Weniger Diebstähle, mehr Intensivtäter

15.03.2021 Wie hat die Corona-Pandemie das Kriminalitätsgeschehen verändert? Wird mehr Gewalt angezeigt, unter anderem im häuslichen Umfeld? Diese und ähnliche Fragen werden seit Monaten gestellt. Jetzt gibt der Innenminister Antworten.

Michael Richter (CDU), Minister für Inneres, spricht. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Rein rechnerisch ereignet sich in Sachsen-Anhalt jeden Tag 487 Mal eine Straftat. Das ist ein leichter Anstieg im Vergleich zum Vorjahr, als 475 solcher Taten täglich angezeigt wurden. Dies geht aus der am Montag von Innenminister Michael Richter (CDU) in Magdeburg präsentierten Kriminalstatistik hervor. Demnach registrierte die Polizei in Sachsen-Anhalt voriges Jahr in absoluten Zahlen 177 905 Straftaten und damit 2,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Etwas mehr als jede zweite davon wurde aufklärt (54,1 Prozent).

«Das Land Sachsen-Anhalt ist und bleibt sicher», sagte Richter, der trotz des leichten Anstiegs der Fallzahlen von einer positiven Bilanz sprach. Die Corona-Pandemie und die verhängten Lockdowns hätten «fast alle Kriminalitäts- und Deliktbereiche» im Land beeinflusst. So habe es etwa weniger Diebstähle gegeben, aber mehr Taten im Internet. Die wichtigsten Entwicklungen:

DIEBSTAHL: Jede dritte Tat, die in Sachsen-Anhalt angezeigt wird, ist ein Diebstahl. Im vorigen Jahr wurden in diesem Bereich mit 61 076 Fällen rund 1,2 Prozent weniger gezählt. Das ist laut Ministerium der deutlichste Rückgang in den einzelnen Bereichen. Laut Statistik sorgte die Corona-Pandemie vor allem für weniger Wohnungseinbrüche (minus 10,8 Prozent auf 2125 Fälle) und weniger Ladendiebstähle. Bei den Fahrraddiebstählen gab es einen leichten Rückgang (minus 1,8 Prozent auf 10 352 Fälle). Nach oben ging es hingegen bei den Kellereinbrüchen (plus 16,4 Prozent auf 8487 Fälle). Die Ermittler vermuten bei diesen Tätern vor allem Beschaffungskriminalität als Motiv.

INTERNETBETRÜGER: Während es im realen Leben der Sachsen-Anhalter weniger Diebstähle gab, wurden deutlich mehr Betrugsfälle im Internet registriert. Vor allem der Warenkreditbetrug im Internet habe zugenommen, hieß es. Laut Statistik wurden 10 900 Fälle angezeigt - 8,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Zudem macht der Warenkreditbetrug gut ein Drittel aller Fälle bei den Vermögens- und Fälschungsdelikten aus.

DROGEN: Im Jahr 2020 sind laut Statistik 23 Männer und Frauen in Sachsen-Anhalt an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben. Das waren 7 mehr als 2019. Die Polizei registrierte zudem mehr Drogenkriminalität, das Ministerium führt das aber nicht auf mehr Straftaten, sondern auch verbesserte Kontrollen zurück. Permanenter Kontrolldruck sowie Zufallsfunde bei anderen Ermittlungen seien ausschlaggebend, um das Dunkelfeld zu erhellen, hieß es. Angezeigt wurden am Ende 15 644 Fälle im Zusammenhang mit Drogen, das waren 363 mehr als noch 2019.

SEXUALISIERTE GEWALT: Die Ermittler haben weniger sexuellen Missbrauch von Kindern registriert (minus 8 Prozent auf 506 Fälle), auch die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen ging um 18 Prozent zurück (241 Fälle). Insgesamt stieg jedoch die Zahl der Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gestiegen. Laut Ministerium trug dazu auch ein Trend bei, bei dem sich Jugendliche immer häufiger kinderpornografische Videos untereinander zusenden - auch in Klassen-Chats.

Dabei sei den Kindern und Jugendlichen häufig nicht bewusst, dass hinter den Fotos und Videos ein realer Missbrauch stehe, hieß es. Insgesamt wurde 430 Mal die Verbreitung kinderpornografischer Schriften angezeigt - das waren 50 beziehungsweise 13,5 Prozent mehr als noch 2019.

MORD UND TOTSCHLAG: In Sachsen-Anhalt wurden 122 Fälle von Mord und Totschlag erfasst, jeder zweite blieb im Versuchsstadium. Dennoch wurden fünf gewaltsame Todesfälle als Mord gewertet. Obwohl damit gut 30 Fälle lebensgefährlicher oder tödlicher Gewalt mehr registriert wurden, bleibt der Anteil dieses Delikts am Gesamtgeschehen bei 0,1 Prozent. Insgesamt nahm die Polizei im Land mehr Gewalttaten auf: Es wurden 25 700 sogenannte Rohheitsdelikte registriert, 3,6 Prozent mehr als im Vorjahr.

Vor allem bei den Bedrohungen (plus 552 Fälle beziehungsweise 14 Prozent) sowie der gefährlichen und schweren Körperverletzung (plus 313 Fälle beziehungsweise 7,9 Prozent) gab es einen deutlichen Anstieg. Im Bereich häuslicher Gewalt wurden laut Statistik 4438 Taten angezeigt. Das bedeutet rechnerisch 12 Fälle jeden Tag und entspricht einem Plus von 9,6 Prozent. Auch die Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten nahm zu: Es wurde 856 Mal Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte angezeigt (plus 100 Fälle, beziehungsweise 13 Prozent).

TÄTER UND VERDÄCHTIGE: Drei Viertel der von der Polizei ermittelten 62 000 Tatverdächtigen waren Männer, wie aus der Statistik hervorgeht. Wie schon in den Vorjahren konnte die Polizei einen erheblichen Anteil an Straftaten wenigen Tätern zuordnen. Laut Statistik waren 970 Kriminelle für 17 000 beziehungsweise 17,5 Prozent aller im Land registrierten Taten verantwortlich.

Diese sogenannten Intensivstraftäter machen aber nur 1,6 Prozent aller Verdächtigen aus. Damit ist ihr Anteil am Gesamtgeschehen erneut gestiegen: Im Jahr 2019 zählte die Polizei 945 Menschen zu dieser Kategorie und ordnete ihnen 16,2 Prozent aller Taten zu. Als Intensivtäter wird gewertet, wer in einem Jahr mehr als neun Taten begeht.

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