dresden nur Tabellenachter. Doch zum Abschluss der Hinrunde übernahm Dynamo die Spitze. Trotz Rückschläge mit mehrfacher Quarantäne fürs Team hielt der Club lange diese Position. Doch nach vier sieglosen Spielen handelte der Verein und trennte sich von Kauczinski. Schmidt brachte das Team wieder auf Kurs. Nach dem Saisonendspurt kommt Becker an Schmidt daher nur noch schwer vorbei.

Dieser feierte zunächst ausgelassen vor Freude. «Gelb mit Bier steht mir gut», meinte er und hatte dankende Worte für seinen Kollegen übrig: «Ich muss meinen Vorgänger Markus Kauczinski loben. Es ist auch seine Meisterschaft, weil er so lange auf Platz eins stand. Wir haben einen guten Draht und er meinte, wir sollen es einfach nach Hause bringen. Markus, wir haben es geschafft.» Yannick Stark kündigte eine ausgelassene Feier an: «Heute ist alles erlaubt, die können alle drei Eimer Bier über mir leeren.» Am Ende saß das Team im Stadion fest und musste die bitteren Nachrichten von außen verarbeiten.

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